Vortrag von Halfbrodt auf der Horizons Konferenz Wie man einen empathischen Chatbot baut: Jan Christian Halfbrodt weiß es. Foto: Tobias Giessen

Informationen fast wie im Rausch: KI-Horizonte

16. September 2026

Es konnte nicht anders sein: Künstliche Intelligenz stand wie nichts anders im Mittelpunkt der Konferenz Horizons by Heise in diesem Jahr. Ein Rückblick.

 

„Das Wort lag in der Luft, wurde geflüstert, wurde gehaucht.“ Nach sechs Stunden im Hannovers Altem Rathaus tauchen diese Zeilen geradezu unwiderstehlich auf. Ein Wort, dass greifbar das Denken bestimmt: Bei Joseph Conrad, der den Satz vor 130 Jahren schrieb, war es das Wort Elfenbein, das die Menschen entlang eines afrikanischen Flusses in Goldrausch versetzte. Im September, in Hannover, bei der Konferenz Horizons bei Heise, schwebten zwei Buchstaben durch alle Räume, flirrend über den Köpfen von 750 Besucherinnen und Besucher: KI. Und Conrad möge den Rückgriff verzeihen auf seinen Satz. Er stammt aus der Erzählung „Herz der Finsternis“. Ob uns die Künstliche Intelligenz genau dorthin bringt, ist ja zumindest noch nicht ausgemacht.

Überhaupt: Kann man weiter entfernt sein von Finsternis, wenn Jan Christian Halfbrodt über die Psychologie eines KI-Chatbots spricht? Er kam als Referent aus Oldenburg zur Horizons nach Hannover, einer von 60 Fachleuten auf den verschiedenen Bühnen im Alten Rathaus – und arbeitet bei einem Unternehmen, das Farbe schon im Namen trägt: Cewe Color. Und das, wie Halfbrodt erklärte, ja im Kern nicht Fotobücher verkauft. Sondern Emotionen. Dazu muss ein Chatbot passen, wenn der auf Kundinnen oder Kunden trifft, deren frisch geliefertes Hochzeitsalbum gerade zum Albtraum wurde. Empathie ist der Schlüssel, sagt der Softwareentwickler und riet dazu, nicht mit der Technik anzufangen. Sondern dem Wesen des Chatbots. Hat er – oder sie - einen Namen, ein Geschlecht? Weiß es, dass es ein Chatbot ist? Halfbrodt warnte vorm Uncanny Valley: Nicht-perfekte Menschenähnlichkeit sorgt ab einem bestimmten Punkt für Stress, ja geradezu für Ekel. Nicht gut, wenn man eine Beschwerde beschwichtigen will. Und er griff auf einen anderen amerikanischen Erzähler zurück, auf Ernest Hemingway und dessen Eisberg-Theorie. Nur ein Teil dessen, was eine Figur ausmacht, wird im Text sichtbar. Viel mehr bleibt vorborgen, muss aber trotzdem in der Vorstellung vorhanden sein. Wie der unter Wasser liegende Teil eines Eisbergs, um für Tiefe zu sorgen. Was auch, wie Halfbrodt meint, für Chatbots gilt.

Er sprach am Nachmittag der diesjährigen Horizons by Heise, und der Raum im Alten Rathaus flirrte zunächst weniger von KI als vom Hintergrundrauschen der Tischgespräche zunehmend erschöpfter Kongressteilnehmer. Und, etwas weniger, Teilnehmerinnen. Sie alle hatten schon einige Stunden Tech-KI-Druckbetankung hinter sich. Und gleich zu Beginn war in einer Diskussionsrunde das ganze Feld der KI im Parforceritt durchmessen worden. Ja, Deutschland kommt „extrem late to the party“, sagte Jonas Diezun, der mit seiner Firma Beam Technologies GmbH Unternehmen durch KI-Agenten zu selbstlernenden Organisationen machen will. Und das, obwohl diese Einschätzung in der Diskussion unwidersprochen blieb: In vielen mittelständischen Unternehmen ist noch nicht einmal die Digitalisierung abgeschlossen. Und jetzt sollen sie KI einsetzen. Wobei Daten, die im Leitz-Aktenordner im Keller stehen, dafür nicht die notwendige Grundlage bieten. Aber Diezun will den Mittelstand auch nicht abschreiben, der sei grundsätzlich in der Lage, mitzugehen – trotz aller Geschwindigkeit der KI „ist noch Zeit, dranzubleiben.“ 

Diskussion mit Tonne auf dem Horizons-Event – zwei Männer im Gespräch mit Mikrofonen
Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne, befragt von Horizons-Mitgründer Christian Bredlow. Foto: Tobias Giessen

Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne sollte einige Zeit später auch darauf hinweisen, dass er die große Chance Deutschlands in der Verbindung von Automatisierung und KI sieht – auch wegen der starken Position des technikorientierten Mittelstandes.

Bei den großen Sprachmodellen bewegt sich die Party wohl schon auf einen Siedepunkt zu: Wer zu spät kommt, bleibt außen vor. Das machte wenige Tage nach der Horizons by Heise die erneut und heftig ausgebrochene Diskussion um Risiken und Sicherheit der KI deutlich. Hier sind die USA und China im Boot. Europa nicht.

