Moderne Tecta Möbel bei den Munich Design Days, orangefarbener Stuhl und Tisch in heller Ausstellung Die Präsentation von Tecta auf den Munich Design Days im März. Foto: Claudia Warneke Fotografie/Lennart Kramp, Studio für Gestaltung

Tecta: Die Bauhaus-Idee lebt weiter

24. Juli 2026 | von Barbara Dörmer

Ob per Bahn oder mit dem Auto – so oder so ist es eine Reise zu Tecta. Wer bei der Möbelmanufaktur im südniedersächsischen Flecken Lauenförde ankommt, wird in mehrfacher Hinsicht überrascht. 


Ins Auge sticht ein Flachbau, den der Tecta-Gründer und Architekt Hans Könecke Ende der 50er Jahre neben einem Wohngebiet in Lauenförde errichten ließ, um dort sein eigenes, zeitgenössisches Möbelprogramm zu entwickeln und zu produzieren. 1972 wurde die Firma von Werner Bruchhäuser und dessen Sohn Axel Bruchhäuser übernommen. Damit änderte sich die Ausrichtung auf die konstruktive Moderne und auf historische Entwürfe des Bauhauses. 

Ausstellung im Tecta Kragstuhlmuseum Halle 3 Showroom mit modernen Stühlen und Designobjekten

Umgeben ist die Manufaktur von einem Skulpturenpark: Die „Tecta Landscape“ ist  ein über Jahrzehnte gewachsenes Zusamenspiel von Architektur, Landschaft, Produktion und Sammlung, das wesentlich durch die Zusammenarbeit mit dem britischen Architektenpaar Alison und Peter Smithson geprägt wurde. Mittendrin: das Kragstuhlmuseum (Foto links). Dort dokumentiert Tecta die Entwicklung des hinterbeinlosen Stuhls von frühen starren Konstruktionen bis zum federnden Freischwinger und zeigt dort historische Möbel, Modelle, Zeichnungen, Prototypen, Archive bedeutender Architekten und Gestalter. Zusammengetragen hat die Sammlung Axel Bruchhäuser. Heute wird sie von Christan und Daniela Drescher fortgeführt und ergänzt. 

Bruchhäuser beschäftigte sich seit den 1970er-Jahren intensiv mit den Ursprüngen der konstruktiven Moderne. Er recherchierte historische Entwürfe, fand Originalmöbel und Zeichnungen und nahm Kontakt zu Gestaltern, Zeitzeugen, Familien und Rechteinhabern auf. Daraus entstanden persönliche Beziehungen, etwa zu Ise Gropius, Marcel Breuer, Mart Stam, Jean Prouvé und Peter Keler. Historische Entwürfe wurden auf dieser Grundlage rekonstruiert und in enger Abstimmung als werkgetreue Reeditionen wieder in Produktion genommen.

Der Fokus des Unternehmens liegt bis heute darauf, Bauhaus-Möbel und allgemein Möbel der internationalen Avantgarde der 1920er Jahre werkgetreu und in Lizenz herzustellen. Daneben wurde die Kollektion um eigene Entwicklungen sowie Entwürfe zeitgenössischer Architekten, Künstler und Designer erweitert. „Wir bewahren das Bauhaus und entwickeln es weiter“, erklärt Christian Drescher. Der 55-jährige Geschäftsführer führt Tecta seit 2001 im Sinne seines Großvaters und seines Onkels weiter. 

Von den rund 100 Stühlen, Sesseln, Tischen, Sofas und Leuchten, die Tecta produziert, tragen mehr als 20 das Bauhaus-Signet. Die Produkte werden in Lizenz als Reeditionen hergestellt und sind vom Bauhaus-Archiv Berlin genehmigt. 

Seit den 1970er Jahren hat Tecta sowohl mit Protagonisten der klassischen Moderne als auch mit zeitgenössischen Architekten und Künstlern zusammen gearbeitet. Dazu gehörten Marcel Breuer, Mart Stam, Jean Prouvé, Peter Keler, Alison und Peter Smithson, Sergius Ruegenberg und Stefan Wewerka. Ein zentraler Schwerpunkt wurde die Weiterentwicklung des hinterbeinlosen Stuhls. Stam hatte in den 1920er Jahren den ersten starren Kragstuhl entwickelt, Breuer daraus den federnden Freischwinger. Tecta führte diese Entwicklung im Austausch mit Stam, Breuer und Prouvé weiter.

Eine wesentliche Innovation war das abgeflachte Stahlrohr, das sogenannte „tube aplati“. Die von Axel Bruchhäuser entwickelte Konstruktion wurde 1987 in Deutschland und 1990 europaweit patentiert. Auf dieser Grundlage entstand eine eigenständige Serie von Tecta-Kragstühlen. Parallel dazu begann 1978 die Zusammenarbeit mit Stefan Wewerka. Nach dem dreibeinigen Armlehnstuhl B1 von 1979 entstand 1982 mit dem B5 ein einbeiniger Kragstuhl aus einem einzigen, rund 3,30 Meter langen Stahlrohr. Damit führte Wewerka die konstruktive Reduktion des Kragstuhls an ihre  äußerste Grenze.

