Handels- und Industriemuseum der IHK Hannover. Durch KI colorierte Illustration: Andreas Kleine.
Faszination Wirtschaftsgeschichte: Ein Plädoyer
01. Juli 2026 | von Klaus PohlmannDies ist ein Plädoyer – dafür, sich mit Wirtschaftsgeschichte, mit Unternehmensgeschichte zu beschäftigen. Und die Gründe liegen nicht nur im Nützlichen.
Die üblichen Gründe: Lehren für die Gegenwart aus der Geschichte gewinnen, gerade in Zeiten der Transformation. Als Traditionsunternehmen mit Geschichte werben. Identität schaffen, mit einem Unternehmen oder einer Region. Derlei Nützliches braucht man in Deutschland offenbar, um zu begründen, warum man sich mit Wirtschafts-, Unternehmens-, Industriegeschichte befasst. Und oft genug ziehen selbst diese Argumente nicht, das zeigt die Erfahrung: Das Thema hat es nicht leicht. Aber Wirtschaftsgeschichte bietet eben nicht nur das. Sondern auch Geschichten. Und Faszination, Freude, Begeisterung.
Der Reiz des Authentischen
Zunächst: Wirtschafts- und Industriegeschichte hat einen Reiz an sich. Jedenfalls für mache. Es gibt Menschen, die sind einfach von dem begeistert, was Unternehmen in der Vergangenheit gemacht haben. Für manche sind die Mauern alter Fabrikhallen nicht nur Mauern. Sondern Brücken in die Vergangenheit. Oder was bringt Menschen dazu, Zeit und Energie aufzubringen, um Industriegeschichte lebendig zu halten? Es ist der Reiz des Authentischen, für manche: die Magie eines Ortes. Und das ist nicht übertrieben.
Dazu zählen auch, vielleicht sogar ganz besonders, die verlassenen Orte, die lost places, vergessene, aber nichtsdestoweniger oft großartige Architektur. Geschichte ist eben nicht Vergangenheit: Hier war es, genau hier. Hier arbeiteten Menschen. Standen – oder stehen noch – Werkshallen und Fabriken. Wurden Lokomotiven gebaut, Waggons, Straßenbahnen, Autos, Traktoren, Flugzeuge. Metall gegossen. Motoren gebaut. Salz und Seife hergestellt. Das alles übrigens auf nur einem Teil Lindener Industriegeländes in Hannover, damals Industriedorf, heute Teil der Landeshauptstadt.
Da werden Bücher zur Industriegeschichte geschrieben und Manuskripte, die noch in Schubladen liegen. Es gibt ganze Bibliotheken, die im privaten Rahmen aufgebaut wurden. Da wird die Erinnerung an Unternehmen wach gehalten, das prägend waren für einen Ort. Oder ein Museum als Erinnerungsort eingerichtet. In großem Umfang fotografiert. Informationstafeln werden aufgehängt, nur um zu zeigen: Hier genau war es, hier wurde produziert, gearbeitet, entwickelt. Und das alles außerhalb der Profi-Szene der Universitäten, Archive und öffentlichen Museen.
Und dann ist da noch diese tiefe Kluft: Zwischen denen, die an Technikgeschichte interessiert sind und damit – fast – unvermeidlich auch Industriegeschichte erforschen. Auf die aber die akademisch-klassisch-gesellschaftlich ausgerichteten Historiker und Historikerinnen gerne mal herabsehen: Eine Bezeichnung wie „Pufferküsser“ deutet da fast noch auf eine gewisse Kenntnis der Szene hin. Aber wenn man es schafft, einen klassischen Rennwagen wiederaufzubauen, dann geht das nur mit der Begeisterung für den Reiz des Authentischen – und riesigem Einsatz.
