Andreas Falk, Werksleiter von Ardagh Glass Packaging (vorn) in Nienburg blickt mit einem Kollegen in die Brennkammer einer Glasschmelzwanne. Foto: Hagemann/Finger

Brennendes Thema Wasserstoff

05. Februar 2026 | von Georg Thomas

Wasserstoff kann bei der Glasherstellung zumindest teilweise Erdgas ersetzen und so den Ausstoß von CO₂ verringern. Darum bemüht sich Ardagh Glass Packaging für das Werk in Nienburg um einen Zugang zum Wasserstoffnetz. Allerdings geht Glasproduktion auch anders, wie Ardagh in Obernkirchen beweist. 

 

Schweden hatte die Nase vorn. Die Skandinavier  konnten schneller die Verfügbarkeit einer großen Menge an Strom aus erneuerbaren Energien zusichern. Deswegen entschied sich Ardagh vor vier Jahren dazu, sein Werk im westschwedischen Limmared mit einem Elektrolyseur zur Herstellung von Wasserstoff zu ergänzen. Bereits zweieinhalb Jahre später konnte der weltweit tätige Konzern dort neben Erdgas auch den vor Ort erzeugten grünen Wasserstoff zur Befeuerung der Schmelzwanne in der Glasfabrik einsetzen, in der bei fast 1600 Grad Celsius Glas geschmolzen wird. „Wir hatten dort von den Behörden viel Freiraum bekommen. Denn inwieweit Wasserstoff in der Praxis eingesetzt werden kann, ohne dass sich das Verfahren in der Brennkammer grundsätzlich ändert, war in der Praxis bis dahin noch nicht ausprobiert worden“, erklärt Sven-Roger Kahl, der sich mit dem Thema Wasserstoff bei Ardagh bereits seit dem Jahr 2019 beschäftigt. Der Ingenieur für Glastechnologie arbeitet für alle europäischen Ardagh-Standorte, so auch für das Werk in Nienburg, das mit rund 670 Beschäftigten das größte in Deutschland ist. Er gehört zu den rund 60 Mitarbeitenden der europäischen Zentralorganisation, die alle 19 Standorte in Europa unterstützt. Ardagh hat in Deutschland sieben Glaswerke – mit Nienburg, Obernkirchen und Bad Münder sind es allein drei im Bereich der IHK Hannover.

IHK Besuch bei Ardagh: Zwei Personen vor dem Ardagh Industriegebäude
„Wasserstoff wird hier eine Rolle spielen“, sagt Sven-Roger Kahl (li.), Ingenieur für Glastechnologie von Ardagh Glass Packaging. Der Nienburger Werksleiter Andreas Falk setzt auf den Anschluss ans Wasserstoffkernnetz.

Warum überhaupt Wasserstoff?
Wasserstoff ist ein wichtiger Hebel zur Dekarbonisierung der Glasproduktion. Er kann in bestehenden Anlagen einen Teil vom Erdgas ersetzen und damit fossile Emissionen senken, ohne dass dazu Schmelzwannen neu gebaut werden müssen. Der Konzern hat sich bereits vor einigen Jahren dazu verpflichtet, seinen CO₂-Fußabdruck bis zum Jahr 2030 um 42 Prozent zu senken. Von einem nachhaltigeren Produktionsprozess verspricht sich Ardagh auch eine bessere Kundenbindung. „Zudem helfen wir unseren Kunden bei der Reduktion ihrer Scope3-Emissionen“, erklärt Kahl. Dies sind alle Treibhausgasemissionen, die in der Wertschöpfungskette eines Unternehmens entstehen – also hier bei der Herstellung des Glases, das die Kunden von Ardagh als Verpackung einsetzen.

Zu den Abnehmern des Glases aus Nienburg gehören unter anderem eine namhafte Brauerei und ein Hersteller von Marmeladen aus der näheren Umgebung. Das seit 1891 bestehende Glaswerk gehörte über viele Jahrzehnte zur damaligen Brauerei Beck aus Bremen. Seit 2007 ist die frühere „Nienburger Glas“ ein Teil von Ardagh Glass Packaging.

Wasserstoff senkt CO₂-Ausstoß
Bei der Dekarbonisierung ist der Umstieg auf Wasserstoff eine Option für Unternehmen und Konzerne wie Ardagh.  „Wir liegen nicht weit entfernt vom geplanten Wasserstoffkernnetz, sodass wir davon ausgehen zusammen mit anderen Unternehmen aus dem Industriepark Nienburg über eine Stichleitung daran angeschlossen zu werden“, erklärt Werksleiter Andreas Falk. Aufgrund der Erfahrungen aus Schweden könnte Ardagh auch im Nienburger Werk Wasserstoff beimischen und so den Erdgasverbrauch und die Treibhausgasemissionen senken. „Seit dem Start in Schweden konnten dort 20 Prozent Erdgas im Betrieb ersetzt  und 1250 Tonnen CO₂ eingespart werden. Die Glasqualität wurde durch den Einsatz von Wasserstoff nicht negativ beeinflusst“, sagt Ingenieur Kahl.

