Streiflicht, Freitags-Kolumne: Kaisers Kleid - digital
10. April 2026 | von Klaus PohlmannZiemlich genau 90 Minuten Verspätung auf einer halbstündigen S-Bahn-Fahrt. Nein, wir fragen jetzt nicht, warum nach jahrelangen Bauarbeiten an der Strecke mit großen Einschränkungen für Pendlerinnen und Pendler nach wie vor Bahnübergänge und Signale kaputt gehen.
Wohl aber nach den Informationen, die einem so geboten werden. Da bin ich mit dem Fahrrad längs des Bahndamms unterwegs, in gleicher Geschwindigkeit mit einem Güterzug auf Schleichfahrt ebenfalls zum Bahnhof. Aber die Anzeige über der Treppe zur Unterführung runter zeigt: Die S-Bahn kommt pünktlich. Wie schön.
Etwa 20 Sekunden später, auf dem Bahnsteig, kratzt die dort angezeigte Verspätung bereits an der Zehnminutenmarke. Obwohl die digitale, Wut auslösende Plastikstimme aus dem Lautsprecher nach wie vor auf fünf Minuten beharrt. Derweil schleicht der Güterzug nicht mehr, sondern steht auf dem Gleis.
Irgendwann ist er weg. Würde die jetzt angezeigte Verspätung stimmen, wäre ich bereits unterwegs. Weiter warten. Bis die Anzeige verschwindet und der nächste Güterzug einrollt. Der war doch schon auf der Strecke! Müsste man doch wissen, in der Ära digitaler Echzeitinfo. Jetzt wird klar: Ich hätte sofort nach einer Alternative suchen sollen, eigenes Auto, Fahrgemeinschaft. Unter dem Strich wäre sogar das Fahrrad die schnellere Wahl gewesen für die 25 Kilometer. Verhindert hat es die vermutlich digital erzeugte Information.
Gleicher Tag, Postzustellung. Die Sendungsverfolgung wechselt in kurzer Zeit zwischen drei einstündigen Zeiträumen hin und her. Also neben der Türklingel warten, dreimal eine Stunde, um nichts zu verpassen. Bloß um dann zu lesen, man sei nicht angetroffen worden und das Paket an einer Abholstation verfügbar.
Und dann noch dieser kurze Bericht: E-Rezept, von der Arztpraxis zur Apotheke auf der anderen Straßenseite. Bloß um zu erfahren, dass der digitale Arzneiabholzettel erst in zwei Stunden verfügbar sei. Auf Papier wäre schneller gewesen.
In Sonntagsreden heißt es zu solcher Art Digitalisierung gerne: „Wir haben für unsere Kund:innen hoch attraktive digitale Services implementiert und adressieren damit deren Bedarfe.“ Wahlweise zeitnah oder in Echtzeit.
Nur: Digital ersetzt nicht Leistung. Es ist wie bei des Kaisers neuen Kleidern: Er hat ja gar nichts an. Die Schönheit manchen digitalen Service-Gewandes vermag nur zu erkennen, wer daran glaubt. Und so taucht der Gedanke auf: Es fehlt nicht an digitaler Technik. Sondern am Denken. (pm)
