Podiumsdiskussion mit vier Personen vor einer Leinwand mit dem Thema 'Leo XIV. und die KI-Enzyklika' Diskutierten über KI und die Papst-Enzyklika: Moderator Dr. Achim Budde, die Professoren Björn Ommer und Jeanne Rubner sowie Kardinal Reinhard Marx (v.l.). Und über allem: Leo XIV.

Mensch bleiben im KI-Zeitalter

23. Juli 2026 | von Klaus Pohlmann

Der Mensch im KI-Zeitalter: Damit hat sich der Vatikan auseinandergesetzt. Die neue Enzyklika richtet sich in der Tradition der Soziallehre auch an die Wirtschaft. Etwas Vergleichbares gibt es bislang nicht.

 

Die Wucht, mit der KI Wirtschaft und Gesellschaft verändert, lässt sich nur mit der ersten, durch Dampf getriebenen industriellen Revolution vergleichen: Diese Feststellung war dem neuen Papst offenbar so wichtig, dass er seinen Namen danach wählte. Leo XIV. bezieht sich damit auf den dreizehnten Papst, der so hieß. Und der 1891, in der späten Industrialisierung, mit einem Rundschreiben - der Sozialenzyklika Rerum novarum – einen Meilenstein für eine christliche Gesellschaftsethik setzte: Die Katholische Soziallehre ist unter anderem eng verbunden mit dem Aufbau der Sozialen Marktwirtschaft im Nachkriegsdeutschland.

Name ist Programm: Großartige Menschheit

Nun äußert sich an der Schwelle zum KI-Zeitalter wieder ein Papst namens Leo mit einer Sozialenzyklika, unter dem richtungweisenden Titel Magnifica humanitas: Großartige Menschheit. Unterzeichnet am 15. Mai, auf den Tag genau 135 Jahre nach Rerum novarum, ist sie eine Standortbestimmung zum allgegenwärtigen Thema Künstliche Intelligenz. Und die wurde auch außerhalb der katholischen Kirche wahrgenommen: Nicht zuletzt deshalb, weil sie die KI-Fragen nicht isoliert, sondern im Zusammenhang unter anderem mit sozialpolitischen Fragen reflektiert, so ein Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland. 
Etwas vergleichbares gibt es derzeit nicht. Spiegel-Kolumnist Ullrich Fichtner nannte sie einen Sommer-Bestseller. Entsprechend umfangreich war die Berichterstattung, etwa im Handelsblatt. Dadurch wurde auch klar, dass es schon seit vielen Jahren Gespräche zwischen dem Vatikan und den US-amerikanischen Tech-Riesen gibt. Bei der Vorstellung des Rundschreibens war Anthropic-Mitgründer Christopher Olah in Rom dabei.

Mensch im Mittelpunkt

Was die Enzyklika nicht ist: technikfeindlich. Sie akzeptiert nicht nur Künstliche Intelligenz, sondern betont ausdrücklich, was KI leisten kann. Das allerdings in einem Ordnungsrahmen. „Wir können KI nicht als moralisch neutral betrachten“, heißt es in der deutschen Übersetzung.  Gemeint ist zum Beispiel, dass KI abhängig von ihren Trainingsdaten möglicherweise verzerrt entscheidet. Was für die Betroffenen fatale Folgen haben kann. Das Rundschreiben warnt vor menschenverachtenden Anwendungen, fordert klare Verantwortlichkeiten und insbesondere auch eine öffentliche Diskussion über einen Ethik-Kodex, um die Entscheidung, wie KI-Algorithmen ausgerichtet sind, nicht undurchsichtig in wenigen Händen zu lassen. „Enzyklika gegen die Macht der Tech-Konzerne“, stand über dem Handelsblatt-Beitrag von Heiner Wilmer, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und bis vor Kurzem Bischof von Hildesheim. Das Papst-Schreiben spricht davon, dass die KI entwaffnet werden müsse. 
 

Durchaus ähnlich die Haltung der evangelischen Kirche, die zu einem „aufgeklärt-kritischen Umgang mit der KI-Technologie“ aufruft, schreibt ein EKD-Sprecher. Auch er weist neben der Gefahr einer militärischen Nutzung auf die Chancen in der Medizin hin.    
Die Enzyklika baut auf der über Jahrzehnte entwickelten kirchlichen Soziallehre auf und überträgt sie in KI-Welt. Menschenwürde spielt eine zentrale Rolle. Die Wirtschaft insgesamt und auch die Künstliche Intelligenz muss dem Menschen dienen. Zum harten Kern der Soziallehre gehören Solidarität und soziale Gerechtigkeit. Hinter solche Werte kann man sich auch stellen, wenn man nicht der katholischen Kirche zugeneigt ist. 
Das gilt ebenso für einen weiteren Grundsatz: Subsidiarität. Der wurde schon 1931 ebenfalls in einer Sozialenzyklika formuliert und besagt, dass – vereinfacht gesprochen – nur die über etwas entscheiden sollen, die auch betroffen sind. Und dass dies nicht auf höhere Ebenen verlagert werden dürfe. Diese Idee hat zumindest grundsätzlich Eingang in die EU-Verfassung gefunden. Längst gehört auch die Forderung, dass natürliche Ressourcen allen Menschen zu Gute kommen müssen, zum Bestand der Soziallehre – bis hin zum Anspruch auf eine intakte Umwelt. Die KI-Enzyklika erweitert das ausdrücklich um Daten, Algorithmen oder Online-Plattformen. 
Insbesondere in den frühen Jahren der Bundesrepublik setzte die Katholische Soziallehre auf politische und gesellschaftliche Wirkung – im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft. Sie konnte dabei auf Verbindungen zu Unternehmen und Verbänden, in Gewerkschaften, Politik und Wissenschaft bauen. Und mit Kardinal Joseph Höffner stand ein promovierter Volkswirt gut zehn Jahre an der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz.
Heute gilt der Münchener Kardinal Reinhard Marx als renommiertester Sozialethiker unter den deutschen Bischöfen. Anfang Juli diskutierte er an der Katholischen Akademie in Bayern mit dem KI-Forscher Björn Ommer und der Publizistin Jeanne Rubner über die neue Enzyklika.