Laut dem Werksleiter habe sich Ardagh um einen Zugang zum Wasserstoffkernnetz bemüht. Der Konzern rechne aber nicht mit einem Anschluss vor dem Jahr 2032. Und bis dahin seien auch noch einige Fragen zu klären. Um seine Nachhaltigkeitsziele zu verfolgen, braucht Ardagh Wasserstoff aus erneuerbaren Quellen zu „angemessenen Marktpreisen“, der bislang kaum verfügbar ist. „Für Investitionsentscheidungen brauchen wir klare, verlässliche Rahmenbedingungen, beispielsweise bei Genehmigungen und der Netzanbindung aller Ardagh-Glaswerke an das Kernnetz. Wir sind als Konzern mit der Politik bei diesen Themen im ständigen Austausch“, sagt Andreas Falk. 

Glasflaschenproduktion bei Ardagh im Jahr 2026, industrielle Fertigung, IHK
Im Werk von Ardagh Glass Packaging in Nienburg werden auch Flaschen für Hersteller von Spirituosen hergestellt. Foto: Hagemann/Finger

„Es gibt keine Universallösung, die für alle Standorte passt“, ergänzt Ingenieur Kahl. „Die Entscheidung treffen wir standortabhängig, anhand technischer Machbarkeit im Ofenbetrieb, Umrüstaufwand, Energieverfügbarkeit am Standort und der Frage, welche Lösung die größte CO₂-Wirkung bei vertretbaren Kosten und Risiken erzielt.“ Für Standorte, die keinen Anschluss an das Wasserstoffnetz erhalten, ist auch denkbar, den Wasserstoff lokal zu erzeugen – wofür allerdings wiederum große Strommengen notwendig sind.

So kam es, dass Ardagh sein Werk in Obernkirchen im Landkreis Schaumburg vor drei Jahren auf eine weitgehend elek-trisch betriebene Schmelzwanne umrüsten konnte, weil dort die nötige  Infrastruktur vorhanden war. Bei dieser Hybridwanne ist das Verhältnis komplett umgedreht. „Die Energie kommt aktuell zu 60 Prozent aus erneuerbarem Strom, auf Erdgas entfallen nur 40 Prozent.“ Die Umrüstung, für die es 12 Mio. Euro Zuschuss vom Bund gab, gehört zu den bundesweiten Vorzeigeprojekten der Dekarbonisierung.

Ardagh hat bei der Bundesnetzagentur auch für Nienburg mittelfristig einen deutlich größeren Strombedarf angemeldet. „Die Frage ist, wie schnell die Infrastruktur dafür angepasst werden kann“, sagt der Werksleiter, der dabei eher von zehn Jahren ausgeht.
„Es ist auf jeden Fall kein gerader Weg“, sagt Sven-Roger Kahl und meint dabei den Einsatz von Wasserstoff in der Glasherstellung. Gegenüber Erdgas verfüge Wasserstoff über einen geringeren Heizwert, eine deutlich geringere Energiedichte und es verbrennt sechs Mal schneller. Daher gebe es auch bei den technischen Regelwerken bei dem Thema aus Sicht des Ingenieurs noch Handlungsbedarf. „Offiziell hätten wir in Deutschland jetzt keine Genehmigung zum Einsatz von Wasserstoff“, sagt Kahl. 

Mitarbeiter bei der Glasproduktion in der Ardagh Group, Flaschenherstellung in industrieller Fertigungshalle, IHK 2026
Ein Ardagh-Mitarbeiter reinigt seinen Arbeitsplatz im Nienburger Glaswerk. Foto: Hagemann/Finger

Welche Bedeutung Wasserstoff im Glaswerk in Nienburg in Zukunft haben wird, lässt sich heute noch nicht mit Gewissheit sagen. Aber Ardagh schafft jetzt die Voraussetzungen für die nächsten Jahrzehnte. Und für Sven-Roger Kahl ist klar: „Wasserstoff wird hier eine Rolle spielen. Aber wir setzen darauf, nur so wenig Wasserstoff wie nötig einzusetzen.“ Ardagh sieht deutliche Vorteile für die direkte Elektrifizierung in der Glasindustrie.
Im Fazit, dass Ardagh zu seinem Pilotprojekt im schwedischen Limmared gezogen hat, heißt es, „Wasserstoff ist eine Option dort, wo günstiger, erneuerbarer Strom zur Verfügung steht.“

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