Denk mal Industriekultur: Fotos von Manfred Hamm
22. September 2026 | von Klaus PohlmannDas kann sich sehen lassen: Bilder des im April verstorbenen Architekturfotografen Manfred Hamm, die Industriebauten aus Niedersachsen und Bremen zeigen, sind für die Region gesichert.
Manche sind gewaltig, mit hoch aufragenden Mauern. Andere erinnern an eine mittelalterliche Burg, mit Schornsteinen statt Türmen. Wieder andere erscheinen fast sakral: Fabrikgebäude, Denkmale der Industriegeschichte.
Paläste allerdings sind es zumeist nicht, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie Walter Gropius es verstand. Die von Menschen getane Arbeit wollte Gropius feiern, mit Gebäuden, die dafür die passenden Bedingungen bieten: „Der Arbeit Paläste bauen.“
Alfeld, 1911: Noch bevor er das Bauhaus gründete, konnte Gropius hier gemeinsam mit dem Unternehmer Carl Benscheidt sich ausprobieren, im Fagus-Werk.
Natürlich, so könnte man sagen, hat Manfred Hamm auch dieses prägende Gebäude fotografiert. Er gilt als einer der renommiertesten Architekturfotografen, gerade für Industriebauten. Sein Werk zählt Tausende von Bildern. Unter anderem veröffentlichte er zusammen mit Michael Mende 1990 ein Buch zur Industriegeschichte Niedersachsens.

Hamm starb im April dieses Jahres. Die damals entstandenen Bilder – rund 2800 von 300 Objekten an fast 170 Standorten – konnten nun dauerhaft für die Region erhalten werden. Und sie sind in Teilen auch sofort sichtbar: In einer Ausstellung im Fagus-Werk und in einer Neuauflage des Buches von Hamm und Mende.
Die Bilder Hamms für Niedersachsen und Bremen zu sichern: Dahinter versammelten sich eine ganze Reihe von Menschen und Institutionen. Schließlich ist es auch kein geringer Aufwand, eine vierstellige Zahl von Fotos zu digitalisieren. Unterstützung kam von der hannoverschen Hackerodt-Stifung. Wesentlich war auch der Anteil der Hanomag-Interessengemeinschaft, deren treibende Kraft über viele Jahre Horst-Dieter Görg war. Görg stand für die Bewahrung der Technik- wie der Industriegeschichte Niedersachsens, ganz besonders die der Hanomag als eines der prägendsten Unternehmen Hannovers. Görgs Name ist verknüpft mit Projekten wie dem Neuaufbau des Hanomag-Rekordwagens der 1930er Jahre oder dem Nachbau des von Karl Jatho 1903 konstruierten Flugzeugs. Eine Vielzahl von Büchern oder auch das Ausstellungsprojekt der Mobilen Welten tragen seine Handschrift. Und immer wieder Autos, vor allem die in Hannover gebauten, das Kommißbrot, um nur eins der wichtigsten zu nennen. Unmittelbar nach der Ausstellungseröffnung in Alfeld ist Horst-Dieter Görg nach schwerer Krankheit verstorben.
Die Hamm-Fotos zu sichern, gehört damit zu den letzten Projekten, an denen Görg maßgeblich mitgewirkt hat. Wenn Sammlungen weitergegeben werden, aus welchem Grund auch immer, ist das oft genug ein kritischer Punkt: Was da jahr-, manchmal jahrzehntelang zusammengetragen wurde, droht verlorenzugehen. Oder einfach nicht mehr greifbar zu sein. Oft genug sind schnelle Entscheidungen gefragt.

Dagegen ist das Fagus-Werk ein Fixpunkt, seit 2011 Weltkulturerbe, beispielhaft für den Erhalt eines Industriedenkmals. Dahinter steht auch ein Förderverein, dessen Vorsitzender Karl-Heinz Duwe die Hamm-Ausstellung mit eröffnete. Und der darauf hinwies, dass bereits die Briten 1946 – vor 80 Jahren das Fagus-Werk als denkmalwürdig einstuften.