Wissen, was war
Hannover hat es nicht leicht. Jedenfalls, was die Industriegeschichte betrifft. Wichtige, die Stadt über viele Jahrzehnte prägende Unternehmen gibt es entweder gar nicht mehr, nicht mehr hier oder nicht mehr in dieser Form. Hanomag, Pelikan, Sprengel, um drei große Namen in den Raum zu werfen. Noch ein Beispiel: Die Preussag wurde in einem ganz besonderen, einzigartigen Prozess zur TUI. Damit fallen sie für die Bewahrung von Unternehmens- und Industriegeschichte ganz oder teilweise aus. Die Hanomag-Geschichte etwa wird unabhängig vom Unternehmen – heute Komatsu – von Technik-Enthusiasten gepflegt.
Hannover, wie Niedersachsen insgesamt, gehe nachlässig mit seiner Industrie-, seiner Wirtschaftsgeschichte um, heißt es immer wieder. Manche sprechen von einem blinden Fleck. Belegen lässt sich das ohne Weiteres nicht, dazu müsste man Vergleiche anstellen mit anderen Städten und Regionen. Und es ist ja nicht so, dass es nichts gibt. Umfassende Veröffentlichungen zuletzt über Bahlsen und Continental, zuvor über Madsack, Sprengel, Appel, die VGH, Pelikan. Das Buch von Hans Mommsen und Manfred Grieger über die Zwangsarbeit bei Volkswagen gilt als bahnbrechend. Es gibt Monografien zur hannoverschen Industrie, beginnend mit der von Paul Hirschfeld 1891. Viele Kurzbeiträge gehen zurück auf Waldemar Röhrbein, den ehemaligen Direktor des Historischen Museum, und den ebenso ehemaligen Stadtarchivar Klaus Mlynek. Auch aus der IHK Hannover gibt es die eine oder andere Veröffentlichung. Vor allem aber ist eine umfangreiche Dissertation zu ihrer Geschichte unterwegs. Die Liste ist keineswegs vollständig, und für Niedersachsen könnte man eine ähnliche aufstellen: Sartorius, Salzgitter, Lemförder Metallwaren, oft in anlässlich von Jubiläen. Zuletzt etwa 200 Jahre Volksbank im Harz. Aber ist das jetzt mehr oder weniger als anderswo?
Vielleicht liefern die Wirtschaftsarchive Hinweise, um diese Frage zu beantworten. Das Niedersächsische Wirtschaftsarchiv wurde 2005 gegründet. Erst 2005 und eben nicht in Hannover, sondern in Wolfenbüttel. Beides könnte durchaus daran liegen, dass Wirtschaftsgeschichte vor 20 Jahren und auch davor kein Thema war: Wichtig ist nur jetzt.
Insbesondere Nordrhein-Westfalen liegt da anders. Das Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsarchiv in Köln, das älteste dieser Art in Deutschland, entstand 1906 und damit rund 100 Jahre vor dem niedersächsischen. Und neben dem RWWA gibt es in Nordrhein-Westfalen noch ein weiteres: das Westfälische Wirtschaftsarchiv in Dortmund, seit 1941. Zugegeben, die Wirtschaftsarchive in anderen Bundesländern sind weit jünger als diese beiden. Aber Niedersachsen ist der Nachzügler.
Das 1905 in Hannover gegründete Handels- und Industriemuseum der Handelskammer Hannover, Mitte der 1930er Jahre vollkommen neu gestaltet und 1943 zerstört, zählt da höchstes zum Teil: Es zeigte – ähnliche wie etwas kleiner in Hildesheim - zunächst eine warenkundliche Ausstellung, vielleicht auf Basis einer Sammlung des Gewerbevereins, und später die aktuelle Wirtschaft in der Provinz Hannover. Wirtschaftsgeschichte dürfte eher weniger Thema gewesen sein: Wichtig war die Gegenwart. Warum sich mit Vergangenem beschäftigten?
Warum also?
