Historisches Foto von Segelflugzeugen und Zelten auf der Wasserkuppe Segelfliegen auf der Wasserkuppe Anfang der20er Jahre: Hannover war vorn dabei.

Filmreife Geschichte(n) aus Hannover

06. Februar 2026 | von Klaus Pohlmann

Der Stoff, aus dem Filme und Serien gemacht werden, findet sich nicht nur im Babylon Berlin. Oder in der Heide. Zwei Ideen.

 

Das kam tatsächlich etwas überraschend: Mit „Schwarzes Gold“ arbeitete der NDR ein Stück niedersächsischer Wirtschaftsgeschichte auf. Zur Serie, der die Ölförderung in der Lüneburger Heide bewusst als eine Art Western inszeniert, gehört auch eine Dokumentation. Nicht schlecht, um die verblassende Erinnerung an Wirtschaftsgeschichte und die Menschen dahinter zu bewahren. Gerade in Hannover gibt es einigen Nachholbedarf. Aber wir hätten da Vorschläge. 
 

Der Vampyr
 

Wir begleiten vier junge Männer in den Jahren zwischen 1918 und 1922. Alle vier waren Militärpiloten. Ihr Weg wird sie in wenigen Jahren von Einsätzen in der Düsternis des Weltkriegs in die lichtdurchflutete Rhön, an die Hänge der Wasserkuppe, führen.
Die vier treffen sich nach dem Krieg in Hannover, studieren an der bedeutenden und großen technischen Hochschule Luftfahrttechnik. Aber auch die Hannoversche Waggonfabrik, damals eines der größten Unternehmen in Linden, wird für sie wichtig. 
Da könnten ziemlich unterschiedliche  Charaktere zusammengefunden haben, um ein bahnbrechendes Segelflugzeug zu bauen. 
Der Pilot: Arthur Martens. Flog mit dem Roten Baron, sah von den Vieren vielleicht am deutlichsten seinen Platz im Flugzeugcockpit. Schon früh als Testpilot für die Hannoversche Waggonfabrik. Wurde in den 30er Jahren noch zu den Top 5 der Segelflug-Rekordhalter gezählt, nicht weit hinter Lilienthal. Stürzte  1937 tödlich ab.
Der Konstrukteur: Walter Blume. Höchstdekoriert als Kriegspilot, führte sein Weg nach Hannover in die Entwicklungsabteilung eines Flugzeugkonzerns, wo er verantwortlich unter anderem für eines der ersten Düsenflugzeuge war. Konstruierte noch in den 50er Jahren ein Sportflugzeug.
Der Organisator: Fritz Hentzen. Seine Laufbahn nach der hannoverschen Segelflug-Episode ist vielleicht am wenigsten bekannt. Führte aber während des 2. Weltkriegs in die Führungsetage eines Augsburger Flugzeugerstellers, wo er für die Produktion verantwortlich war.
Der Kopf: Gerg Madelung. Mit Anfang 30 einige Jahre älter als die anderen drei und weiter im Studium. Neben dem Entwurf des „Vampyrs“ promovierte er. Zog in den Jahrzehnten danach durch viele luftfahrtwissenschaftliche Institute. Und heiratete die Schwester eines ziemlich berühmten bayerischen Flugzeug-Konstrukteurs.

Ob die vier als Freunde unterwegs waren – wie die „Drei Kameraden“ Erich Maria Remarques, der übrigens Anfang der 20er Jahre auch in Hannover arbeitete – oder als Konkurrenten, ist offen und lässt Raum für erzählerische Fantasie. Aber irgendwie liegt schon die Vorstellung nahe, dass die hannoversche Episode eine kurze, fast  unbeschwerten Zeit zeigen könnte. Zuversichtlich, hoffnungsvoll, lebensfroh - noch einigermaßen weit weg von den Abgründen späterer Jahre.
Jetzt kommt die Wirtschaftsgeschichte ins Spiel. Gebaut wurde der Vampyr bei der Hannoverschen Waggonfabrik, kurz Hawa. Die lieferte bis zur Pleite Anfang der 30er Jahre rund 40 000 Einbahn-Waggons und Straßenbahnen aus. Der Hawa-Schriftzug findet sich sowohl am wiederaufgebauten Vampyr-Original im Deutschen Museum in München als auch am Nachbau auf der Wasserkuppe. 

Historisches Segelflugzeug Vampyr der HAWA im Museum, Seitenansicht
Vampyr-Nachbau im Segelflug-Museum auf der Wasserkuppe. Foto: Werner Gerold.


Betreut wurde die vier Studenten bei der Hawa von Hermann Dorner, einem Flugzeugpionier der ersten Stunde, dessen Pilotenschein von 1910 die Nr. 18 trug. Im Jahr zuvor war er bereits in einem Vergleichsfliegen gegen internationale Größen angetreten – Wright oder Blériot zum Beispiel. 
In Hannover war Dorner ab 1916, entwarf eigene, wohl äußerst leistungsfähige Flugzeuge. Für die Zeit nach dem Krieg plante er mit der Hawa den Einstieg in die zivile Luftfahrt: Die Werbebroschüre, unter anderem mit einem als Prototyp bereits fertigen Dreidecker für bis zu vier Reisende, war schon gedruckt. Durch den Versailler Vertrag stand er aber buchstäblich vor den Trümmern dieser Pläne. Die Hawa suchte händeringend verkaufsfähige Produkte - auch Segelflieger, und am Vampyr-Rumpf steht nur der Unternehmens-Schriftzug. Einvernehmlich, oder steckt ein Konflikt dahinter?

Ausschnitt des Segelflugzeugs Vampyr mit HAWA Hannover Waggonfabrik Beschriftung
Der Vampyr, ein Hawa-Produkt: So steht's am Flugzeug. Foto: Werner Gerold.


