Barack Obama: Videostatement aud der Hannover Messe. Foto: Deutsche Messe
Hannover Messe: Warum Technologie allein die Welt nicht rettet
24. April 2026 | von Klaus PohlmannReicht Innovation allein? Auch darüber wurde auf der Hannover Messe diskutiert. Und Barack Obama war zehn Jahre nach der Teilnahme der USA als Partnerland mit einem Videostatement dabei.
Da gehört schon etwas dazu, bei der Hannover Messe als Technologie-Gipfel der Industrie darüber zu diskutieren, warum Technologie die Welt nicht automatisch besser macht. Und das Forum hochkarätig mit dem Namen Obama zu etikettieren: Nicht nur Auma Obama auf dem Podium, sondern ihr Halbbruder Barack Obama, bis Anfang 2017 US-Präsident, mit einem Video-Statement.

Foto: Deutsche Messe AG.
Also: Reicht Innovation allein? Wobei die Diskussion erstmal einen vielleicht typisch deutschen Verlauf nahm. Moderatorin Lara Sophie Bothur, Influencerin, fragte nach der Regulierung: Chance oder Hemmnis? Wenn über Regulierung gesprochen wird, geht es aber zumeist weniger darum, ob Innovationen und Technologie die Welt verbessern. Sondern wie man überhaupt an Innovationen kommt. Erst eine Idee haben, dann bewerten – nicht umgekehrt. Dafür plädierte Sarah Elsser. Sie hat sich mit ihrem Unternehmen, der Tech Well Told GmbH, auf die Kommunikation komplizierter Technik spezialisiert. Und gibt schon damit eine Antwort auf die Frage, ob Technologie allein ausreicht: Nein, man muss sie erklären, die Menschen mitnehmen.
KI als unvermeidliches Thema
Die Frage nach der Regulierung war mehr ein kurzer Umweg in die eigentliche Diskussion. Die sich geradezu automatisch auf das Thema KI zubewegte, das ohnehin die gesamte Hannover Messe bestimmte. Wobei Auma Obama feststellte: Der Zug bei der Regulierung ist bei KI längst abgefahren, wir können höchstens noch reparieren. Mag sein, dass die Germanistin dabei Dürrenmatt im Kopf hat, der einen seiner Physiker sagen lässt: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht zurückgenommen werden.“ KI ist unwiderruflich in der Welt. Es bleibt nur der Weg, damit umzugehen. Denn eine Regulierung im internationalen Maßstab wird es nicht geben, machte Sarah Elsser deutlich: „Wenn Europa reguliert, werden sich die USA und China das ansehen.“ Als vielleicht eher amüsierte Beobachter. Und jedenfalls nicht mitmachen.
Die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz sind dabei unbestritten – im Guten, aber auch im Schrecklichen. Die Beispiele, neudeutsch use cases, sind in eigentlich immer die Gleichen: Was für Chancen in der Medizin! Und mehr Effizienz in der Produktion: Gerade zu besichtigen in den Hallen der Hannover Messe. Bildung. Wissen. Information.
Wenn man das will. Und sich nicht auf die KI als vereinfachte Form der Suchmaschine verlässt. In Dubai ist der Umgang mit KI Schulstoff in allen Klassenstufen, sagte Jan Neutze, der in einem Regierungsunternehmen an den Innovationsbedingungen in dem Emirat arbeitet.
Wenn KI krank macht …
Erziehung wird helfen, die Risiken der Künstlichen Intelligenz in den Griff zu bekommen. Risiken für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Auma Obama, in Kenia zu Hause und Fürsprecherin „ihres Kontinents“, sprach von den Menschen, die in Afrika oder Indien die Inhalte säubern, mit denen KI trainiert wird. Und dabei Dinge sehen, die sie schlicht krank machen. Ganz abgesehen von den Bedingungen, unter denen die für heutige Technik unverzichtbaren Seltenen Erden abgebaut werden. Auch das müsse im Kopf behalten, wer KI nutzt.
Und sie hat auch durchaus apokalyptische Gedanken. Moderatorin Bothur lud dazu ein, in eine Zeitmaschine einzusteigen: „Was sehr Ihr, wenn Ihr im Jahr 2030 aussteigt“, fragte sie. Darauf Auma Obama: „Nichts. Wenn wir nicht aufpassen.“ Denn schließlich können auch Kriege über KI geführt werden: Dann könne die Menschheit nochmal von vorne anfangen. „Da hat sie die Stimmung aber nochmal so richtig hochgerissen“, bemerkte Sarah Elsser. „Sorry. Aber ich kann ja gleich noch tanzen“, antwortete Obama, die 2021 an der RTL-Show Let’s dance teilnahm.
Barack Obama warnte in seinem Video-Statement, dass das, was mit KI verdient wird, nicht nur bei wenigen ankommen dürfe: Die Auswirkungen der neuen Technik auf den Arbeitsmarkt – und damit auf die Gesellschaft - sind noch alles andere als klar.
Obama erinnerte auch daran, dass er vor genau zehn Jahren mit „seiner Freundin Angela Merkel“ als erster US-Präsident die Hannover Messe besuchte. Die Vereinigten Staaten als Partnerland: Als sei es gestern gewesen, und irgendwie doch Zeitalter entfernt. Und warum ist es ausgerechnet Obama, der die Bedeutung der Hannover Messe als Technologie-Gipfel hervorhebt? Und die Menschen in der Center Stage mitnimmt: Ihr seid dort in Hannover, um an der Zukunft mitzubauen. Denn Technologie reicht eben nicht: Es geht nur mit Verantwortung.
Nicht der erste Umbruch der Moderne
Und er betonte der Zeitaspekt. Der Aufbruch ins KI-Zeitalter ist eben nicht der erste Umbruch der Moderne. Der Übergang zur Industriegesellschaft aber bot über 100 Jahre Zeit für Anpassungen. Und war trotzdem ruckelig, sagte Obama. Der Übergang zur Informationsgesellschaft erstreckte sich über Jahrzehnte. KI kommt schneller. Zu schnell, mahnte vor allem Auma Obama. Eigentlich müsse man warten, „auf uns als Menschen.“ Im Grundsatz kein Widerspruch von Sarah Elsser. Aber wer wartet auf uns? Wenn wiederum Auma Obama von KI als von einem „Monster“, spricht, das wir erschaffen haben und „und das wir blind nutzen“, dann geht es am Ende darum, um im Bild zu bleiben, den Tiger zu reiten: KI bändigen – durch Verantwortung, Erziehung und den reflektierten Umgang damit.
Denn, und auch dieser Satz fiel während der Diskussion auf der Center Stage, der Mensch muss immer im Mittelpunkt stehen. Mahnend steht da seit einigen Wochen ein Zitat aus dem Abituraufsatz von Max Frisch, das der mit deutscher Literatur vertrauten Auma Obama gefallen dürfte: “Vom Standpunkt des Glücks ist die Technik abzulehnen.”
