Szenenbild aus Homo Oeconomicus, fotografiert von Bettina Stoess, mit Darstellern in historischen Kostümen Margaret Douglas (Sandra Janke) umsorgt ihren Sohn Adam Smith (Jonathan Winell). Aber was hat sie davon? Foto: Bettina Stöß

Wie der Homo oeconomicus klingt

12. Mai 2026 | von Klaus Pohlmann

Adam Smith, Moralphilosoph und Urvater der Volkswirtschaftslehre, auf eine Opernbühne bringen? Die Staatsoper in Hannover hat's gemacht, mit einer mutigen Auftragsarbeit.

 

Wie klingt der Homo oeconomicus? Die Frage hört sich erstmal etwas abgedreht an. Warum sollte er überhaupt? Oder, dazu kommen wir noch, sie? Weil die Staatsoper Hannover das Thema mit einem mutigen Stück auf die Bühne gebracht hat. Ein Stück, das voll den Nerv der Zeit erwischt: Wie steht es um die Idee, die Adam Smith vor 250 Jahren in die Welt getragen hat, dass nämlich eigennütziges Handeln wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt zum Besten aller ist? Wenn man auf der anderen Seite selbstlose Arbeit sieht, die keine Gegenleistung erwartet. Und die immer noch oft an Frauen hängenbleibt. 

Aber schon in der Ouvertüre zur Oper “Homo oeconomicus” wird deutlich: Es geht noch um mehr. Der Tanz ums goldene Kalb – kann man zwei Herrn dienen, dem Geld und der Moral? Adam Smith scheint den Gegensatz aufzulösen. Dem eigenen Wohlstand nachjagen und damit das Wohl aller fördern. Aber trägt das noch für alle in der Gesellschaft? Was ist mit denen, die aus dem Spiel von Angebot und Nachfrage herausfallen?

Der Homo oeconomicus hat den Durchblick

Zur Erinnerung: Der homo oeconomicus ist kein Mensch, sondern eine Denkfigur. Rein rational in allem, was er tut. In seiner ursprünglichen Form nüchtern bis zur Blutleere. Der ökonomische Mensch entscheidet sich immer für das, was ihm den höchsten Nutzen bringt. Er hat den Durchblick, weiß also alles, was nötig ist, um sich nutzenmaximierend zu verhalten. Singen allerdings muss er nicht.

Es sei denn, er gerät auf eine Bühne. Oder eben sie, denn den Part des Homo oeconomicus singt in der gleichnamigen Oper, die in dieser Spielzeit in Hannover uraufgeführt wurde, Katharina von Bülow. Sie ist Conférencier, Moderatorin, Vermittlerin zwischen den beiden Handlungsebenen. Die eine: Adam Smith (Jonathan Winell/Aljoscha Lennert) und seine Mutter Margaret Douglas (Sandra Janke). Deren Name ist weit weniger bekannt als der ihres Sohnes. Der auch noch nichts vom Homo oeconomicus wusste, der kam später. Aber als Moralphilosoph, der er war, das Unsichtbare-Hand-Prinzip erkannte mit den willkommenen Effekten eigennützigen Handelns zum Besten der Gemeinschaft.

Die zweite Ebene der Oper spielt heute, mit der alleinerziehenden Melissa (Ketevan Chuntishvili), die sich ebenfalls um ihren Sohn, Alfred (Alisa Gromova/Antonij Molleker), kümmert. Wie Margaret, die ihren Sohn Adam betreuend dessen Studien und Veröffentlichungen vielleicht erst ermöglichte. Aber wirtschaftlich viel schlechter gestellt.

Entstehung und Grundlagen der Ökonomie, Angebot und Nachfrage: Ein eher sprödes Thema für die Bühne, und weniger durch Handlung als durch Beziehungen getrieben. Die Staatsoper Hannover hat es bei den schwedischen Autorinnen Andrea Tarrodi (Musik) und Helena Röhr (Text/Inszenierung) in Auftrag gegeben. Warum? „Weil es ein wichtiges gesellschaftliches Thema ist“, sagt Dr. Ann-Christine Mecke, Chefdramaturgin der Oper, die das Stück von Anfang an begleitete. Der Philosoph, der die unsichtbare Hand des Marktes erkennt, aber die sichtbar ihn umsorgenden Hände nicht wahrnimmt? Und damit vielleicht Weichen gestellt hat bis heute, wo eine alleinerziehende Mutter die Hand des Marktes weniger als unsichtbar, sondern vor allem in ihrer Härte spürt. 