Dorner brachte aber nicht nur den Großserien-Flugzeugbau für einige Jahre nach Hannover. Sondern möglicherweise auch irgendwie seinen Halbbruder Alexander: als Kunsthistoriker wohl einer der wichtigsten Museumsdirektoren des 20. Jahrhunderts – Kestner-Gesellschaft, das Kabinett der Abstrakten mit El Lissitzky. Über das Verhältnis der beiden untereinander und mit der Stadtgesellschaft dürfte einiges bekannt sein – aber noch nicht veröffentlicht. Bezieht man das aber mit ein, könnte sich der Film – zum Serienstoff entwickeln. 
Ein Schlussbild jedenfalls drängt sich auf: Die vier Vampyr-Erbauer starten mit ihrem Segler beim zweiten Rhön-Wettbewerb auf der Wasserkuppe, fliegen und fliegen Rekorde ein. Seitdem gilt das hannoversche Flugzeug als Urahn des modernen Segelflugs.

 

Historisches HAWA Gebäude in schwarz-weiß Ansicht
Hawa-Verwaltung in den 20er Jahren.


 

Außenansicht des neuen Hawa Gebäudes aus Backstein mit geparkten Autos davor
Die Hawa-Gebäude heute: Das markante Eckgebäude fehlt. Foto: Pohlmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Historisches Porträt von der umtriebige Hoch im Anzug
Fritz Hurtzig.

Der Umtriebige
 

Zwei Männer auf der Suche, irgendwo in der Nähe des Dorfes Ilsede, Anfang der 1850er Jahre. Fast 30 Jahre Altersunterschied liegen zwischen den beiden. Der ältere, Carl Hostmann, ist fast Mitte 50 und Bankier aus Celle. Fritz Hurtzig, Mitte 20, stammt aus der hannoverschen Unternehmerfamilie jener Zeit schlechthin.
Sie hoffen, nicht nur Eisenerz zu finden, sondern auch Kohle. Die ist aber nicht ausreichend da. Trotzdem gründen sie, in eine Wirtschaftskrise hinein, die Bergbau- und Hüttengesellschaft zu Peine. Die geht pleite, Hostmann nimmt sich das Leben, glaubt aber, so heißt es in theatralischen Beschreibungen, bis zuletzt an den Erfolg des Vorhabens. Mit Recht: In einem zweiten Anlauf gehört sein Juniorpartner Hurtzig zu den Gründern der Ilseder Hütte. Auf die sich heute die Salzgitter AG beruft.
Hurtzig, über Jahrzehnte nahezu vergessen, wurde in den Jahren danach zu einem der bekanntesten Unternehmer im heutigen Niedersachsen. Zu Hause in Linden, arbeitete er in den verschiedensten Branchen. Zucker, Textil, Mineralwasser und Limonade, Brot. Aber außerdem setzte er sich dafür ein, die Interessen der Wirtschaft zu vertreten. Im hannoverschen Handelsverein, im Gewerbeverein. Und noch im Königreich Hannover schaffte er es, den Weg für Handelskammern frei zu machen. Folgerichtig war Hurtzig erster Kammerpräsident in Hannover: Kein Wunder, werden Sie jetzt sagen, dass er hier auftaucht. Zudem ist er aber 1862 auf einem frühen Foto des Deutschen Handelstags abgebildet – was da allein an Reisezeit draufgeht in der frühen Eisenbahnära. Man kann ihn förmlich sehen in einem Eisenbahnabteil auf der Fahrt – wie lange? – nach München zum Beispiel. Familie hatte er übrigens auch. 
Das alles macht noch keine filmenswerte Geschichte, zugegeben. Aber wie wäre es damit? Die tragische Geschichte um Carl Hostmann ist nur ein Aspekt rund um die Gründung der Ilseder Hütte. Hurtzig zerstritt sich darüber aber wohl auch öffentlich  zutiefst mit seinem Onkel – Georg Egestorff, kurz gesagt: mit dem Hanomag-Gründer. Der hatte früh einen Sohn verloren. Die fünf Töchter kamen zu jenen Zeiten für eine Nachfolge nicht in Frage. (Sie tauchen aber auf in der Novemberrosen-Romanreihe um die Familie des fiktiven hannoverschen Lokomotiv-Produzenten Georg Brinkhoff.) Der umtriebige Neffe aber war aber offenbar auch niemals Kandidat für die Leitung der Egestorffschen Unternehmen – wegen des massiven Streits um die Ilseder Hütte? Als Georg Egestorff starb, war Hurtzig 43 Jahre alt: Das hätte gepasst. So aber kaufte der nicht minder umtriebige Unternehmer Bethel Henry Strousberg die spätere Hanomag – und bescherte ihr sofort die erste Krise.
Über das Innenleben von Unternehmern im 19. Jahrhundert ist, so scheint es, wenig bekannt. Sie schrieben Zahlen, keine Biografien. Das lässt Raum für die menschliche Seite eines Unternehmers während der Industrialisierung. Hurtzig starb 1897, nicht allzu lange vor seinem 72. Geburtstag. Die womöglich letzte unternehmerische Tat war die offenbar auch sozial motivierte Gründung der Hannoverschen Brotfabrik. Das war 1886. Als Handelskammer-Präsident war er schon vor Jahren ausgeschieden. 
Was macht das alles mit einem Menschen? Verlust, Mühen, Enttäuschung – gegen unternehmerischen Erfolg und gesellschaftliche Anerkennung. Neurasthenie nannte man im 19. Jahrhundert das, was heute Burnout heißt. War das der Preis, den ein Umtriebiger zu zahlen hatte?