Maike Bielfeldt (Mitte) mit Oberst Daniel Decker (1.v.l., Landeskommando Niedersachsen), Innenministerin Daniela Behrens (2.v.l.), Dr. Joachim Schwind (2.v.r., Niedersächsischer Landkreistag und Unternehmer Dr. Lorenz Keine (re., Lühmann Gruppe).
Gemeinsam. Pragmatisch. Gewappnet? IHK-Sicherheitsforum in Hannover
13. Februar 2026 | von Georg Thomas & Barbara DörmerDie Bedrohungen wurden eindeutig benannt, die Notwendigkeit und der Wille zur Zusammenarbeit deutlich, Positives und Schwachstellen diskutiert: Mehr als 150 Unternehmerinnen und Unternehmer, Menschen aus Politik, Verwaltung, Sicherheitsbehörden sowie Vertreter der Bundeswehr nutzten das erste Sicherheitsforum am 12. Februar in der IHK Hannover, um sich auszutauschen und die Vorbereitung auf einen möglichen Ernstfall zu vertiefen.
„Sicherheit ist kein Nischenthema mehr, sondern eine zentrale Frage unserer Zeit“, sagte IHK-Präsident Gerhard Oppermann zu Beginn des Sicherheitsforums. Doch was heißt das ganz praktisch in Niedersachsen, wenn der Krisenfall eintritt? Wer dann erst beginnt zu überlegen, wen man anrufen muss, ist zu spät dran.
Ein Beispiel für gute Zusammenarbeit schilderte Dr. Lorenz Kiene von der Lühmann Gruppe aus Hoya. Im Landkreis Nienburg/Weser habe er erlebt, wie Vorbereitung funktionieren kann, und wo es noch Aufholbedarf gibt: Sein Unternehmen, der Landkreis und weitere Akteure wie das Technisches Hilfswerk seien dort bereits ins Handeln gekommen. Kienes Empfehlung: „Einfach mal machen.“ Es brauche nicht immer große Pläne – entscheidend sei, dass man anfängt.
Einfach mal machen. Pragmatisch handeln.
Auch Innenministerin Daniela Behrens hatte in ihrem Eröffnungsvortrag für ein pragmatisches Vorgehen geworben. Die föderale Struktur Deutschlands sei in diesen Zeiten und möglichen Krisen zwar eine Herausforderung – aber „man findet immer Weg, wie es geht“, so Behrens, die mehrfach für Optimismus und Zuversicht warb („Die Zeiten sind herausfordernd, aber ich bin sehr sicher, dass wir diese Herausforderungen bestehen“) und gleichzeitig die aktuelle Lage klar benannte: „Es sind keine abstrakten Bedrohungen, es sind konkrete Angriffe, die etwa auf die IT-Infrastruktur von Unternehmen jeden Tag passieren. Russland führt einen hybriden Krieg gegen uns“, sagte die Ministerin in aller Deutlichkeit.

Unterstrichen wurde diese Einschätzung von Oberst Daniel Decker vom Landeskommando Niedersachsen der Bundeswehr. Im Falle eines Konfliktes sei Niedersachsen insbesondere für die Logistik der Streitkräfte von strategisch großer Bedeutung, so Decker.
Jetzt vorsorgen. Eigenverantwortung ist nötig.
Laut Behrens müsse das Thema Cyberabwehr bei allen Unternehmen auf die Tagesordnung. Angesichts der Cyberattacken und der Angriffe auf die Infrastruktur warb die Ministerin bei den Unternehmen aber auch für Eigenverantwortung und dafür Vorbereitungen zu treffen, etwa durch ein Notfallmanagement. Denn der Staat könne nicht für alles sorgen. Insofern sei der verheerende Anschlag auf das Berliner Stromnetz und der tagelange Stromausfall auch eine Warnung gewesen. Auch Unternehmen müssten sich jetzt fragen, wie sie einen mehrtägigen Ausfall kompensieren könnten.
