Der Ausbau der Stromnetze ist auch für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft wichtig. Foto: Tennet

Wasserstoff: Echtes Henne-Ei-Problem

05. Februar 2026 | von Falko Lehmeier

Diejenigen, die Wasserstoff nutzen oder herstellen könnten, investieren nicht, da weder Preise noch Verfügbarkeit des Energieträgers kurzfristig vorhergesagt werden können. So ist Wasserstoff aber in vielen Fällen keine wirtschaftliche Alternative.

 

Die meisten Menschen erinnern sich an den Chemie-Unterricht in ihrer Schulzeit und die spektakuläre Knallgas-Probe. Was bei einigen zu Unrecht eine falsche Einschätzung des Wasserstoffs als Energieträger hinterlassen hat, ist dabei nur ein Aspekt, warum das Gas als Energieträger Startschwierigkeiten in einer Breitenanwendung in Industrie, Logistik und anderen Bereichen erfährt.

Durch Anforderungen an die Dekarbonisierung und steigende Preise über CO₂-Zertifikate für fossile Brennstoffe wird das einfachste Element der Natur an Bedeutung gewinnen. Obwohl das reichlich in gebundener Form vorliegende Element nicht 1:1 Erdgas als Energieträger ersetzen wird, sind eine Reihe von Anwendungen kaum mit anderen Energieträgern zukünftig vorstellbar. Die Einsatzmöglichkeiten des leicht flüchtigen Gases sind dabei vielfältig: Als Prozessgas, zur Energiespeicherung, als Treibstoff für Brennstoffzellen oder auch in umgerüsteten Verbrennungsmotoren.

Die hauptsächliche Problematik ist ein regelrecht doppeltes Henne-Ei-Problem: Potenzielle Anwender von Wasserstoff halten sich mit Investitionen in entsprechende Technologien zurück, da weder Preise noch Verfügbarkeit des Energieträgers kurzfristig vorhergesagt werden können und er damit im Moment noch selten eine wirtschaftliche Alternative darstellt. Anbieter kennen keine zuverlässigen Abnahmemengen und können entsprechend keine Skalenvorteile in tendenziell sinkende Preise umsetzen. Infrastrukturbetreiber haben keine Garantie, dass umgerüstete Gas-Verteilnetze sich zukünftig refinanzieren und halten sich ebenfalls zurück. Der Anwender wieder sieht wenig Fortschritt und verschiebt Investitionen. Innovationen verzögern sich, da an keiner Stelle ein deutlicher Nachfragedruck nach neuen Technologien spürbar wird. Und so dreht sich das Karussell auf niedrigem Niveau. Eine leitungsgebundene Versorgung mit Wasserstoff als Energieträger steht noch am Anfang. Mit dem Kernnetz wird derzeit eine Infrastruktur geschaffen, die bis zum Zieljahr 2032 durch Umrüstung bestehende Leitungen sowie Neubau zur Verfügung stehen soll. Sie wird Häfen mit dem Binnenland verbinden, Industriezentren beliefern und über europäische Grenzen hinweg führen. Die Finanzierung wird über ein Amortisationskonto mit einem festgelegten Hochlaufentgelt gesichert, damit Netzentgelte für die ersten Anwender nicht exorbitant hoch sind, Leitungsnetzbetreiber aber gleichzeitig einen wirtschaftlichen Anreiz zum Betrieb haben. Das von der Bundesnetzagentur genehmigte Netz wird rund 9700 Kilometer lang und etwa 20 Mrd. Euro teuer werden; im Bezirk der IHK Hannover wird es Leitungen geben, einige Regionen werden allerdings ausgespart. 

