Abliefern an der A2 - Mit einer LKW-Fahrerin unterwegs im Raum Hannover

03. April 2025 | von Georg THomas

Seit bald 15 Jahren sitzt Kim Fromm am Steuer eines 40-Tonners. Am liebsten liefert die 34-Jährige Ware aus. Mitte März haben wir sie bei einer Tour begleitet.

Beim ersten Mal wurde sie einfach übersehen. Die Mitarbeitenden in der Warenausgabe liefen an ihr vorbei – obwohl sie die gelbe Warnweste trug, die sie in der Situation eigentlich als Fahrerin erkennbar machte. „Die hatten gedacht, dass ich meinen Vater begleite“. Heute fast 15 Jahre später kann Kim Fromm darüber lachen. Damals, sie hatte gerade mit 20 Jahren ihre Ausbildung zur Berufskraftfahrerin abgeschlossen, fand sie es überhaupt nicht lustig. „Ich dachte anfangs immer, dass ich alles mindestens 101-prozentig machen muss.“ Und sie hat es gehasst, vor den Augen vieler Kollegen in eine enge Warenanlieferung rückwärts einzuparken. Heute macht sich die 34-Jährige keine solchen Gedanken mehr.

Nur drei Prozent sind weiblich
Laut Zahlen des Statistischen Bundesamts sind nur drei Prozent der rund 480 000 in Deutschland gemeldeten Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrer weiblich. Bei der Christof Wegner GmbH aus Uetze in der Region Hannover gibt es neben Kim Fromm noch zwei Frauen unter den 90 festangestellten Fahrerinnen und Fahrern. Mit diesem Team und rund 80 LKW ist das Unternehmen an fünf Tagen in der Woche im Einsatz. Zu den Stammkunden gehören unter anderem Rossmann und HelloFresh, deren Lager und Standorte regelmäßig angefahren werden.    

Es ist 6.30 Uhr an einem Donnerstagmorgen im März. Die Scheinwerfer eines Sattelzugs beleuchten einen umzäunten Parkplatz in der Nähe des Flughafens Hannover. Kim Fromm unterhält sich mit zwei Kollegen. Nach einem Gang um den LKW, öffnet sie die Tür zu ihrem Fahrerhaus. Als erstes steckt sie ihre Fahrerkarte in das Gerät, das für etwaige Kontrollen ihre Arbeits- und Pausenzeiten erfasst. Zusätzlich notiert sie in einem kleinen Kalender, wann sie gestartet ist. 

Um 6.30 Uhr in Langenhagen. Kim Fromm im Gespräch mit zwei Kollegen.
Um 6.30 Uhr am Standort in Langenhagen: Kim Fromm spricht zwei Kollegen,

Abliefern und am Ende nach Braunschweig
Fünf Stationen steuert Kim Fromm heute an. Es sind alles Großhändler für Dachdecker, bei denen die 34-Jährige Velux-Fenster ausliefert. Nach dem ersten Halt in Lauenau, geht es nach Garbsen, Gifhorn und Braunschweig, wo sie bei einem deutschen Hightech-Unternehmen neue Ware auflädt und zurück nach Langenhagen fährt. Ein Kollege wird dann ihren Auflieger in der Nacht zum Hamburger Hafen bringen und neue Waren laden. Mit diesem ineinandergreifenden Konzept erhöht die Spedition nicht nur ihre Wirtschaftlichkeit, weil die meisten LKW nachts und tagsüber im Einsatz sind. „Unsere Fahrerinnen und Fahrer kommen nach ihren Einsätzen auch immer wieder nach Hause“, erklärt Jan-Hinrich Schwenke, der die Spedition seit sieben Jahren zusammen mit Manuel Tibbe führt. Christof Wegner arbeitet mit über sechzig nur noch in Teilzeit mit. Aufgrund des harten Wettbewerbs mit Firmen aus Osteuropa hat sich das Unternehmen aus dem Fernverkehr weitgehend zurückgezogen. Mehrere Tage am Stück von zu Hause weg zu sein, mit allem was dazu kommt – „das will heute auch kaum noch jemand“, sagt der Geschäftsführer.

Eine hellgraue Wolkendecke hängt über der Autobahn 2, auf der der Verkehr in Richtung Westen an diesem Morgen fließt. Das dumpfe Motorgeräusch des MAN untermalt ein helles Klappern das vom rechten Außenspiegel durch das geschlossene Fenster dringt. Jede Unebenheit lässt die Fahrerkabine wackeln und die Schnur des Funkgeräts schwingt hin und her. Mit einem Kaffeebecher in der Hand lenkt Kim Fromm ihren LKW mit einigem Abstand zum Vorausfahrenden. 

Kaffee, Tee und Wasser statt Cola: Kim Fromm ernährt sich gesund.
Kaffee, Tee und Wasser statt Cola: Kim Fromm ernährt sich gesund. 

