KI im Unternehmen: Mehr als drei Fragezeichen
23. Oktober 2026 | von Klaus PohlmannÜber Künstliche Intelligenz führt der Weg in die Zukunft. Oder? Erstmal muss KI die Produktivität steigern. Das scheint auf dem Weg zu sein: Aber schnell genug? Und was ist „die KI“ eigentlich?
KI unterstützt Berufstätige zunehmend im Arbeitsalltag: Das hat die HDI-Berufe-Studie 2026 zu Tage gefördert. So weit, so gut. Die Ergebnisse scheinen zumindest positiv zu sein. Das entspricht dem Zeitgeist. Aber der Versuchung, genauer hinzusehen, kann man kaum widerstehen.
Zunächst: Die KI-Grundstimmung hellt sich laut HDI-Studie weiter auf. Im nicht-gegenderten Originalton: „Bereits mehr als jeder vierte Berufstätige gibt an, dass ihn KI bei Routinearbeiten im Job entlastet (26 %). Im Vorjahr war es jeder Fünfte (21 %).“ Also ein Plus von fünf Prozentpunkten. Aber reicht ein solches Tempo angesichts der rasanten Entwicklung der Künstlichen Intelligenz? Und ist ein Viertel schon ein gutes Ergebnis oder nicht deutlich zu wenig? Das Potenzial von KI wird durch diese 26 Prozent aller Beschäftigten, die sich entlastet fühlen, ja wohl nicht beschrieben.
Aber das ist nicht die einzige Frage. Die HDI-Studie nimmt ausdrücklich Routinearbeiten in den Blick, die von der KI übernommen werden. Welche das sind, wird durch die Befragung der knapp 4000 Beschäftigten aber nicht klar. Sind es wiederkehrende, oft als langweilig empfundene Aufgaben? Oder solche, zu denen man schlicht keine Lust hat und die man lieber auf die KI abwälzt? Was nicht unbedingt im Sinne der Firma sein muss. In der HDI-Studie wurde ausdrücklich die jeweils persönliche Einschätzung abgefragt, wobei man sich denn so entlasten lässt. Bei welchen Aufgaben Technologie den gut 3800 Befragten der HDI-Studie im Berufsalltag hilft, entscheiden sie also vermutlich selbst. Die Jenaer Digitalagentur dotSource bringt es auf den Punkt: „Mitarbeitende greifen auf frei verfügbare Tools zurück, Prozesse sind nicht durchgängig dokumentiert, Verantwortlichkeiten für Qualität und Risiko bleiben unscharf und verbindliche Eskalationsregeln fehlen.“ Was unter dem Strich heißt: Es gibt oft keine KI-Strategie.
Und Einschätzungen wie diese sind immer wieder zu hören: Nur Copilot oder ChatGPT freizugeben, das ist keine KI-Strategie. Wobei es wohl auch gar nicht so einfach ist, ein KI-Projekt so umsetzen, dass es produktiv ist: Manche sagen, dass bis zu 95 Prozent dieser Vorhaben scheitern. Und produktiv kann man auch so verstehen: Man findet eine KI-Lösung für ein Problem. Nicht bloß Probleme für eine Lösung.
Was ist eigentlich „die KI“?
Wofür also wird Künstliche Intelligenz heute in Unternehmen, von den Mitarbeitenden dort, vor allem genutzt? Dem kommt man vielleicht ein ganzes Stück näher, wenn man sich ansieht, was „die KI“ in Unternehmen heute eigentlich ist. Genau das geht aus einer anderen Studie hervor, nämlich einer zur Cybersicherheit. Die wurde in Auftrag gegeben vom TÜV-Verband und dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Und danach wird, eigentlich wenig überraschend, in deutschen Unternehmen weitaus überwiegend generative KI genutzt: zu drei Vierteln Text-, Bild-, Code- oder Sprachmodelle. Und: Die Studie unterscheidet ausdrücklich zwischen generativer KI, die hauptsächlich genutzt wird, und dem weitaus geringeren Einsatz von KI-Agenten, der nur in fünf Prozent der Unternehmen vorkommt.
Das legt zumindest nahe, dass Recherchieren und Schreiben, Präsentationen erstellen, Programmieren und das Bauen von Tabellen wesentliche Bereiche sind, in denen KI heute im Arbeitsalltag genutzt wird. Und die Mitarbeitenden entlastet – mit oder ohne KI-Strategie. Gleichzeitig werden bei solchen Aufgaben von manchen Fachleuten Kompetenzverluste – neudeutsch: De-Skilling - befürchtet, wenn man sich zu sehr auf die KI verlässt.