Industrie-Kultur und Standort-Stolz
Das Ruhrgebiet, Deutschlands größte Stadtlandschaft, nutzt das Erbe der Kohle- und Stahlindustrie ausdrücklich. Entlang der Route der Industriekultur wird deutlich, was diesen Teil Westfalens verbindet. Zeche Zollverein, Villa Hügel, Schiffshebewerk Henrichenburg. Der Duisburger Innenhafen bietet inzwischen Raum für Büro oder Bistro, sprich Gewerbe und Gastronomie. Auch der Gasometer in Oberhausen gehört dazu, und das muss man erstmal schaffen: als Industriedenkmal besungen werden. Von den Kabarettistinnen Gerburg Jahnke und Stephanie Überall: „Stehße auf´m Gasometer im Sturmesbrausen und alles watte siehs is Oberhausen.“ Was der Autor Frank Goosens an anderer Stelle kongenial kommentierte: Oberhausen? „Nä, schön is dat nich. Abba meins.“
Was bedeutet: Für Standort-Verbundenheit, um nicht zu sagen: Standort-Stolz, braucht man keine Schönheit. Das wird gerade in Hannover gerne übersehen, wo allzu schnell diese Einschätzung akzeptiert wird: „Nicht schön. Aber grün.“
Nur grün? Nicht schön? Es ist ein Glücksfall für Hannover, dass mit Bahlsen eines der bekanntesten Unternehmen Hannovers vor Jahren wieder in die Traditionsgebäude im Stadtteil List zurückgekehrt ist. Das nicht weit entfernte Pelikan-Viertel steht nicht nur für ein Industriequartier, das heute vielfältig genutzt wird: Mit dem Tintenturm bietet es Erinnerungsort an ein bedeutendes Unternehmen, das nicht nur herstellte, womit man schreiben lernte. Sondern wo auch über Jahrzehnte festgelegt wurde, wie man im Westen Deutschlands schreiben lernte. Bedeutend unter den 50er-Jahre-Bauten: die Nord/LB-Zentrale. Und wer weiß noch, warum an der prächtigen Fassade einer anderen großen deutschen Bank in Hannover groß Hannoversche Bank steht?
Weder der Bank-Bau noch der Bahlsen-Stammsitz noch das Pelikan-Viertel haben es übrigens in die geschichte-unterwegs.app des Historischen Museums geschafft. Bei der gerade vorgestellten hanno.guide ist immerhin eine Medien-Tour geplant, die dann sicher zum grandiosen und auch architekturhistorisch bedeutenden Anzeiger-Hochhaus führt. Immerhin.
Und in der Region? Natürlich das Unesco-Welterbe Fagus-Werk in Alfeld, der Gropius-Fabrikbau. Die Möbelindustrie in der Deister-Süntel-Region hat in Eimbeckhausen ein Stuhlmuseum. Glasindustrie entlang der Weser, Papierherstellung bis zurück ins 16. Jahrhundert in Dassel, Porzellan aus Fürstenberg seit fast 280 Jahren: Es gibt sie also, die Verbindung von Industriegeschichte und Kultur. Wer es sehen will, sieht es. Zum Beispiel der Kalibergbau. So bedeutend in der Region, dass in Hildesheim in den 1920er Jahren dafür eigens ein deutschlandweites Museum eingerichtet werden sollte. Kali-Halden findet man noch einige in der Region. Im Ruhrgebiet, entlang der Route der Industriekultur, sind die Halden inzwischen Aussichtspunkte.
Transformation: Im Fluss der Zeit
Noch einmal ins Ruhrgebiet: „Transformation ist das große Thema der Manifesta16, und so passt es, dass die Eröffnungsfeier an einem Ort stattfindet, der dafür steht wie kaum ein anderer: der Zeche Zollverein in Essen.“ Das schreibt die Journalistin Elke Buhr im Kunstmagazin Monopol. Manifesta, das ist eine Kunstausstellung, eine „Wanderbiennale“. Schauplätze sind Kirchen. Aber beim großen Manifesta-Thema Transformation kommt man im Ruhrgebiet um die Industrie nicht herum. Dort hat man einen Strukturwandel hinter sich, den andere Regionen noch vor sich haben. Stichwort Automobilindustrie.