Der Bundeswehr sagte sie ab…
Eigentlich wollte Kim Fromm nach der Schule zur Polizei. Aber sie war mit ihren 1,60 Meter zu klein. Nach einem Berufsgrundjahr bewarb sie sich bei der Bundeswehr und fünf Speditionen. Ihr Vater fuhr LKW. Von den meisten gab es Absagen. „Es gab zu der Zeit noch Betriebe, die wollten keine Frauen am Steuer.“ Ihre Mutter sagte der Bundeswehr ab, als von der Böhm Güterverkehr GmbH die Zusage für die Ausbildung zur Berufskraftfahrerin kam. Später wechselte sie zu Wegner wegen des kürzeren Arbeitswegs. Dort gehört sie heute zu "den besten und sichersten Fahrerinnen". Und das sagt Jan Schwenke nicht, weil die 34-jährige seit ein paar Jahren mit Co-Geschäftsführer liiert ist. Das Paar baut gerade ein Haus um. 

Um kurz nach sieben Uhr ist die Niederlassung der Dachdecker-Einkauf Ost eG in Lauenau erreicht. Die Fahrerin klettert auf die Ladefläche und holt aus dem Innern eine Palette mit gestapelten Pappkartons hervor und stellt diese an die Ladekante, sodass ein  Mitarbeiter des Großhändlers mit dem Gabelstapler diese und zwei weitere Paletten aufnehmen und ins Lager fahren kann. Zusammen mit ihm kontrolliert sie die  Vollständigkeit der Fensterlieferung, sodass sie nach zehn Minuten wieder den Motor startet. 

Touren bei Wegner sind “sauber”
Die Transportbranche trotzt seit mehr als zehn Jahren dem Mangel an LKW-Fahrern. Auch Christof Wegner hat das schon zu spüren bekommen. „Als wir im letzten Jahr überhaupt keine Bewerbung mehr bekamen, waren wir kurz davor, eine 12 000 Euro teure Werbekampagne zu starten“, sagt Geschäftsführer Schwenke. Inzwischen habe sich die Lage aber wieder etwas gebessert – zu einem hohen Preis. Es gibt Insolvenzen und somit auch freie Fahrer. Die zwei jungen Geschäftsführer sehen sich im Wettbewerb gut aufgestellt: „Bei uns gibt es keine verschiedenen Fahrerlager, alle sprechen Deutsch. Und wir planen saubere Touren, die man auch schaffen kann“, erklärt Schwenke. Sicherlich habe aber auch ihre faire Bezahlung dazu beigetragen, dass sie in den letzten zehn Jahren von 45 auf aktuell 120 Mitarbeitende gewachsen sind. Der Jahresumsatz lag zuletzt bei 14,5 Mio. Euro.

Nach dem Abladen in Lauenau geht es über die A2 zurück nach Garbsen. Dort schalten die LKW auf den beiden rechten Spuren ihre Warnblinker ein. „Der übliche Stau bei Garbsen“. Der zähe Verkehr begleitet Kim Fromm auch nach dem Halt in Garbsen bis sie zurück auf der Autobahn in Richtung Osten ist. Der Tempomat sorgt nun für ein gleichbleibendes Tempo. Das Assistenzsystem hält selbstständig den Abstand zum vorausfahrenden LKW ein und bremst auch, wenn es notwendig wird. Die 34-Jährige mag die Technik nicht mehr missen. "Ich liebe meinen Job, freue mich aber auch am Nachmittag zu meinem Pferd in den Stall zu fahren und danach zum Sport zu gehen." Früher habe sie viel Cola getrunken - heute hat sie rotes Linsencurry mit Süßkartoffel in einer Warmhaltedose une Apfel und Banane dabei. 

Mit Tempo 85 auf der rechten Spur
Die Schultern nach vorn, mit beiden Händen am Lenkrad umkurvt sie nach zwei weiteren Ablieferungen um kurz nach elf zwei am Straßenrand geparkte Autos, um auf das Gelände von Zeiss in Braunschweig einzubiegen. In der Ladezone öffnet die Fahrerin die Verschlüsse ihrer Plane, zieht sie auf und hebt die Aluschienen aus ihren Halterungen, sodass die leere Ladefläche von der Seite beladen werden kann. Für die oberen Schienen nutzt sie eine gut einen Meter lange Metallstange, die ihr auch bei der Ladungssicherung wieder hilft. Auf der Autobahn in Richtung Hannover bilden die LKW auf der rechten Spur eine lange Schlange, aus der immer wieder einzelne auf die mittlere Spur ausscheren. Kim Fromm reiht sich mit Tempo 85 auf der rechten Spur ein. „Eigentlich dürften die alle gar nicht schneller fahren“. Für LKW gilt auf Autobahnen ein Tempolimit von maximal 80 Stundenkilometern, auf Land- und Bundesstraßen ist sogar nur Tempo 60 erlaubt. 

Gegen 14 Uhr erreicht Kim Fromm den Standort in Langenhagen, den die Spedition vom Flughafen Hannover gemietet hat. Dort steht schon ein einzelner LKW-Auflieger am Rande der Schotterfläche. Es sind die Fenster, die sie am nächsten Tag ausliefern wird. Dann mal ohne A2. 

Internetseite der Christof Wegner Güterkraftverkehr GmbH