Szenenbild aus Homo Oeconomicus, fotografiert von Bettina Stoess: Person im Frack und Zylinder mit rosa Blume vor einer Gruppe Menschen
Homo oeconomicus und die Börsenmakler. Foto: Bettina Stöß

Denn vor einem zeitweise versöhnlichen Ende kommt es zum Showdown: Der Philosoph, beseelt von der Harmonie von Eigennutz und gesellschaftlicher Wohlfahrt, steht, umsorgt von seiner Mutter, der Mutter von heute gegenüber, die von Mieterhöhung und Konsumwünschen geplagt ihren Sohn kaum noch umsorgen kann. Und dazwischen der Homo oeconomicus, als zynischer Seelenhändler, der ihr bedeutet, dass (eine Frau) immer etwas zu verkaufen habe.

Leistung ohne Gegenleistung

Aber schließlich wird auf der Bühne des hannoverschen Ballhofs der Seelenhändler mit Emotionen konfrontiert, zwischen Müttern und Söhnen. Leistung ohne Gegenleistung, dem Spiel von Angebot und Nachfrage entrissen. Und war der Homo oeconomicus zunächst gewissermaßen geschlechtslos, löst sich Katharina von Bülow aus dieser neutralen Rolle, wird eindeutig zur Moderatorin und schlüpft in eine Frauenrolle. Bis dahin erinnerte sie in der Maske an den Conférencier der Musical-Verfilmung Cabaret. Was kein Zufall ist, weil doch die beiden Autorinnen genau dieses Muscial besonders mögen. Und in dem schließlich ein Titel die weltbewegende Rolle des Geldes besingt: “Money makes the World go round.” Auch der Homo oeconomicus swingt musikalisch zeitweise: Das Stück soll auch Menschen erreichen, für die Oper Neuland ist.

Theaterszene aus Homo Oeconomicus, fotografiert von Bettina Stoess, mit mehreren Darstellern auf der Bhne
Die beiden Ebenen: links Margaret und Adam, rechts Melissa und Alfred. Dazwischen der Homo oeconomicus. Foto: Bettina Stöß

Die emotionale Wandlung des Homo oeconomicus allerdings währt nur kurz. Aus dem Kreis der von den Zwängen des Börsenmakelns befreiten Börsenmakler, die bis zum Crash glaubten, den Homo oeconomicus verstanden zu haben und ihm soldatisch folgten, setzt sich der nächste den Hut auf, um in die Rolle des Angebot-und-Nachfrage-Predigers zu schlüpfen. Denn auch eine Wirtschafts- und Finanzkrise hat es in Hannover in die Oper geschafft. 

Wer kochte Adam Smith das Essen?

Noch ein Aspekt: Die Rolle der Börsenmakler und -maklerinnen übernimmt der Kinderchor der Oper, etwas zufällig, aber nicht ohne Hintersinn. Damit stehen junge Menschen auf der Bühne (gestaltet von Maike Simon), die die Frage stellen, wie es weitergehen soll mit dem Wirtschaftssystem. Und die jungen Sängerinnen und Sänger haben mit der Oper ein eigenes Projekt bekommen, das sie musikalisch fordert: lernen, sich weiterentwickeln, ein zentraler Gedanke der Sozialen Marktwirtschaft. Und drei von ihnen singen einen Solopart, bejubelt vom Publikum. Ebenso wie das zehnköpfige Orchester unter der Leitung von Hyerim Byun.

Das Opern-Projekt bietet eine ganze Reihe von Facetten. Ausgangspunkt war ein Buch der schwedischen Autorin Katrine Marcal über Frauen und Wirtschaft: „Who cooked Adam Smith’s Dinner?“ Eben seine Mutter war es, die den Urvater der Ökonomie bekochte. In einem Zitat von EZB-Chefin Christine Lagarde, dass der Stückbeschreibung im Internet vorangestellt ist, klingt die hin- und herschwingende Diskussion darum an, wie wichtig Diversität in Unternehmen und Wirtschaft ist: „Wären es ‚Lehman Sisters‘ und nicht ‚Lehman Brothers‘ gewesen, sähe die Welt heute vielleicht ganz anders aus.“ Und die Wirtschafts- und Finanzkrise nach 2009 hat der Volkswirtschaftslehre tatsächlich eine Sinnkrise beschert. Das alles gehört zu den Denkanstößten, die Homo oeconomicus liefern soll, Allerdings nicht fertige Antworten auf komplexe Sachfragen, „das würde die Oper überfordern“, sagt Dramaturgin Mecke. 

Acht Aufführungen gab es in diesem Frühjahr, weitere erstmal nicht. Für manche Zuschauerinnen und Zuschauer war es vielleicht die erste Begegnung mit der Oper. Für noch mehr aber vermutlich die erste Begegnung mit Adam Smith. „Eine Oper über Wirtschaft. Tut mir leid, wenn Sie die Karte gekauft haben, ohne das zu wissen“, so Ann-Christine Mecke zur Einführung. Oder vielleicht umso besser: Über Wirtschaft kann heute gar nicht genug gesprochen werden.