IHK-Hauptgeschäftsführerin Maike Bielfeldt, die zwei Panels moderierte, machte deutlich, dass auch die Wirtschaft im Kriegsfall mitgedacht werden müsse. So dürfe es nicht passieren, dass etwa die Produktion von Lebensmitteln stoppe, weil praktisch alle Mitarbeitenden als Soldaten oder Reservisten eingezogen worden seien. Beim Thema Fachkräfte und Ehrenamt sei es nötig, Transparenz zu schaffen, um vorbereitet zu sein.
Dr. Joachim Schwind, geschäftsführendes Präsidialmitglied des niedersächsischen Landkreistags, machte deutlich, dass die Frage der Gesundheitsversorgung - im sogenannten Operationsplan Deutschland der Bundeswehr wird die Zahl von 1000 Verwundeten, die an einem Tag in Deutschland versorgt werden müssten genannt – „völlig ungelöst ist. Wo ist die Sicherheitspolitik bei der aktuellen Krankenhausplanung“, fragte er.
Zudem sagte er, dass es aktuell zwischen dem Bund und den Ländern noch nicht geregelt sei, wie etwa der Treibstoff von Raffinerien mithilfe von notstromfähigen Pumpen zu den Orten gelangt, an denen er dringend benötigt werde.
Im Hinblick auf die Sicherstellung der Stromversorgung berichtete Innenministerin Behrens, dass der Bund durch das Kritis-Dachgesetz Versorger in Ballungsräumen, in denen mehr als 500.000 Menschen versorgt werden, zu gewissen Maßnahmen für etwaige Krisenfälle verpflichten wolle. Alles weitere solle auf Länderebene geregelt werden. Die Ministerin möchte hier mit der Wirtschaft gemeinsam in die Ausgestaltung gehen, was IHK-Hauptgeschäftsführerin Maike Bielfeldt begrüßte.
Resilienz in der Praxis
Die hybride Bedrohung sei seit der Besetzung der Krim durch Russland 2014 deutlich gestiegen, konstatierte Oberst Sönke Marahrens, Senior Fellow vom Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel im zweiten Panel zum Thema „Resilienz in der Praxis: Schutz vor hybriden Bedrohungen“. So habe es in Deutschland bereits Unternehmen gegeben, die mangels Backups durch Cyberattacken pleite gegangen sind. Ob Cyberattacken, Drohnen oder die sogenannte Schattenflotte – es gebe immer Wellen, die passierten und darauf angelegt seien, die Bevölkerung „subkutan“ zu verunsichern. „Dies bedeutet, dass der Gegner bei uns im Haus steht.“
Es sei „eine Frage der Zeit, wann es mich betreffen wird“, erklärte Markus Böger, Sachgebietsleiter Wirtschaftsschutz beim Verfassungsschutz Niedersachsen zur aktuellen Lage. „Ich bin ein großer Fan von Prävention. Alles, was wir da investieren, spart viel Geld.“ In der Wirtschaft habe bereits ein gewisser Umdenkungsprozess stattgefunden, und Unternehmen nutzten die vertraulichen Gespräche mit der Behörde (Daniela Behrens: „Gehen Sie dahin, das sind freundliche Leute, die wollen für Ihre Sicherheit arbeiten!“). Bögers Rat an die Unternehmen: „Der beste Notfallplan ist der, den ich nicht anwenden muss.“
Auch Gwendolin von der Osten bestätigte eine Zunahme der Bedrohungslage durch Cyberangriffe, Sabotage, und Spionage. Die Präsidentin der Polizeidirektion Hannover ermunterte die Unternehmen, bei Fragen der Prävention auf die Polizei zuzugehen. Dort stünden beispielsweise spezialisierte IT-Techniker und Technikerinnen für Unternehmen zur Verfügung. Auch der Verfassungsschutz habe ein Expertenteam.
Rocco Wille, Bereichsleitung Netzbetrieb beim enercity AG, bestätigte die Bedrohung durch Cyberangriffe aus schmerzvoller eigener Erfahrung. Im Oktober 2022 war das hannoversche Energieunternehmen Opfer eines Cyberangriffs geworden. Um Betriebsunterbrechungen minimieren, habe Enercity die redundante Stromversorgung erhöht, und dabei neben der Versorgungssicherheit auch die Geographie im Fokus.