Auch wenn man sich in Hannover-Linden die dort gerade angebrachten Tafeln am Orpil-Fabrikgelände ansieht, hat man die Transformation buchstäblich vor Augen. Lindener Eisen und Stahl, Saline Georgenhall, Hannoversche Baugesellschaft – verschwunden, und das Jahrzehnte, bevor der Name Hanomag aus dem Handelsregister verschwand. Hanomag: Der Name prangt aber auf der Fabrikhalle, die vor 100 Jahren für den Schlepper- und Autobau errichtet wurde – gut sichtbar von der Bahn aus, erinnert der Schriftzug daran, was hier war, auf einem riesigen Areal, dessen viele Gebäude heute ganz anders genutzt werden. Verschwunden ist aber die Pelikan-Leuchtschrift, der lange Reisende am hannoverschen Hauptbahnhof begrüßte. Und wer an der richtigen Stelle zu den Dächern der hannoverschen Innenstadt hochblickt, sieht eine ehemals leuchtende Neon-Eule: Markenzeichen einer Tapetenfabrik genau hier. Nahezu nichts blieb von der lange für die Stadt so wichtigen Textilindustrie. Dort steht heute das Ihme-Zentrum. Erlebbar ist der industrielle Wandel dort nicht, stattdessen die Probleme eines architekturhistorischen Vorzeigebaus. Und auch von der Hanomag gibt außer dem weithin sichtbaren Schriftzug trotz vieler Gebäude wenig Greifbares. Heißt unter dem Strich: Man setzt wohl mehr auf Zufall und das Engagement der Begeisterten, um den Wandel festzuhalten.
Transformation ist also nicht nur heute ein Thema. Sondern war es immer schon. Wirtschafts-, Industriegeschichte machen den Wandel erlebbar. Schumpeters Begriff der schöpferischen Zerstörung zum Anfassen, sozusagen. Und auch das wird deutlich: Hauptsache, es kommt überhaupt etwas Schöpferisches nach.
Kein Wunder, das Transformation auch ein großes Thema der akademischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist. Ausdrücklich etwa am traditionsreichen Lehrstuhl der Uni Göttingen von Hartmut Berghoff. Klar, es geht ausdrücklich darum, aus der Vergangenheit für das heute zu lernen. Was in Deutschland aber weniger ausgeprägt scheint als in anderen Ländern. Berghoffs Würzburger Kollege Jan-Otmar Hesse beklagte gerade erst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass Deutschland hier schwächelt und eine fächerübergreifende Sicht nahezu nicht vorhanden ist.
Gute Unterhaltung – auch das
Wirtschafts-, Unternehmens-, Industriegeschichte sind voll von schweren Themen. Zwangsarbeit aufarbeiten, Verstrickung aufdecken. Krisenerfahrungen für heutige Krisen nutzbar machen. “Lehren für die Gegenwart” - das steht auch über Jan-Otmar Hesses Beitrag in der in der Sonntagszeitung. Ist alles richtig. Muss getan werden. Jeder einzelne Gedenkort erinnert zu Recht daran, dass dort Menschen gelitten haben und gestorben sind.
Je älter ein Unternehmen ist, desto mehr mehr sind Schuld und Verfehlung, Ausbeutung und Leid verflochten mit unternehmerischem Mut und Erfolg, Innovation, Entwicklung und wirtschaftlicher Bedeutung eines Standorts, oder anders gesagt, mit Transformation. Entstünde also der Eindruck, dass es in erster Linie oder allein um die dunklen Seiten einer Unternehmensgeschichte geht, wäre das ungleichgewichtig.
Eine Balance allerdings ist wohl auch nicht einfach zu erreichen. Vielleicht am Beispiel der Bahlsen-Geschichte, in der Hartmut Berghoff und Manfred Grieger ausgehend einer von öffentlichem Druck ausgelösten Untersuchung der Zwangsarbeit im Unternehmen eine Entwicklungsgeschichte des Keks- und Gebäckherstellers geschrieben haben. Und manchmal ist die Verflechtung nicht mehr zu entwirren. Das zeigte die die Vorstudie zu Fritz Beindorff, Pelikan-Chef und von 1917 bis 1921 IHK-Präsident in Hannover.