Bis zur Breitenverfügbarkeit von Wasserstoff über Leitungsnetze bleiben dennoch einige Herausforderungen zu lösen. Einmal muss zwischen Fernleitungen und Verteilnetzen unterschieden werden. Während Fernleitungsnetzbetreiber über die Regelungen zum Kernnetz sich einem kalkulierbaren Risiko gegenübersehen, sind die Betreiber darunterliegender Verteilnetze mit anderen Herausforderungen konfrontiert. Energieversorger wie Stadtwerke wissen, welche Teile ihres Leitungsnetzes für eine Umstellung auf das Gas geeignet sind und welche Investitionen dafür getätigt werden müssen. Wasserstoff in das eigene Leistungsportfolio aufzunehmen wird erst sinnvoll, wenn sich Ankerkunden mit längerfristig bestehenden Investitionen auf den Energieträger verlegen. Die Crux liegt dabei wieder am kaum seriös vorherzusagenden Preis, der bei zurückhaltender Nachfrage nur über günstigere Gestehungskosten – also Innovationsgeschehen – mittelfristig sinken kann. Werden keine Ankerkunden gefunden, ist selbstverständlich eine Mitversorgung kleinerer Verbraucher im Verteilnetz unwirtschaftlich.

Wasserstofftankstellen-Säulen mit H2-Symbol vor blauem Himmel, Symbolbild für Wasserstofftechnologie und nachhaltige Energie
Entscheidend ist, wo der Strom zur Erzeugung herkommt: Die Wasserstoff-­Farblehre. Foto: stock.adobe.com / bht2000

Städte und Gemeinden in Deutschland sind aktuell dabei, Kommunale Wärmeplanungen zu erstellen, über die mögliche Wege der Dekarbonisierung in der Gebäudeenergie aufgezeigt werden sollen. Fossile Gase werden bei einer klimaneutralen Gebäudeheizung zukünftig nicht mehr zum Einsatz kommen, gleichzeitig stellt Wasserstoff eine technisch mögliche, aber gegenüber elektrisch betriebener Wärmepumpen derzeit deutlich teurere technische Alternative dar. Als Konsequenz aus mangelnder Verfügbarkeit regenerativer Gase wie Wasserstoff und einem Fokus auf Gebäudeenergien, stehen so die Gas-Verteilnetze in ihrer derzeitigen Größe in Frage. Gleichzeitig bedeutet dies auch, dass Industrien, die auf leitungsgebundene Prozessgase angewiesen sind, auch bei einer Umstellung auf Wasserstoff sich mangelnder Versorgung und – bei sinkender Kundenzahl im Netz – deutlich steigender Netzentgelte gegenüber sehen können.

Über die Regulierung und letztlich auch über den Markt sehen sich Unternehmen aber zunehmenden Anforderungen zur Dekarbonisierung ihrer Prozesse gegenüber. Von der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) sowie der EU-Taxonomieverordnung betroffene Unternehmen suchen sich ihre Geschäftspartner wie auch deren Produkte zunehmend nach Nachhaltigkeitskriterien aus und reichen damit Anforderungen an Dekarbonisierung über den Markt weiter. Banken wiederum nehmen bei der Kreditvergabe wegen der Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) ebenfalls Nachhaltigkeitsbelange in den Blick, sodass Investitionen in Anlagen wie auch in Produktionsprozesse vermehrt in Richtung Anwendungen erneuerbarer Energien tendieren. Hohe Prozesstemperaturen lassen sich mit Wasserstoff als Prozessgas realisieren, so bei Schmelz- oder Brennprozessen. Steht der Energieträger noch nicht zur Verfügung, sind Einzellösungen beobachtbar. Inzwischen gibt es eine Reihe von Anbietern, die Elektrolyseure, Speicher, Brennstoffzellen, Tankstellen und weitere Komponenten mit ihren Kunden nach deren Ansprüchen projektieren. 

Wasserstoff wird einen entscheidenden Beitrag zur Dekarbonisierung in Hochtemperaturanwendungen, Mobilität, Energiespeicherung und vielen weiteren Bereichen liefern. Die Weise der Erstellung des Gases allerdings ist je nach Technologie und Ausgangsstoff nicht frei von fossilen Energieträgern. So hat sich eine Farbpalette entwickelt, die beide Aspekte abbildet. Wasserstoff ist grün bei einem Einsatz erneuerbarer und emissionsfreier Energien, blau bei Erdgas als Ausgangsstoff mit anschließender CO2-Abscheidung, grau ohne Abscheidung, türkis bei Methanpyrolyse, rot bei Atomstrom und weiß bei äußerst seltenen natürlichen Lagerstätten. Für den Anwender bleibt das Molekül in seinen Eigenschaften völlig gleich – die damit verbundenen Emissionen unterscheiden sich. Für einen Technologiewechsel hin zu einer Wasserstoffwirtschaft und einer baldigen und möglichst breiten Anwendung als Energieträger wird man sich kaum praktikabel ausschließlich auf grünen Wasserstoff verlegen können, denn dazu sind die Kapazitäten der Erzeugung schlicht nicht ausreichend vorhanden. Auch wird Deutschland zukünftig mehr als die Hälfte des vorsichtig prognostizierten Bedarfs über Importe decken müssen. 