Übrigens könnte auch außen vor bleiben, wer mittels KI nur das effizienter machen will, was er bislang schon macht. So war Jonas Diezun zu verstehen, und er ist nicht der Einzige, der das sagt. Seine US-Erfahrungen vermittelte er aber ziemlich eindringlich: Dort suchen die Unternehmen nicht Effizienz im Althergebrachten. Sondern neue Geschäftsmodelle mit Künstlicher Intelligenz.

Trotzdem: Bei aller Rasanz der KI-Entwicklung sollte man „nicht zu schnell rennen“, sagte zum Beispiel Steven Mc Auley, Wirtschaftspsychologe bei Google Deutschland. Denn es geht auch darum, bei KI-Projekten das ganze Unternehmen, jeden Menschen darin, zu erreichen: Wenn man nicht alle mitnimmt, bleibt viel zu viel Potenzial ungenutzt, hieß es. Im Klartext: Ohne die Menschen im Unternehmen lässt sich KI nicht umsetzen. Diese Überzeugung tauchte immer wieder auf. „Wichtig, die Mitarbeitenden zu sehen“, betonte Sandra Kuwatsch aus dem Vorstand der AOK Niedersachsen. 

Horizons Event im Rathaus – Networking und Austausch in moderner Location
Über allen Köpfen KI: Die Horizons by Heise im Alten Rathaus von Hannover. Foto: Tobias Giessen

Aber die Kluft wurde genauso deutlich: Der Mensch ist eben nicht mehr der begrenzende Faktor für Unternehmenswachstum, wenn KI-Agenten selbstständig arbeiten, so Jonas Diezun. KI arbeitet rund um die Uhr, und das nicht nur schneller: „Anerkennen, das etwas da ist, was besser ist als ich“, forderte der Beam-Gründer. Aber gerade dieses Anerkennen dürfte viele Menschen eben nicht nur in Selbstzweifel stürzen, sondern ebenso Ängste vorm Job-Verlust auslösen. Den erledigt dann die KI. Oder?

Allerdings: Was macht Künstliche Intelligenz denn nun eigentlich in Unternehmen? Was sind die Projekte, von denen Horizons-Referent Ludwig Gundermann sagte, dass lediglich fünf Prozent der KI-Tool-Initiativen produktiv umgesetzt würden. Weil, zum Beispiel, weniger hochwertige Daten vorhanden seien als gedacht – Stichwort Datenillusion. Oder weil Daten in Unternehmen eher eifersüchtig bewacht als allen zugänglich gemacht werden – Stichwort Datensilo. Und auch Gundermanns Forderung lautet: Die Mitarbeitenden mitnehmen. Da ist dieses Motiv wieder. 

Denn Copilot freischalten ist noch kein KI-Projekt, ein Tool noch keine Transformation. KI kann sich wiederholende, langweile Tätigkeiten erledigen: So weit, so gut. Aber wer entscheidet, was langweilig ist? Das Bearbeiten von E-Mails? Oder das Schreiben von Texten und andere kreative Arbeit? Sprachmodelle, ChatGPT und Claude zum Beispiel, sind das eine. Auf der anderen Seite gibt es aber natürlich auch KI-Lösungen für konkrete Aufgaben. Rechnungsprüfung bei der AOK Niedersachsen brachte Sandra Kuwatsch ins Spiel. In der Diskussion fallen oft genug alle zum Teil höchst unterschiedlichen Anwendungen und „die KI“. Auch diese Unschärfe – was ist KI eigentlich? – wurde in Hannover deutlich. Manche schreiben überhaupt „KI“ durchgehend in Anführungszeichen, weil es die Künstliche Intelligenz eben nicht gibt. Schon gar nicht ist sie auf Sprachmodelle begrenzt. 

Gleich ein ganzes Bündel konkreter Anwendungen kam, vielleicht etwas überraschend, aus dem Sport. Bei der Horizons by Heise waren sowohl Handball-Erstligist Hannover-Burgdorf als auch Fußball-Zweitligist Hannover 96 vertreten, mit den Geschäftsführern Eike-Christian Korsen und Holger Bindzus. KI-gestützte Zuschauerprognosen sind ein Thema. Ein weiteres: Die Fernsehzeit von Sponsoren erfassen. Und mit KI - gestützt auf Daten, die aus dem Spiel gewonnen wurden – lässt sich zum Beispiel ein schnelles, komplexes Spiel wie Handball besser erklären, so Burgdorfs Manager Korsen. Dabei kann gerade der Handball auf umfangreiche Spieldaten zurückgreifen, die in den vergangenen Jahren gesammelt wurden - was sich jetzt auszahlt. Sowohl er als auch Fußball-Geschäftsführer Bindzus war außerdem sehr klar, was Grenzen für KI angeht. Die ist zum Beispiel überschritten, wenn Spielergebnisse vorhergesagt werden: Wie ein Spiel ausgeht, kann die KI nicht vorhersagen. Zum Glück.

Und so flirrte die Wörter Künstliche Intelligenz einen Tag lang durch Hannovers Altes Rathaus. Wobei man eigentlich, sagte Horizons-Mitgründer Bredlow, die Veranstaltung so organisieren wollte, dass KI nicht immer im Vordergrund steht. Nun ja: Auf der kleinen Bühne, der Speaker's Corner, wo auch Jan Christian Halfbrodt über empathische Chatbots sprach, kam keiner einziger Programmpunkt ohne die beiden Buchstaben aus. Hat also eher mittel geklappt mit der Rolle der KI bei der Horizons 2026.