Wert und Würde der Arbeit

Marx hob dabei insbesondere Wert und Würde der Arbeit hervor. Das zielt auf eine zentrale Frage: Wie verändert KI die Arbeit? Und, was gerade kontrovers und noch ohne Antwort diskutiert wird: Wie viele Jobs fallen weg? Entstehen durch KI genügend neue? Die Frage ist offen, aber entscheidend, wenn man wie Marx davon ausgeht, dass das Selbstverständnis vieler Menschen wesentlich von Arbeit geprägt ist. Applaus erntete er in München für den Satz: „Freizeit ist doch nicht ein Lebensziel.“ Jeanne Rubner sprach davon, dass Menschen von der Konkurrenz der KI, die so vieles besser zu können scheint, geradezu gekränkt sind. Und Angst haben. Wer dazu Bilder sucht, sieht zum Beispiel Fredric Zelniks Verfilmung des Hauptmann-Stücks „Die Weber“ von 1927: Die Folgen der dampfgetriebenen Industrie-Revolution des 19. Jahrhunderts sollten besser keine Vorlage für das sein, was KI auslöst.
Das stellt die Frage in den Raum, die schon die erste industrielle Revolution beherrschte, wie nämlich der Produktivitätszuwachs – heute durch KI - verteilt wird. Reinhard Marx sprach das in München an und ist mit dieser Frage nach der ökonomischen, aber auch gesellschaftlichen und politischen Macht dicht an der Enzyklika, die sich damit ausdrücklich beschäftigt.    

Nur effizienter? Das kann ein Holzweg sein

Björn Ommer warnte ebenfalls vor einer Machtkonzentration. Vor allem aber setzte er sich dafür ein, Künstliche Intelligenz als „Ermöglichungstechnologie“ zu sehen. Einen ähnlichen Begriff verwendete Jeanne Rubner. Was man so verstehen kann: Wer mit Künstlicher Intelligenz das gleiche macht wie bisher, nur effizienter, kann sich auf einem Holzweg wiederfinden: Produktivitätsfortschritte durch KI werden durch KI schneller aufgefressen, als man sich umdrehen kann. Es geht also darum, die Technologie zu nutzen, um Neues zu erschließen, durch neue Ideen das Bisherige zu erweitern. Und Ommer sieht gerade Deutschland in der Gefahr, dass genau das nicht geschieht.
Beispiel? Die KI-Diskussion habe dazu geführt, dass unter Jugendlichen auch nach dem Abitur eine Ausbildung deutlich attraktiver geworden sei, merkt Kommunikationswissenschaftlerin Rubner an. Was wiederum Ommer dazu bringt, vor Nischen zu warnen: Bloß dorthin auszuweichen, wo KI nicht oder noch nicht ist, reicht aus seiner Sicht nicht aus. Auch hier die Botschaft: Es muss sich mehr verändern. Spätestens jetzt ist die Diskussion auch beim Thema Bildung angekommen. Höherqualifikation ist nötig: Gesucht seien diejenigen, die die cleveren Fragen stellen, so Ommer. Und was ist mit denen, die diese Qualifikation nicht erreichen? Fragte Marx.

Die Zeit drängt

Das alles sind nur Aspekte aus einer rund zweistündigen Diskussion. Weitere solcher Runden scheinen derzeit eher dünn gesät. Auch die evangelische Kirche hat sich das Thema vorgenommen, setzt auf „gründliche Recherche und Information“ – mit Tagungen oder grundlegenden ethischen Einordnungen. 
Unter dem Strich bleibt die Frage unbeantwortet, wie Kirchen und Wirtschaft weiter ins Gespräch kommen. Auf dem Podium in München war noch keine Vertreterin, kein Vertreter aus einem Unternehmen. Wettbewerbsfähigkeit auf der einen Seite, die Bewahrung des „großartigen Menschlichen“ auf der anderen, um den programmatischen Titel der Enzyklika aufzugreifen. Dazwischen die Frage nach Arbeit und Arbeitsplätzen und ökonomischer Machtverteilung: Um nichts weniger geht es.
„Wir sind früh dran“, meint zumindest Reinhard Marx mit Blick auf Magnifica humanitas. Zwar gab es auch zuvor schon Äußerungen zur KI. Und die EKD stützt sich auf die Denkschrift „Freiheit digital“, die 2021 veröffentlicht wurde – vor der durch ChatGPT ausgelösten breiten KI-Woge. Aber die Zeit drängt. Künstliche Intelligenz verbreitet sich mit einer Geschwindigkeit wie keine andere Technologie zuvor.