Porträt von Christian Grascha im Anzug mit Brille

IHK-Kommentar: KI - Luft zum Atmen nötig

04. Juni 2026

Christian Grascha, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Hannover, kommentiert: 

"Die jüngsten Anpassungen am europäischen AI Act sind ein längst überfälliges Signal: Europa hat verstanden, dass industrielle KI anders funktioniert als Anwendungen für den Massenmarkt. Den Maschinenbau teilweise von zusätzlichen Vorgaben auszunehmen, geht deshalb in die richtige Richtung. Damit wird anerkannt, dass dort, wo bereits strenge Produkt- und Sicherheitsregeln gelten, kein paralleles Regelwerk notwendig ist.

Doppelregulierung, unklare Zuständigkeiten und erhebliche Dokumentationspflichten haben in vielen Unternehmen Investitionen gebremst und Projekte verzögert. Gerade im Mittelstand erreichten die dadurch verursachten Kosten schnell mehrere hunderttausend Euro. 

Umso wichtiger ist es, dass nun zumindest im Maschinenbau erste Entlastungen greifen. Es wäre aber zu kurz gegriffen, die aktuelle Entwicklung als endgültigen Durchbruch zu feiern. In vielen anderen Branchen gelten weiter parallel AI Act und sektorale Regelwerke, etwa in der Medizintechnik. Das ist nicht nur bürokratisch aufwendig: Es gefährdet die internationale Wettbewerbsfähigkeit. 

Dabei sind gerade in der Industrie Europas Chancen enorm. Anders als bei generativer KI, die derzeit stark von den USA dominiert wird, verfügt Europa über eine einzigartige Ausgangslage: starke industrielle Basis, hoch spezialisierte Unternehmen und große Datenbestände aus der Produktion. Für Deutschland liegt der Schlüssel daher nicht im Wettlauf um die nächste Chatbot-Generation, sondern in der Anwendung von KI entlang realer Wertschöpfungsketten – in Fabriken, Logistiksystemen und Maschinenparks.

Genau hier kann Europa seine Stärken ausspielen. Industrielle KI ist kein Selbstzweck, sondern Werkzeug für effiziente Produktion, resiliente Lieferketten und bessere Produkte. Die EU kann bei industrieller KI führend werden. Aber die Unternehmen brauchen Luft zum Atmen. 

Die aktuellen Anpassungen am AI Act sind deshalb mehr als nur eine Detailkorrektur. Sie sind ein Schritt hin zu einem regulatorischen Rahmen, der Vertrauen schafft, ohne Innovation zu ersticken."