Für Analysezwecke, also Prognosen oder Mustererkennung, setzt laut TÜV-/BSI-Studie ein Viertel der Unternehmen Künstliche Intelligenz ein. Rund 17 Prozent nutzen KI-gestützte Automatisierung. Gemeint ist hier unter anderem die Bearbeitung von Kundenanfragen. Autonome Maschinen oder intelligente Sensoren findet man – ebenso wie KI-Agenten – in fünf Prozent der Unternehmen. Fast überflüssig zu sagen, dass in der Umfrage Mehrfachantworten möglich waren: Unternehmen können natürlich Künstliche Intelligenz in unterschiedlicher Form nutzen. Die KI-Sicherheitsstudie kommt aber ganz nebenbei aber zu einer klaren Wertung: Analytische KI – Erkennung von Mustern und Prognosen - und KI-gestützte Automatisierung liegen „abgeschlagen“, wie es heißt, auf den Plätzen zwei und drei.
Mitarbeitende in deutschen Unternehmen nutzen also vorwiegend generative KI und werden dadurch bei Routineaufgaben entlastet. Und knapp ein Viertel - man könnte vielleicht auch sagen: nur ein Viertel - sieht darin die eigene Produktivität erhöht. Auch das ergab die HDI-Beschäftigtenumfrage. Allerdings: Nach einem richtigen Schub hört sich das noch nicht an. Und scheint irgendwie zu einer Einschätzung zu passen, die vor gut einem Jahr aus dem Institut der Deutschen Wirtschaft zu hören war: „Ein ,Produktivitätswunder‘ wird in Deutschland gemäß den hier gesetzten Annahmen trotz der fortschreitenden Digitalisierung und des künftigen Einsatzes von Künstlicher Intelligenz nicht gesehen.“ Das setzte sich Anfang dieses Jahres in einer Untersuchung von über 12.000 europäischen Unternehmen fort: Die Arbeitsproduktivität werde sich in diesen Firmen durchschnittlich um vier Prozent erhöhen – bedeutsam, aber mäßiger als von verschiedener Seite ansonsten angenommen.
Da scheint also noch viel Luft nach oben zu sein bei der KI-Nutzung in Deutschland: Schon ein paar Jahre vor der Veröffentlichung von ChatGPT – dem Dammbruch für die öffentliche KI-Diskussion – gab es Prognosen, die eine Steigerung der Arbeitsproduktivität in Industrieländern bis 2035 von 35 Prozent oder mehr annahmen. Deutschland war damals mit einem Plus von 29 Prozent dabei.
Zumal nur eine höhere Produktivität allein vielleicht nicht einmal reicht. Genauer: Einfach nur das, was man bisher macht, effizienter hinzukriegen, hat etwas von Hase und Igel, aber wenig von nachhaltigem Erfolg. Ein Vorsprung, den man durch Künstliche Intelligenz gewinnt, wird durch KI genauso schnell wieder eingeholt. Und in den USA werde auch nicht mehr über Effizienz diskutiert, sondern über neue KI-Geschäftsmodelle: Das sagte Jonas Diezun bei der Heise-Horizons-Konferenz im September in Hannover. Diezun will mit seiner Firma selbstlernende KI-Agenten in andere Unternehmen bringen: Viel zu tun, wenn man den aktuell noch geringe Agenten-Einsatz in deutschen Unternehmen im Kopf hat.
Bessere Arbeitsergebnisse – zumindest aus eigener Sicht
Nochmal zur HDI-Umfrage: Auch der Anteil derjenigen, die durch den Einsatz von KI bessere persönliche Arbeitsergebnisse sehen, ist von 19 auf 24 Prozent „deutlich“ – so jedenfalls die Studie - gestiegen. Hier ging es jedoch ebenfalls wieder um die persönliche Einschätzung, die eigene Sicht. Befragt wurden nach den Arbeitsergebnissen die Beschäftigten selbst, weder Kundinnen und Kunden noch Kolleginnen und Kollegen.
Sowohl bessere Arbeitsergebnisse als auch Entlastung durch KI werden übrigens in den Medien- und Marketingberufen am stärksten wahrgenommen. Jeweils fast die Hälfte der Beschäftigten in diesen Bereichen sieht das so. Die Kehrseite: Im Marketing und in den Medien ist laut HDI-Studie offenbar bereits jetzt besonders häufig ein Job-Abbau durch KI spürbar. Mit 21 Prozent erlebt das gerade etwa jeder oder jede fünfte Beschäftigte in diesem Bereich, gegenüber einem Durchschnittswert über alle Berufe von neun Prozent. Und 48 Prozent aller Medien- und Marketingleute erwarten künftig Stellenverluste durch Künstliche Intelligenz. Quer durch alle Berufsgruppen sind es immerhin 42 Prozent, die glauben, dass KI zu weniger Arbeitsplätzen führt. Was sich ziemlich genau mit Ergebnissen aus der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage deckt, bei der erstmals auch Künstliche Intelligenz ein Thema war. Danach erwarten rund 38 Prozent der Unternehmen, dass mit dem KI-Einsatz der Personalbestand sinkt. Der Schluss liegt also nahe: Wenn Mitarbeitende merken, dass KI sie entlastet, also Teile ihrer Arbeit macht, sehen sie gleichzeitig ihren Job bedroht. Das könnte zu den Gründen gehören, warum die in der IHKN-Konjunkturumfrage erfasste Konsumneigung fast auf das Niveau historischer Tiefststände gefallen ist.