Glasherstellung bei Ardagh: Blick in einen glühenden Schmelzofen, IHK-Projekt 2026
Wasserstoff kann einen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten: Im Schmelzofen von Ardagh in Nienburg wird derzeit aber noch ausschließlich Erdgas eingesetzt. Foto: Hagemann/Finger

Noch steht die Wirtschaft am Anfang eines Hochlaufes, bei dem es um Entscheidungen, überhaupt in Wasserstofftechnologien zu investieren, geht. Dabei ist auf einer lokalen Ebene das Problem in Teilen möglicherweise leichter zu lösen, als es zunächst den Anschein weckt. Grundsätzlich bestehen heute bereits eine Reihe von Prozessen, bei denen entweder Wasserstoff als Nebenprodukt anfällt und wirtschaftlich genutzt werden könnte oder auch Sauerstoff in größeren Mengen verfügbar sein muss, der sich mittels Elektrolyse vor Ort erstellen lässt. Mögliche Produzenten und Anwender, Kommunen und Wissenschaft zusammenzubringen, haben sich Wasserstoffnetzwerke zur Aufgabe gemacht. Mit der Wasserstoff-Allianz Südniedersachsen und dem Wasserstoff-Netzwerk Leine-Weser gibt es im Gebiet der IHK Hannover sogar zwei Netzwerke. Innovations- und Technologietransfer, der Aufbau sektorübergreifender regionaler Wertschöpfungsketten und die Begleitung von Unternehmen wie auch Kommunen stellen dabei wichtige Aktivitäten dar. Vernetzung und Information wird im Falle des Netzwerkes Leine-Weser mit einer Übersichtskarte zu Unternehmen, Leitungsnetz, Institutionen und Energieerzeugungsanlagen geleistet. 

Denn nicht nur ist eine Technologieorientierung von Anwendern notwendig, auch Kommunen müssen Genehmigungsverfahren zur Umsetzung von Investitionen zügig durchführen können. Lokale bis regionale Wasserstoff-Lieferketten können über den Austausch und Wissenstransfer entstehen, benötigen aber auch die richtigen Rahmenbedingungen: Kommunen sind hierbei genauso wie das Land aufgefordert, Wasserstofftechnologien über Strategien, Fachplanungen und letztlich den eigenen Rechtsetzungsbereich nicht zu verhindern. Vielmehr muss eine Technologieoffenheit aktiv ermöglicht werden. 

Letztlich kann über die regionalen Netzwerke auch ein Teil des oben beschriebenen Henne-Ei-Problems thematisiert werden. Je spezifischer sich Unternehmen einer Region oder auch nur eines Versorgungsgebietes mit Wasserstofftechnologien auseinandersetzen, desto konkreter können künftige Bedarfe ermittelt werden. Für Städte und Gemeinden ist eine technologieoffene und für den Einsatz von Wasserstoff geeignete Ausrichtung notwendig, damit Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit einzelner Unternehmen bis zu ganzen Regionen ermöglicht wird.

Wasserstoffnetzwerke unterstützen
Im Bereich der IHK Hannover gibt es zwei Wasserstoffnetzwerke, die sich zum Ziel gesetzt haben, alle wichtigen Akteurinnen und Akteure zu vernetzen, Informationen zu verbreiten und das Thema voranzubringen. Das Wasserstoffnetzwerk Leine-Weser erstreckt sich von Diepholz über die Region Hannover bis nach Holzminden und Hildesheim. Die Wasserstoff-Allianz Südniedersachsen engagiert sich in den Kreisen Göttingen und Northeim. 

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