Ralph Michelsen von der FRERK Aggregatebau GmbH aus Schweringen, erklärte, dass die Kunden aus ökonomischen Gründen, und eher nicht aus Resilienzgründen auf das Unternehmen zukämen - oder weil die Kunden der Kunden dies vorgäben. Der Engineering-Spezialist prognostizierte: „Wir werden Schläge bekommen, aber dann sollten wir in der Lage sein aufzustehen.“

Verteidigung ist "längst ein wirtschaftlicher Faktor" - doch wie kommt der Mittelstand an Aufträge?
Auch wenn die Verteidigung nicht die Bedeutung der Automobilindustrie als Geschäftsfeld ersetzen kann, so ist laut IHK-Präsident Oppermann eines nicht zu leugnen: "Sie ist längst ein wirtschaftlicher Faktor". Dass der Defence-Sektor in Niedersachsen gut läuft und auf viel Interesse bei den Unternehmen stößt, konnte auch Dr. Joachim Algermissen von den Unternehmerverbänden Niedersachsen (UVN) bestätigen: Die allermeisten Firmen seines "Rüstungsclusters" haben im vergangenen Jahr ihre Umsätze gesteigert und rechnen auch in diesem Jahr mit einem 10-prozentigem Umsatzwachstum. Das Netzwerk zählt inzwischen rund 350 Mitglieder. Die Entwicklung zeigt: Unternehmen in Niedersachsen profitieren zunehmend von steigenden Investitionen im Verteidigungs- und Rüstungsbereich. Zugleich wird deutlich, dass die Branche weit heterogener ist als das gängige Bild vom „klassischen Panzerhersteller“. Das Spektrum reicht von IT-Dienstleistern und Softwareanbietern über Werkschutz und Logistik bis hin zu Herstellern unbemannter Systeme wie Drohnen, und schließt zahlreiche Zulieferer und Spezialdienstleister ein.
Allerdings zeigte die Diskussion auch, dass es gerade für Unternehmen, die neu in das Geschäft einsteigen wollen, kein einfacher und schneller Weg ist.
„Allein um Ausschreibungsunterlagen zu erhalten, müssen wir bereits Nachweise über unsere Cyberabwehrstrategie erbringen“, berichtete Dr. Detlev Seidel, Geschäftsführer Operations bei der Piller Group. Der Unternehmer aus Osterode sagte: „Für Unternehmen, die da neu reinkommen wollen, gibt es vielleicht nach zehn Jahren eine Chance an Aufträge zu kommen.“ Zudem gehe es bei den von Piller hergestellten Generatoren, die auch in Schiffen und U-Booten zum Einsatz kommen, oft um sehr geringe Stückzahlen. „Wir machen das Geschäft mit der Rüstung mit, aber das ist kein Geschäft, das ein Unternehmen am Leben halten kann.“ Man brauche einen langen Atem, es koste Zeit und Nerven. Auch Mathias Rusch vom Segment Gleitlager der Renk Group machte deutlich, dass der Einstieg in den Verteidigungsmarkt anspruchsvoll ist: Der Weg zu den relevanten Beschaffungsbehörden sei komplex, und der Zugang zu den entscheidenden Stellen keineswegs selbstverständlich. Hinzu komme, dass sich Innovationen nur schwer in laufende Beschaffungs- und Zulassungsprozesse integrieren lassen.
Ein Problem sei auch, gerade bei Beschaffungen im IT-Bereich, dass „teilweise der öffentliche Auftraggeber nicht genau weiß, was er eigentlich will“, beschrieb Christoph Riemer, Berater bei PwC Deutschland. Zudem sei die Hälfte der 108 Mrd. Euro bereits in Beschaffungen gebunden.
Was wäre dann eine Möglichkeit, an Industriekooperationen zu kommen?
Mehrere Referenten verwiesen auf Messen, die eine Möglichkeit bieten, um den Einstieg in das Geschäft zu wagen. So bietet die Hannover Messe, die vom 20. bis 24. April in Hannover stattfindet, in diesem Jahr erstmals eine „Defense Production Area“. Es gebe eine großes Interesse der Unternehmen an diesen Veranstaltungen, sagte Dr. Algermissen, der auch an die Rüstungsmesse DSEI Germany, die vom 9. bis 12. März 2027 erstmals auf dem Messegelände in Hannover stattfindet.
