Pistorius auf der Bühne im Zentrum, hält eine Rede mit Mikrofon Verteidigungsminister Boris Pistorius auf der Hannover Messe. Foto: Deutsche Messe Ag

Verteidigungsfähigkeit: Schneller werden wollen alle

21. April 2026 | von Klaus Pohlmann

In olivgrün getaucht ist die Hannover Messe in diesem Jahr keineswegs. Am ehesten noch an den Ständen der Bundeswehr. Obwohl Verteidigung und Sicherheit erstmals eine größere Rolle spielen auf dem Messegelände. Welchen Beitrag die Industrie zur Verteidigungsfähigkeit leisten kann und soll, wurde gleich zu Messebeginn deutlich.

 

Es geht um das Hochskalieren eine lange Zeit schrumpfenden Branche: So brachte es FAZ-Journalist Sven Astheimer auf den Punkt. Er moderierte in Hannover auf der Messe eine Diskussion mit Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius und Spitzen der deutschen Industrie. Nur eine der Gesprächsrunden an diesem Tag auf der Center Stage: Gerade hatte Astheimer, um im Zeitplan zu bleiben, seinen FAZ-Kollegen Carsten Knop abgeräumt, der unter anderem Digitalminister Karsten Wildberger am Diskussionspodium hatte. Zuvor war Kanzler Merz da, später am Nachmittag sollte Forschungsministerin Dorothee Bär auflaufen. „Das Kabinett im Halbstundentakt“, bemerkte Astheimer.

Raus aus der Schmuddelecke

Die Zeitenwende hat dafür gesorgt, dass die gemessen an der Automobil- oder Chemieindustrie eher kleine Verteidigungsbranche kein Randthema mehr ist. Sagte Astheimer. Und auch aus der Schmuddelecke herauskommt: Er sieht im Gegenteil eine „unheimliche Dynamik.“ Klaus Rosenfeld, als Schaeffler-Vorstandschef in der Diskussionsrunde, erwartet zwar für sein Unternehmen einen möglichen Milliardenumsatz im Bereich Defence. Allerdings werde der in seiner Bedeutung das Automobilzuliefergeschäft keineswegs erreichen oder verdrängen. Das Auto läuft nicht, jetzt also Verteidigung? So eben nicht, sagte Rosenfeld. Er sieht, Geschäft hin oder her, die Industrie in der Pflicht, an der Verteidigungsfähigkeit mitzuwirken. Ähnlich äußerte sich Philipp Steinberger, Chef des Elektrotechnik-Unternehmens Wöhner und Mitglied im ZVEI-Vorstand, der von der Notwendigkeit einer gesamtgesellschaftlichen Verteidigungsbereitschaft sprach. 

Fingerzeit auf die DSEI im kommenden Jahr

Roboter mit Militärhelm auf einer Messe im Defence Park, Ausstellungsbereich für Verteidigungstechnologie
Martialisches Gesicht der Messe - aber selbst in der Defence Production Area die Ausnahme. Foto: Pohlmann

Die Messe hat Verteidigung und Sicherheit in diesem Jahr mit der Defence Production Area auf das Gelände geholt. In der Größe überschaubar, ist sie mehr ein Fingerzeig auf die, wie es heißt, bereits gut gebuchte DSEI – Defense and Security Equipment International – nächstes Jahr in Hannover: „Ich bin froh, dass es diese Messe gibt“, sagte Boris Pistorius mit Blick auf die DSEI. Was die Industrie künftig leisten muss, beschrieb er so: „Industrieelle Stärke als Voraussetzung für die Verteidigung unserer Demokratie und Sicherheit.“ 

Und diese Stärke, das machte der Verteidigungsminister deutlich, braucht man unter schwierigen Bedingungen umso mehr. Wirtschaft muss resilient sein, sagte er und wies darauf hin, was Unternehmen in der Ukraine gerade leisten müssen – und zu leisten gelernt haben. „Verteidigungsfähigkeit beginnt im Betrieb“, so Pistorius. Er warnte einmal mehr vor der Achillesferse einseitiger Abhängigkeiten.

Außerdem forderte er mehr Geschwindigkeit: Es dürfte nicht mehr Jahre dauern zwischen Prototyp und Serie. An anderer Stelle wies er darauf hin, dass die Innovationszyklen bei Drohnen in der Ukraine inzwischen bei sechs bis zwölf Wochen liegen

Skalierung, also im engeren Sinne die Produktion großer Stückzahlen, ist aber nur ein Aspekt, wenn es um das notwendige Wachstum der Verteidigungswirtschaft geht. Boris Pistorius nahm in Hannover die Rahmenbedingungen für Zusammenwirken von Industrie und Bundeswehr ins Visier, um das Ziel der Verteidigungsfähigkeit zu erreichen. Er will den Markteintritt für Unternehmen einfacher gestalten und Hürden abbauen. Denn, darauf wies BDI-Chefin Tanja Gönner hin, knapp zwei Drittel der mittelständischen Unternehmen wissen nach einer Umfrage eben nicht, wie sie an Aufträge in diesem Bereich kommen. Sicherheitsüberprüfung vereinfachen, Finanzierung ermöglichen, zeitgemäße Beschaffungsvorgänge aufbauen, Mittelstand und Start-ups einbinden, überhaupt schneller, flexibler und innovationsfreundlicher werden: Pistorius nannte die gerade eingerichteten Innovationszentren der Bundeswehr, in denen Unternehmen und Truppe schon früh zusammenarbeiten sollen. Insgesamt soll das B2G-Geschäft – was man als Business to Government ebenso lesen kann wie mit Blick auf die Verteidigung als Business to Germany – einfacher werden. 

Zielkonflikt: Sicherheit gegen Risiko

„Es geht inzwischen schneller“, bestätigte Wöhner-Chef Philipp Steinberger. Aber geht da noch mehr? Das wollen alle, einschließlich des Verteidigungsministers, aber Pistorius wies auch auf Zielkonflikte hin. Wenn man Sicherheitsanforderungen reduziert, schneller und einfacher wird, werden die Risiken größer. Man müsse eben differenzieren, so der Minister, und deutete die Möglichkeit an, zum Beispiel Zertifizierungen auszulagern. Wenige Tage vor Messebeginn hatte TÜV-Nord-Vorstandschef Dr. Dirk Stenkamp ebenfalls in Hannover genau darauf hingewiesen, dass etwa Materialprüfungen von privaten Prüfunternehmen übernommen werden könnten. 

Es gibt also Fortschritte, die Stärke der Industrie kommt in der Verteidigung an. Aber schneller geht immer. Und bei Astheimers Frage, ob Deutschland bis zum mehr oder weniger selbst gesetzten Ziel 2029 verteidigungsbereit sein werde, wollte sich Pistorius nicht in die Karten sehen lassen: „Das würde Putin auch gerne wissen. Ich sage nicht, wo wir stehen.“