Raumschiff Orion: Unter dem Bereich für die Crew das Service-Modul - mit TÜV-geprüfter Elektronik. Foto: NASA - A. Stevenson.
Die TÜV-Plakette fliegt ins Weltall
10. April 2026 | von Klaus PohlmannDer Blick geht nach oben. Und zwar weit über steigende Umsatz- und Ertragszahlen hinaus. Sehr weit. Beim TÜV Nord verfolgt man nicht ohne Grund die aktuelle Artemis-Mission der NASA.
Alle rund 20.000 elektronischen Bauteile des Europäischen Service-Moduls ESM-2, das mit dem Raumschiff Orion im April den Mond umrundete, wurden von der spanischen Tochtergesellschaft Alter Technology geprüft, so TÜV-Vorstandschef Dr. Dirk Stenkamp. Schwerelosigkeit, Temperaturschwankungen, Erschütterungen, Strahlung: Dem müssen die Bauteile standhalten. Schließlich ist ESM als zentrale Antriebs- und Versorgungseinheit des US-Raumschiffs von entscheidender Bedeutung. Gebaut wurde es in der Verantwortung der Europäischen Raumfahrtagentur ESA bei Airbus in Bremen. Die TÜV-Plakette fliegt also ins Weltall, wenn man so will. Und es ist ein Vorzeigeprojekt, das auch gut ist für die Identifikation der rund 15.500 TÜV-Mitarbeitenden weltweit mit ihrem Unternehmen, so Stenkamp.

Luft- und Raumfahrt gehört zu den Bereichen, die beim TÜV Nord im Fokus stehen. Ein anderer: Audits, Zertifizierungen und Schulungen für Rechenzentren. Hier sieht sich der Prüfkonzern mit Hauptsitz in Hannover inzwischen als weltweit führend mit einem Marktanteil von 40 Prozent: Eine Position, die der TÜV neben den bereits vorhandenen eigenen Aktivitäten mit dem Kauf der weltweit tätigen EPI-Gesellschaften mit Hauptsitz in Singapur im vergangenen Jahr erreichte. Das habe perfekt zusammengepasst, machte TÜV-Finanzvorstand Jürgen Himmelsbach deutlich.
Neben Bereichen wie Windkraft – „sehr, sehr stark wachsend“, so Stenkamp - oder Wasserstoff zeigt sich beim TÜV Nord aber auch die Zeitenwende nur allzu deutlich. Bei der Sicherheit kritischer Infrastruktur und der Verteidigungsfähigkeit sieht TÜV-Chef Stenkamp wachsende Aufgabenfelder, angesichts der geopolitischen Lage und der Milliardenausgaben des Bundes aus den Sondervermögen. Mit der breiten technischen Perspektive seines Unternehmens könnten Risiken früh erkannt und die Resilienz zentraler Infrastruktur nachhaltig gestärkt werden, etwa bei Energieversorgern, in Rechenzentren oder Krankenhäusern. Auch die Prüfung, wie tragfähig Straßen und Brücken für Militärfahrzeuge sind, gehört dazu. Dass solche Aufgaben beim TÜV gut aufgehoben sind, sieht nach einer vom Unternehmen in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage eine Mehrheit der gut 1000 repräsentativ Befragten so.
Angriffe nehmen zu: Sicherheitslinien haben gehalten
Das Wissen um Schwachstellen in der kritischen Infrastruktur nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern, rückt aber auch den TÜV selbst verstärkt ins Visier zum Beispiel von Cyberangriffen. Bislang, so Stenkamp, hätten aber alle Schutzmaßnahmen gehalten. Er nannte zum Beispiel die Sicherung der eigenen Rechenzentren „auf dem Stand der Technik und darüber hinaus“, außerdem interne Kontrollen und regelmäßige Zertifizierungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Im Bereich der Verteidigungswirtschaft bot Stenkamp ausdrücklich die Mitarbeit der TÜV-Unternehmen an. Mit Kerndienstleistungen wie Materialprüfung und Zertifizierung könne man die komplexen Beschaffungsprozesse im Militärsektor unterstützen, betonte er und sprach von „staatsentlastenden Aufgaben“. Konkret könne es zum Beispiel darum gehen, die Herstellung von Stahl für gepanzerte Fahrzeuge zu zertifizieren. Um hier tätig werden zu können, sei man gerade mit einer Initiative in der Politik unterwegs. Ziel sei es, wie bereits in anderen Bereichen auch bei der militärischen Beschaffung eine „benannte Stelle“, so der Fachbegriff, zu werden. Bereits jetzt prüft der TÜV Nord aber Drohnen, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Ausgenommen sind derzeit dagegen reine Angriffsdrohnen.
Zahl der Führerscheinprüfungen auf Rekordniveau
Zwei Schlaglichter auf das Brot-und-Butter-Geschäft im vergangenen Jahr: Die Zahl der Führerscheinprüfungen lag 2025 mit mehr als einer Million beim TÜV Nord auf Rekordniveau. Und nach eigenen Angaben hat die Gruppe ihren Marktanteil bei den Hauptuntersuchungen ausbauen können.
In Zahlen führte das zu einem Konzernumsatz von knapp 1,8 Mrd. Euro, ein Plus von 6 Prozent. Das Ergebnis des operativen Geschäfts (Ebit) wuchs nahezu in gleichem Maß auf 94,8 Mio. Euro, was einer Ebit-Marge von 5,3 Prozent entspricht. Der TÜV Nord ist in 50 Ländern mit insgesamt rund 500 Standorten vertreten. Kernmarkt ist Deutschland mit einem Umsatz von rund 1,26 Mrd. Euro. Im Ausland setzte der TÜV Nord etwa 535 Mio. Euro um, mit den Schwerpunkten Europa (293 Mio. Euro) und Asien (202 Mio. Euro). Der TÜV baut weiter Jobs auf: Im vergangenen Jahr wuchs die weltweite Belegschaft um 344 Mitarbeitende, davon 127 in Deutschland. Am Stammsitz in Hannover arbeiten mehr als 1200 Beschäftigte, in Niedersachsen sind es fast 2800.
Mittelfristig Umsatz und Ertrag weiter steigern
Das vom TÜV Nord im vergangenen Jahr aufgelegte Effizienzprogramm soll nach den Worten von Finanzvorstand Himmelsbach jedenfalls keine Arbeitsplätze kosten. Im Blick sind vielmehr die Mittelfrist-Ziele. Bis 2030 will der TÜV Nord seinen Umsatz auf rund 2,2 Mrd. Euro bringen, und dazu, so Himmelsbach, brauche man tendenziell weitere Mitarbeitende. Über mehr Effizienz soll die Ebit-Marge auf über sechs Prozent steigen. Für den Auslandsumsatz werden 750 Mio. Euro angepeilt, mit Asien und den USA als Wachstumsmärkten.
Im laufenden Jahr erwartet Vorstandschef Dirk Stenkamp eine anhalten rege Nachfrage nach unabhängigen Prüf- und Sicherheitsdienstleistungen, insbesondere in den Wachstumsbereichen Verteidigung und Resilienz
