Porträt von Niggemann in Schwarz-Weiß Dr. Johannes Niggemann. Foto: IHK Hannover

Streiflicht, Freitags-Kolumne: Über die Zeit hinweg

15. Mai 2026 | von Klaus Pohlmann

Wir haben uns nie kennengelernt. Jedenfalls nicht persönlich. Er war der erste Chefredakteur der Niedersächsischen Wirtschaft. Ich bin es jetzt. Dazwischen liegen auf den Tag genau 80 Jahre. Und so vieles andere auch.

Aber es gab diesen Moment, als ein Funke übersprang. Johannes Niggemann heißt mein frühester Vorgänger, ein Westfale, wenn auch aus dem Sauerland. Doch das ist es nicht, obwohl auch ich aus dem Westfälischen stamme. Und ebenfalls in Münster studiert habe, wie Jahrzehnte zuvor Niggemann ein paar Semester lang.

Mich trieben damals die verschulten Buchführungsvorlesungen („Das kann doch nicht alles gewesen sein!“) in die Theologie: Dort, in Münster, hat die Katholische Soziallehre eine lange Tradition, die eng verbunden ist mit päpstlichen Rundschreiben, auf gut Kirchendeutsch: Enzykliken. Rerum Novarum 1891, und 40 Jahre später Quadragesimo Anno: Das waren die Grundlagen. 

Aber wie überrascht war ich, viele Jahre später in den persönlichen Unterlagen des tief überzeugten Katholiken Johannes Niggemann Zitate aus genau diesen Enzykliken zu finden. Genau das war er, dieser unwahrscheinliche, verbindende Funke.

Nach Hannover kam Niggemann 1942. Und hatte eine Odyssee hinter sich. Seinen Job als Zeitungsredakteur verlor er nach der nationalsozialistischen Machtübernahme. Hangelte sich wohl von Stelle zu Stelle, leistete Militärdienst. Er war bis 1945 Schriftleiter des Wirtschaftsblatts Niedersachsen. Und dann wurde er, politisch unbelastet, Gründungs-Chefredakteur der Niedersächsischen Wirtschaft. Da in Hannover eine Straße nach ihm benannt ist, wurde er vor kurzem nochmal durchleuchtet. Die Straße heißt immer noch so.

Keine Ahnung, wann Niggemann überhaupt die Zeit hatte, eine Zeitschrift zu machen. Er war im hannoverschen Stadtrat, vertrat zeitweise den Oberbürgermeister, engagierte sich in seiner Kirchengemeinde und als Aufsichtsrat einer Wohnungsbaugenossenschaft. Er war Mitglied eines katholischen Ritterordens, wie gleichzeitig zum Beispiel VW-Chef Heinrich Nordhoff. Kurz vor seinem Tod wurde er in den Aufsichtsrat der Preussag berufen. Er schrieb für kirchliche Medien. Und er bereitete den Katholikentag 1962 in Hannover mit vor. Den er nicht mehr erlebte.

Wir haben uns nie kennengelernt. Aber da ist die Idee, dass Niggemann, der auf den wenigen in der IHK überlieferten Bildern so freundlich erscheint, dass auch er die Vorstellung hatte, die Wirtschaft müsse für den Menschen da sein. Dass er weitere große Leitlinien der Katholischen Soziallehre teilte: Solidarität, Subsidiarität. Und dass er, bei aller Verwunderung über das, was heute in Wirtschaft und Gesellschaft geschieht, ebenso neugierig wäre auf die nächste Papst-Enzyklika, die sich um KI drehen soll. Ich hätte gerne mit ihm darüber diskutiert.

Historisches Foto von Niggemann und Adenauer
Johannes Niggemann mit Konrad Adenauer: Wo und wann, ist nicht bekannt.