Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der IHK NIedersachsen. Foto: Dörmer
Konjunktur: Ohne Vertrauen in die Zukunft
09. Oktober 2026 | von Klaus PohlmannDie Lage scheint einigermaßen paradox. Die Konjunkturprognosen werden besser. Auch in der IHK-Konjunkturumfrage gehen viele Zahlen nach oben. Über diese Momentaufnahme hinaus fehlt aber im Herbst 2026 das Vertrauen in die Zukunft.
Mit einem Plus von drei auf jetzt 87 Punkte passt der IHK-Konjunkturklimaindikator für Niedersachsen durchaus ins Bild: Gerade hat die Bundesregierung ihre Wachstumsvorhersage für dieses Jahr auf 1,3 Prozent angehoben. Auch andere Prognosen hellten sich zuletzt etwas auf.
Geschäftslage, Erwartungen, Auftragsbestände, Investitions- und Beschäftigungspläne in Niedersachsen: Sämtliche Werte bewegten sich in der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage zuletzt leicht aufwärts. Die Exporterwartungen legten sogar mit einem kleinen, aber deutlichen Sprung zu. Vor allem das Europa-Geschäft läuft, weniger jedoch mit US-amerikanischen und chinesischen Kunden. Die Importe aus China allerdings gehen gerade durch die Decke, sagte Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der IHK Niedersachsen bei der Vorstellung der Niedersachsen-Umfrage in Hannover.
Wermutstropfen auch beim Export
Selbst das stärkere Exportgeschäft kommt jedoch mit einem bitteren Beigeschmack daher. Maschinen, Anlagen oder Ausrüstung, die ins Ausland verkauft werden, stützen zwar die niedersächsische Konjunktur. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass nicht hier, sondern jenseits der deutschen Grenzen investiert wird. IHK-Chefin Bielfeldt wies damit auf ein grundsätzliches Standortproblem hin. Die privaten Unternehmensinvestitionen in Deutschland liegen aktuell um fast 100 Mrd. Euro unter dem Vor-Corona-Niveau: Waren es 2019 noch 855 Mrd. Euro, sank der Wert bis zum vergangenen Jahr auf 755 Mrd. Euro. Hinzu kommt: Nach den Ergebnissen der aktuellen IHKN-Umfrage ersetzen fast zwei Drittel der Investitionen nur Vorhandenes. Dagegen fließt in Innovation, Kapazitätsausbau, selbst in Nachhaltigkeit. Schon damit wird deutlich, wie wenig Vertrauen in die Zukunft gerade vorhanden ist.
Noch deutlicher wird das bei der Konsumneigung im Einzelhandel. Die rutscht – vor dem Weihnachtsgeschäft! – unter Corona-Niveau, fast auf den Stand zu Beginn des Kriegs gegen die Ukraine: „So stark! Das hat auch mich überrascht“, so Bielfeldt.
Unsicherheit hält Geld zusammen. Die Ursachen sind vielfältig. Bundesweit ist die Zahl der meist gut bezahlten Industriejobs zwischen 2019 und heute um rund 600.000 gesunken. Niedersachsen steht nur leicht besser da. Die IHK-Konjunkturexpertin wies aber zum Beispiel auf die Fragezeichen über dem Auto-Standort Hannover hin.
Gleichzeitig hat der Fachkräftemangel, lange eines der Top-Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung Niedersachsens, an Bedeutung verloren: Knapp 40 Prozent der Unternehmen sehen hier Probleme. Was die Wirtschaft aktuell umtreibt: Mehr als zwei Drittel der Firmen sorgen sich um die Energie- und Rohstoffpreise, nochmals ein sprunghafter Anstieg. Auf hohem Niveau bleiben die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, gefolgt von den Arbeitskosten.
Erstmals Fragen zum KI-Einsatz
Unsicherheit, was die Perspektiven für den eigenen Job betrifft, dürfte auch vom zunehmenden Einsatz der KI ausgehen. Erstmals wurden im Rahmen der IHKN-Umfrage Ergebnisse erhoben. Rund 38 Prozent der Unternehmen erwarten, dass mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz den Personalbestand sinkt. Was Maike Bielfeldt nicht unkommentiert lassen wollte: KI werde auch für neue Jobs sorgen. Mit mehr Mitarbeitende durch die neue Technologie rechnen aktuell fünf Prozent der Firmen.
Jedes zweite Unternehmen sieht derzeit vor allem steigenden Qualifizierungs- und Weiterbildungsbedarf, und fast ebenso viele gehen von deutlich veränderten Tätigkeitsprofilen aus. Keinen KI-Einsatz planen 17 Prozent.
In dieser Lage mit Herausforderungen in unterschiedlichster From steht die aktuell spürbare Belebung auf keinem belastbaren Fundament, heißt es von Seiten der IHKN. Wobei der Aufwärtstrend auch von den staatlichen Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur getragen wird. Insofern ist es auch wenig überraschend, dass sich nach den aktuellen Prognosen das Wachstum in Deutschland bereits 2028 wieder deutlich abschwächen wird. Ein selbsttragender Aufschwung sieht anders aus, machte Maike Bielfeldt deutlich.
Was in dieser Situation aus Sicht der Wirtschaft erforderlich ist: geringe Arbeitskosten – etwa durch Senkung der Sozialversicherungsbeiträge - und mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten ebenso wie beim Kündigungsschutz. Weniger Bürokratie und ein höheres Tempo: „Der Standort ist zu langsam“, mahnte Bielfeldt einmal mehr. Ebenso erforderlich: eine bessere Infrastruktur. Sagte die IHK-Chefin in Hannover nur wenige Stunden, nachdem der Bundestag grünes Licht für die Bahnstrecke Hannover – Hamburg gegeben hatte.