Aber da ist noch etwas. Gerade Industriegeschichte hat nicht nur einen Reiz an sich, sondern kann - auch - hoch unterhaltsam sein. Vor allem aber bietet sie nicht nur Geschichte, sondern Geschichten. Gesehen hat das zum Beispiel Martha Sophie Marcus mit ihren beiden Novemberrosen-Romanen. Schon der Klappentext reicht, um zu sehen, in welche Richtung sie zielt: Es geht um eine der fünf Töchter des hannoversche Lokomotiv-Fabrikanten Georg Brinkhoff. Und zielt damit, auch wenn wohl mehr Liebes- und Beziehungsdinge im Mittelpunkt stehen, auf eine ungeklärte Unternehmensnachfolge. Denn Vorbild ist die Familie des Hanomag-Gründers Georg Egestorff, dessen einziger Sohn früh starb. Vielfach-Unternehmer Fritz Hurtzig, Mitgründer der Ilseder Hütte, Zuckerfabrikant, Salinendirektor, Aufsichtsratsmulti, beteiligt an der Gründung des Deutschen Handelstags, treibende Kraft bei der Entstehung der hannoverschen Handelskammern, Gründer der Hannoverschen Brotfabrik, des heutigen Harry-Standorts, folgte seinem Onkel an der Spitze des Firmenverbunds eben nicht. Dafür Schwiegersöhne Egestorffs. Mit offenkundig überschaubarem Erfolg: Nach Johann und Georg Egestorff war die Gründerfamilie mit der dritten Generation raus aus der späteren Hanomag. Auf diesem historischen Hintergrund lassen sich nicht nur Romane erzählen: Allein die Fakten ergeben schon eine eine gute Geschichte.
Oder: Was passiert, wenn ein Düsseldorfer Seifen- und Waschmittelhersteller namens Henkel merkt, dass es in Hannover einen Seifen- und Waschmittelhersteller gleichen Namens gibt? Wie verliert sich eine Möbelfabrikanten-Familie im aufkommenden Nationalsozialismus? Was verbindet die Familie Anne Franks mit der niedersächsischen Wirtschaft?
Geschichten aus der Wirtschaft finden Interesse. Eines der frühesten, allerdings nicht historischen, dafür komplett fiktiven Beispiele ist das des großen Bellheim, 1993 vierteilig verfilmt mit dem Schauplatz Hannover und dem jüngst verstorbenen Mario Adorf in der Hauptrolle. Zuletzt ging es ebenfalls in einem Vierteiler um das schwarze Gold, die Ölförderung in der Heide. Aenne Burda, die Wirtschaftswunderfrau: Ebenso verfilmt wie die Lebensgeschichte von Margarete Steiff. Oder die von Levi Strauss, als Vierteiler.
Noch mehr Stoff, das sei mal einfach so in den Raum gestellt, bietet die Geschichte um eine Motorenkonstrukteur, der seinen Halbbruder, einen Kunsthistoriker, nach Hannover holt. Erster Weltkrieg und danach, der eine baut Flugzeuge, der andere Museumskonzepte. Beide verschlägt es später in die USA, zwischenzeitlich hilft der Ingenieur, dass vier Studenten aus Hannover heraus auf der Wasserkuppe den Segelflug revolutionieren. Technische Entwicklungen, wirtschaftliche Interessen, persönliche Beziehungen – außerdem brennt es regelmäßig auf dem Gelände, der Rote Baron war auch mal da, und wenn man will, kann man noch die Geschichte eines Kunstradfahrers einbauen, der vorgibt, indianischer Herkunft zu sein.
Industriegeschichte, reich an Geschichten. Reicht, oder?
Mit Geschichte werben
Furchtbarer Begriff: History Marketing. Aber regelmäßig als einer der wichtigsten Gründe genannt, warum sich Unternehmen mit der eigenen Geschichte beschäftigen sollten. Neben Belegen für etwaige Rechtsstreitigkeiten, Immobilienfragen oder Erbangelegenheiten.