Die KI-Revolution frisst ihre Kinder. Oder Eltern.
Und die Konkurrenzsituation gegenüber der Technologie wirkt umso mehr, wenn Menschen die KI auch noch als überlegen empfinden. Bei der Frage, in welchen Berufen künstliche Intelligenz besser ist als die natürliche, stehen Werbung und Marketing zwar weit oben, aber nicht ganz an der Spitze. Nach den Ergebnissen der HDI-Studie ist die Sache klar: Am besten lassen sich IT-Entwicklerinnen und -Entwickler durch KI ersetzen. Etwas vier von zehn Beschäftigten in deutschen Unternehmen sehen das so. Hinzu kommen Nachrichten wie diese: Im Oktober meldete die Barclays-Bank den Abbau von 5000 Stellen – wegen KI, und vor allem Entwickler.
Dicht dahinter den IT-Fachleuten landet die Finanz- und Steuerberatung mit knapp unter 40 Prozent, die sagen, dass hier die KI einen besseren Job machen kann. Das Erstaunliche: Diejenigen, die in einem der beiden Bereiche arbeiten, sagen das noch viel häufiger als die Berufstätigen insgesamt. So hält mindestens jeder zweite IT-Spezialist (54 %) die KI für den besseren Entwickler. Die KI-Revolution frisst ihre Kinder. Oder ihre Eltern, je nachdem. Und unter den Fachleuten für Steuerberatung, Rechnungswesen oder Finanzdienstleistung sind es 49 Prozent, die in der KI die höhere Kompetenz sehen.
Das alles sind allerdings höchst persönliche Einschätzungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Deutlich wird das am unteren Ende der Skala: Köchinnen und Köche gelten als kaum durch KI ersetzbar, ebenso wie die Arbeit hinter dem LKW-Lenkrad. Beides dürfte aber nur gelten, wenn man automatisierte Küchen oder autonomes Fahren außen vor lässt.
Wie KI den Arbeitsmarkt prägt, ist derzeit aber vor allem noch eines: unsicher. Mit mehr Mitarbeitenden durch die neue Technologie rechnen aktuell fünf Prozent der niedersächsischen Unternehmen. Das ergab die im Oktober veröffentlichte IHKN-Konjunkturumfrage.
Angesichts des rasanten Tempos, mit der sich die KI-Welt gerade entwickelt, stellt sich natürlich die Frage, ob eine Einschätzung aus dem Institut der Deutschen Wirtschaft Mitte vergangenen Jahres heute noch Bestand hat. Nämlich die, dass KI und Mensch sich bei der Arbeit ergänzen, also in einem komplementären Verhältnis stehen. Das passt zu Hinweisen, dass KI ihre Wirkung erst mit entsprechend geschulten Mitarbeitenden entfaltet – was wahrscheinlich eine KI-Strategie voraussetzt. Wobei manche Stimmen sogar sagen, dass Produktivität aktuell ohnehin noch vor allem durch verbesserte Organisation und Einsatz der Beschäftigten getrieben wird. In einer Umfrage unter österreichischen Betriebsratsvorsitzenden landete KI als Produktivitätstreiberin nur auf Rang 11. Ganz vorne: Prozessoptimierung und die Einbindung der Mitarbeitenden.
Klar scheint aber vor allem: Wenn KI erfolgreich eingesetzt werden soll, dann müssen die Menschen mitgenommen werden. Ohne Weiterbildung geht nichts. Hier allerdings gibt es noch große Unterschiede. Auch das ein Ergebnis aus der HDI-Umfrage: Beschäftigte in Hamburg profitieren bundesweit am häufigsten von Fort- und Weiterbildungsangeboten ihrer Unternehmen im Bereich Künstliche Intelligenz. Bei fast jedem zweiten Beschäftigten in der Hansestadt (44 %) ist das der Fall, doppelt so häufig wie etwa im benachbarten Schlusslicht Schleswig-Holstein (19 %). Der Bundesdurchschnitt liegt bei 30 Prozent.