Mann mit Brille sitzt entspannt auf einem blauen Stuhl vor einem modernen Fenster mit gelbem Rahmen
Christian Drescher. Foto: Barbara Dörmer

Die handgeflochtenen Freischwinger B20 und B25 entwickelten sich in den folgenden Jahrzehnten zu den bekanntesten Produkten von Tecta. Ihre größte wirtschaftliche Bedeutung erreichte die Kragstuhlserie um die Jahrtausendwende, zeitweise entfiel der überwiegende Teil des Umsatzes darauf. „Die geflochtenen Kragstühle wurden zu einem unverwechselbaren Markenzeichen von Tecta und prägten über viele Jahre die Wahrnehmung des Unternehmens“, erinnert sich Drescher. In den 2000er-Jahren kamen zahlreiche Nachahmungen auf den Markt. Tecta ging erfolgreich gegen viele dieser Kopien vor.

Die Stühle werden bis heute in Lauenförde von Hand geflochten. Je nach Ausführung kommen Naturrohr oder eigens entwickelte, Oeko-Tex-zertifizierte Geflechtmaterialien zum Einsatz. Mit neuen Modellen, Farben und Materialien führt Tecta die Serie weiter. Die Kragstühle stehen damit nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft der Manufaktur.

2025 erzielte Tecta mit 35 Beschäftigten einen Umsatz von knapp sechs Mio. Euro.  Zu den Topsellern zählen Gropius’ Sessel F51, Breuers Faltsessel D4, Wewerkas Tisch M21 und der Tecta-Kragstuhl B20. Produziert wird in eigenen Werkstätten – Tischlerei, Schlosserei, Polsterei und Flechterei – in Lauenförde. Einzelne Teile werden bei Lieferanten in Deutschland und Europa bezogen. Die Produkte werden weltweit von über 300 Fachhändlern sowie über den eigenen Online-Shop verkauft. Wichtigste Exportländer sind Japan, Korea, Australien und China. Der Exportanteil liegt bei rund 60 Prozent.

Seit Herbst 2025 feiert die Stiftung Bauhaus Dessau das 100-jährige Bestehen des Bauhauses in Dessau. Tecta beteiligt sich am Jubiläumsprogramm. Mit Thyssen Krupp hat das Unternehmen das Projekt „D4 zirkulär“ gestartet und auf der Mailänder Möbelmesse 2026 eine neue Ausführung von Breuers Faltsessel D4 aus CO2-reduziertem Stahl und recyceltem Stahl präsentiert. Und zeigt damit, wie ein historischer Entwurf mit neuen Materialien und zirkulären Produktionskonzepten weiterentwickelt werden kann.
 

100 Jahre Bauhaus

Das Bauhaus wurde 1919 in Weimar von Walter Gropius gegründet. Hauptanliegen des Architekten war, bildende Künste, Architektur und gestaltendes Handwerk in Werkstätten wieder miteinander zu verbinden. Zu den Lehrern gehörten etwa die Maler Johannes Itten, Paul Klee und Wassily Kandinsky oder der Architekt Ludwig Mies van der Rohe. 1925 wurde das Bauhaus aus politischen Gründen nach Dessau verlegt. 1926 zog es in ein von Gropius geplantes ultramodernes, zweckbezogen gebautes Quartier um. 1927 begann das Bauhaus, auch auf dem Gebiet der Architektur zu unterrichten und es wurden Pläne für vorgefertigte Unterkünfte für viele Menschen und niedrigpreisige Häuser ausgearbeitet und umgesetzt. 1930 übernahm Ludwig Mies van der Rohe die Leitung. Zwei Jahre später zog das Bauhaus nach Berlin um. 1933 löste sich die Schule unter dem Druck der Nationalsozialisten auf. Einige Lehrer und Studierende, darunter auch Walter Gropius und Marcel Breuer, emigrierten nach London oder in die Vereinigten Staaten. Gropius’ erste bedeutende architektonische Arbeit war das ab 1911 erstellte Fagus-Werk in Alfeld. Im Jahr 2011 wurde das als moderne Industriearchitektur konzipierte Gebäude zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Bauhaus-Klassiker werden bis heute in Lizenz als Originalnachbauten  produziert oder neu interpretiert.  Die Stiftung Bauhaus Dessau begeht ihr 100-jähriges Jubiläum seit Herbst 2025 bis Anfang 2027 mit Ausstellungen und einem umfangreichen Begleitprogramm.