Man hat nur Geschichte, wenn man sie kennt: Das Etikett Traditionsunternehmen reicht nicht aus. Wusste zum Beispiel Christian Hinsch, der 2021 frühere Präsident der IHK Hannover. Und richtete in der heutigen HDI-Zentrale in Hannover einen Geschichtsort ein, museales Festhalten der Unternehmensgeschichte.
Was gar nicht so einfach ist, wenn ein Unternehmen wie eine Versicherung vor allem Immaterielles herstellt. Für einen Autohersteller ist das leichter. Volkswagen hat in der Autostadt ein Museum, bietet aber noch mehr: Das Unternehmensarchiv verzeichnet etwa 6000 Anfragen pro Jahr: Auch eine Form des History Marketings. Eine vergleichbare Zahl ist zum Beispiel für das Archiv der Continental nicht öffentlich bekannt, obwohl auch hier neben der Unternehmensgeschichte sowohl Sport als auch Technik im Spiel sind. Und Erich Maria Remarque, mit seiner kurzen Zeit als Redakteur der Continental-Unternehmenszeitschrift.
Klar, Jubiläen sind der regelmäßige Anlass, selbst ins eigene Archiv zu steigen. Und womöglich gibt es in Deutschland mehr Unternehmensarchive, als man denken könnte. Allerdings begibt man sich damit auch auf eine Gratwanderung zwischen eigenständiger Geschichtsaufarbeitung und historisch-kritischer Analyse. Das lässt sich beobachten, wenn die Dissertation zur Geschichte der IHK Hannover vorliegt, die einem Geschichtsbild aufräumen dürfte, die von der Industrie- und Handelskammer selbst aufgebaut, lange gepflegt und weitergetragen wurden. Wenn aber Vorstellungen im Unternehmen auf historisch-wissenschaftlichen Anspruch prallen, dann werden schnell Türen zugeschlagen. Notwendig ist dagegen vielmehr ein gegenseitiges Verständnis aller, die – aus welchen Gründen auch immer – im Bereich der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte unterwegs sind. Im besten Fall baut das eine auf dem anderen auf: akademisch akzeptiertes Herangehen auf der vielfältiger, eigenständiger Beschäftigung mit Geschichte.
Und schließlich: Haltung
Diese Zeitschrift, die Niedersächsische Wirtschaft, in deren Online-Magazin Sie gerade diesen Beitrag lesen, blickte im Mai 2026 auf 80 Jahre ihres Bestehens zurück. Die ersten Ausgaben kommenziemlich nüchtern daher. „Tatsachen – Pläne – Hoffnungen“, so ist der erste Leitartikel der Niedersächsischen Wirtschaft überschrieben. Er stammt mutmaßlich vom ersten Chefredakteur Johannes Niggemann. Aber erst, wenn man das heute leicht im Internet verfügbare Filmmaterial aus Hannover ab 1945 betrachtet, wird deutlich, unter welchen Umständen das überhaupt geschah. Menschen, deren Lebensplan noch wenige Jahr zuvor auf keinen Fall vorsah, in einer Trümmerlandschaft nach einem Neuanfang suchen zu müssen, taten genau das: Am Boden der Tatsachen, moralisch wie materiell angekommen, trotzdem wieder Pläne zu machen, um Hoffnungen folgend trotz allem weitermachen. Und dann bekommt das, was für Niggemann die wesentliche Quelle für Zuversicht ist, eine ganz andere Bedeutung: Es geht nur gemeinsam, „und wenn etwas hoffnungsfreudig stimmen kann, so ist es die Feststellung, daß die gemeinschaftsbildenden und gemeinschaftsbejahenden Kräfte in allen Teilen unserer Wirtschaft heute die öffentliche Meinung und alle maßgebenden Faktoren beherrschen.“ Das erschien im Mai 1946. Kein schlechter Fingerzeig für heute. Auch das kann die Beschäftigung mit Wirtschaftsgeschichte leisten.

