Buchcover von 'Der amerikanische Weckruf' von Cathryn Clüver Ashbrook, erschienen im Brandstätter Verlag

Ein Weckruf: Unmöglich zu überhören

05. Februar 2026 | von Klaus Pohlmann

Was gerade in den USA passiert, ist ein Weckruf. Das politische System wird rasend schnell verändert. Wie das geschieht, was das bedeutet, zeigt ein aktuelles Buch. 

 

Nicht nur alle, die noch glauben, Donald Trump sei ein politischer Einzelgänger, der mit einer besonderen Art persönlicher Ausstrahlung zum zweiten Mal US-Präsident wurde und seitdem irrlichternd für Unruhe in der Welt sorgt, sollte Cathryn Clüver Ashbrooks gerade veröffentlichtes Buch lesen. Erschienen ist es nur wenige Tage nach dem IHK-Auftakt 2026 in Hannover: Clüver Ashbrook diskutierte dabei in Hannover mit Marie-Agnes Strack-Zimmermann über die neue, selbstverordnete Rolle der Vereinigten Staaten, die das bisherige internationale Zusammenspiel auf den Prüfstand stellt. Die Auseinandersetzung um Grönland mit einem Showdown in Davos ist nur eine Facette. Dass Politik seit rund einem Jahr auch mit Zöllen betrieben wird, führt zu Unsicherheit insbesondere bei exportorientierten Unternehmen. 

Und diese Situation kann länger andauern, so Clüver Ashbrook: „Europa muss sich darauf vorbereiten, es auf absehbare Zeit mit einem autoritären Amerika zu tun zu haben.“ Und sie zählt auf, was zu dieser Vorbereitung gehört, „eine Verringerung der wirtschaftlichen Abhängigkeiten, der gezielte Aufbau einer zukunftsfähigen Verteidigungsindustrie und -politik, eine Vertiefung des Binnenmarkts und der Aufbau eigener Technologiekapazitäten – zumindest für Bereiche, die für die Verteidigungsfähigkeit und die gesellschaftliche Resilienz wichtig sind.“

In ihrem Buch beschreibt die USA-Expertin nicht nur eingehend das höchst genau geplante Vorgehen der vergangenen zwölf Monate, mit dem das bisherige politische und gesellschaftliche System der Vereinigten Staaten verändert wurde und wird. Sondern auch die schon lange stärker werdenden Strömungen, auf denen der Erfolg Trumps beruht: eine in die gleiche Richtung steuernde Bewegung sehr unterschiedlicher Gruppierungen.

Die Wurzeln dieser Strömungen reichen bis in die Amtszeit Ronald Reagans zurück, so Clüver Ashbrook. Insofern gilt: Was da gerade in den USA passiert, „wir hätten es sehen können." Das sagte die Politikwissenschaftlerin beim IHK-Auftakt in Hannover.

Apropos Hannover: 250 Jahre nach ihrer Gründung wenden sich die USA laut Clüver Ashbrook genau den Herrschaftsprinzipien zu, die von der Unabhängigkeitsbewegung in den amerikanischen Kolonien seinerzeit bekämpft wurde. Vertreten wurden diese Prinzipien in England von Georg III., der eben auch hannoverscher König war. Geschichte kommt nicht ohne eine gewisse Ironie aus.

Und heute? Beim IHK-Auftakt in Hannover hatte Clüver Ashbrook von einer „vermeintlich“ gesicherten Demokratie gesprochen. Was kann Europa, was kann Deutschland tun, um Demokratie und Freiheit zu erhalten angesichts des amerikanischen Weckrufs? Denn genau darum geht es aus ihrer Sicht: Was in den USA geschehen könnte, sollte wach machen gegenüber Entwicklungen, die sich gegen grundlegende Werte richten. 

Ein Aspekt: Sprache. Einen Ausgangspunkt für die heute akuten Entwicklungen sieht Clüver Ashbrook in einem politischen Leitfaden, der in den 80er Jahren ganz bewusst die Herabsetzung von Vertreterinnen und Vertretern der konkurrierenden Partei forderte. Eine Konsequenz daraus könnte sein: Auseinandersetzung ja, aber nicht feindselig - das ist eine Möglichkeit, dem gesellschaftlichen Auseinanderdriften zu begegnen. Clüver Ashbrook weist in diesem Zusammenhang auf die amerikanische Initiative „Disagree better“ hin – vernünftig anderer Meinung sein, so könnte man das vielleicht übersetzen. Oder auch: Gegenseitige Wertschätzung trotz unterschiedlicher Auffassungen. Das ist zumindest etwas, mit dem man unmittelbar anfangen könnte.

 

Der amerikanische Weckruf.  
Von Cathryn Clüver Ashbrook. Brandstätter Verlag, Wien 2026. 208 Seiten, 22 Euro. 
ISBN: 978-3-710609329