Prof. Dr. Yuliya Kosyakova beleuchtete das Thema "Fachkräfte" auf dem Kongress wissenschaftlich. Foto: IHK Hannover - Hagemann/ Finger
Fachkräfte nicht nur gewinnen, sondern auch halten
23. September 2026 | von Sabrina Kleinertz„Die Arbeitskräfteknappheit ist kein Zukunftsproblem“, machte Prof. Dr. Yuliya Kosyakova in ihrem Vortrag auf dem Kongress klar. Die Leiterin des Forschungsbereiches Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung am IAB referierte mithilfe einiger ihrer Forschungsergebnisse vor mehr als 100 Kongress-Teilnehmenden.
Der Professorin zufolge ist das Fehlen passender Arbeitskräfte bereits heute ein wirtschaftlicher Engpass, der die Leistungsfähigkeit von Unternehmen limitiert. „Ohne Zuwanderung sinkt das Erwerbspotenzial bis 2060 um rund 16 Millionen Menschen“, so die Forscherin. Den Rückgang der deutschen Bevölkerung im erwerbstätigen Alter würde sich weitestgehend durch den Zuzug ausländischer Arbeitskräfte kompensieren.
Zufrieden sein und bleiben
Was diese Menschen für ein erfolgreichen Ankommen und Bleiben in Deutschland brauchen, führte Prof. Dr. Kosyakova in ihrem Vortrag weiter aus, und sorgte damit für gespannte Zuhörerinnen und Zuhörer. „Wir sehen, dass deutlich mehr Menschen mit Befristungen konkrete Pläne zur Abwanderung schmieden“, so die Professorin. Daraus folge: Wer weniger zufrieden mit seiner Arbeit sei, zeige deutlich höhere Überlegungen, wieder auszuwandern und setze dies auch häufiger in die Tat um.
Über die Arbeit hinaus unterstützen
Auch das soziale Umfeld spiele bei der Frage nach „gehen oder bleiben“ eine zentrale Rolle. „Familie und Partnerschaft sind wichtig.“ Für Arbeitgeber bedeute das die Chance, einen neuen Mitarbeitenden auch dort zu unterstützen. Beispielsweise bei der Suche nach einer Wohnung, einem Kindergarten- oder Schulplatz oder Behördengängen.
„Ein relevanter Teil der Gründe, warum Menschen überlegen, Deutschland wieder zu verlassen oder dies tatsächlich tun, liegt im Einflussbereich von Arbeitgebern, Verwaltung und Politik“, machte Prof. Dr. Kosyakova klar. Rund 43 Prozent der Eingewanderten gaben daher auch an, dass ihr Arbeitgeber ein wichtiger Ansprechpartner in solchen Fragen sei.
Gehen muss keinen dauerhaften Abschied bedeuten
Verlässt ein ausländischer Mitarbeitender Unternehmen und Land, muss das aber nicht für immer sein. „Wir sehen, dass eine Auswanderung aus Deutschland auch Potenzial für Wiedergewinnung hat.“ Unternehmerinnen und Unternehmern empfahl die Forscherin bei ihrem Vortrag daher, auch nach einem beendeten Arbeitsverhältnis den Kontakt zu halten.
Gleichzeitig müssten aber „Rückkehrwege“ einfach gestaltet werden – hier sei nicht nur das jeweilige Unternehmen, sondern auch die Politik in der Pflicht. Weniger Bürokratie und schnellere Verfahren könnten nach Einschätzung der Professorin helfen, Deutschland für ausländische Arbeits- und Fachkräfte attraktiv zu machen. Denn: „Die Fachkräftesicherung endet weder mit der Einreise noch mit der Ausreise“.
Was Unternehmen ganz praktisch tun können
Zusammengefasst stelle Prof. Dr. Kosyakova heraus, dass Folgendes wichtig ist, wenn man Menschen aus dem Ausland im eigenen Betrieb beschäftigen möchte:
- Gewinnen: Visa- und Anerkennungsverfahren sollten schnell verlaufen und Einwanderungswege attraktiv und verlässlich sein. Außerdem braucht es Rahmenbedingungen, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit stützen.
- Halten: Beschäftigten muss eine Perspektive zur beruflichen Entwicklung geboten werden. Auch die Arbeitszufriedenheit ist wichtig: Beschäftigte mit Abwanderungsplänen sind im Durchschnitt deutlich weniger zufrieden mit ihrer Arbeit. Verlässliche Beschäftigungsbedingungen schaffen zudem berufliche und private Planungssicherheit. Neben einer funktionierenden Verwaltung ist auch der soziale Aspekt ein wichtiger Faktor, um sich in Deutschland wohlzufühlen – Wohnraum, Sprachkurse, Kita- und Schulplätze fördern die soziale Einbindung.
- Wiedergewinnen: Ein Abschied muss nicht für immer sein. Wenn Unternehmen den Kontakt halten und pflegen, kann man Weggezogene bei passender Gelegenheit wieder für sich gewinnen. Das braucht niedrigschwellige Rückkehrwege.