Bei anderen Industriebauten stellt sich aber immer wieder die Frage, ob und wie sie erhalten werden können. Allerdings: Warum eigentlich? Klar: Wenn die Gebäude weiter genutzt werden. Das Pelikan-Viertel in Hannover ist da ein Beispiel. Und für die großen Ringlokschuppen in der Landeshauptstadt zeichnet sich gerade eine solche Möglichkeit ab. Und in Göttingen hat die Lokhalle als Veranstaltungszentrum den Bereich hinter dem Bahnhof neu geordnet.
Aber es gibt noch weitere Gründe. Zum Beispiel aus der Sicht des Europa-Abgeordneten Bernd Lange: „Weil Zukunft aus der Vergangenheit wächst“, sagte er am Rande der Ausstellungseröffnung in Alfeld. Lange betont die lange Tradition der Mobilität in Niedersachsen mit Unternehmen die VW, Continental oder eben auch der Hanomag: Hier fehle auch eine zentrale Einrichtung, um gerade diesen Teil der Technik- und Industriegeschichte zu bewahren.

Aus der Vergangenheit Technik-Begeisterung auch für junge Menschen zu gewinnen: Unter anderem darüber unterhielten sich bei der Ausstellungseröffnung Gerhard Rickert von der Hanomag-Interessengemeinschaft und Prof. Dr. Uwe Groth vom VDI-Landesverband. Denn schließlich bietet die Vergangenheit auch jede Menge an Vorbildern. Gerade erst titelte die FAZ: „Warum Deutschland wieder Unternehmer wie Hugo Junkers braucht“ und erinnerte an seine Rolle als Technikpionier und Firmengründer. Das war noch Jahre, bevor Walter Gropius und Carl Benscheidt in Alfeld einen Palast für die Arbeit bauten. Aber vielleicht ist es auch gerade in Hannover angebracht, auf die Zeit blicken, die danach anbrach. Denn gerade in den 1920er Jahren erlebte die Stadt einen Aufbruch, der gerade auch von Unternehmen angetrieben wurde. Das zeigte sich nicht zuletzt in einer Vielzahl von Industriebauten – nicht alle unter der von Walter Gropius geforderten Art. Aber prägend – und manche auch vom Industriefotografen Manfred Hamm porträtiert.

Die Ausstellung

Noch bis zum 24. Januar ist in der Galerie des Fagus-Werks die Sonderausstellung „Niedersachsen und Bremen – Denkmale der Industrie und Technik“ mit 75 Fotografien von Manfred Hamm zu sehen. Geöffnet ist die Galerie zu den Öffnungszeiten des Weltkulturerbes, in der Regel täglich von 10 bis 17 Uhr, ab November bis 16 Uhr und mit Ausnahmen an Feiertagen und zum Jahreswechsel. Im Eintrittspreis für das Fagus-Werk (11 Euro) ist die Ausstellung enthalten; der Besuch der Galerie allein kostet 5 Euro.
Das Buch

Dass die Fotografien von Manfred Hamm jetzt für Niedersachsen und Bremen gesichert werden konnten, führte auch zu einer Neuauflage eines Buches von 1990. Hamms Bilder und die Texte von Michael Mende zeigen und beschreiben Industrie-Denkmale, jetzt gegenüber der ursprünglichen Fassung ergänzt und auch mit einem deutlich umfangreicheren Anhang versehen. Wie sieht Denkmalschutz heute aus? Was ist aus den damals so akribisch erfassten Monumenten inzwischen geworden? Herausgeber der im Olms-Verlag erschienenen Neuauflage ist der vor wenigen Tagen verstorbenen Horst-Dieter Görg.
Denkmale der Industrie und Technik. Herausgegeben von Horst-Dieter Görg. 2. erweiterte und aktualisierte Auflage 2026. 216 Seiten mit 182 Abbildungen, 38 Euro.
ISBN: 978-3-7582-0837-
