Hannover Messe 2026: Bühne für KI und Humanoide Roboter. Foto: Deutsche Messe AG

Vor Veränderungen - wie seit dem ersten Tag

05. Mai 2026 | von Klaus Pohlmann

Muss sich die Hannover Messe neu erfinden? Es wäre nicht das erste Mal. Eigentlich ist ihre ganze, mittlerweile fast 80-jährige Geschichte geprägt davon. 

 

In diesem zählte Jahr die Messe rund 110.000 Menschen, die an den fünf Tagen auf dem Gelände waren. Weniger als in den beiden Vorjahren: 2025 waren es 123.000, im April 2024 kamen130.000. Dazu muss man wissen, dass die Industrieschau in ungeraden Jahren größer ist, weil manche Ausstellungsbereiche nur alle zwei Jahr nach Hannover kommen. Der Trend zeigt nach unten, unabhängig von mehr oder weniger Themen. Aber die Messe betont auch immer, dass wichtiger ist, wer zur Messe kommt und nicht, wie viele Besucherinnnen und Besucher da sind.

Gleichzeitig ist die Zahl der ausstellenden Unternehmen und Institutionen gegenüber beiden Vorjahren gesunken, um ein Viertel auf jetzt etwa 3000. Noch wenige Wochen vor Messebeginn hatten die Verantwortlichen mit einer höheren Zahl gerechnet. 

Keine einfachen Zeiten. Und das keineswegs nur wegen der Streiks, die in diesem Jahr die Hannover Messe trafen. Zunächst bei der Lufthansa, eine Woche vor der Messe. Und dann an den ersten beiden Messetagen Busse und Bahnen in Hannover. 

Die Unternehmen sind zurückhaltender

Vor allem aber: Im Kernbereich der Messe, dem deutschen Maschinen- und Anlagenbau, ist die wirtschaftliche Lage bekanntlich ziemlich angespannt. Was auch bei den Messebeteiligungen bedeutet: Die Unternehmen sind zurückhaltender. Darauf weist die Deutsche Messe AG ausdrücklich hin.

Und dann geriet Hannovers Messegesellschaft unmittelbar vor Beginn der Hannover Messe noch in kritische Schlagzeilen. Der Prüfbericht des Landesrechnungshofes vom Sommer vergangenen Jahres war in die Öffentlichkeit gelangt. Genauer gesagt, in die Redaktion der Tageszeitungen in Hannover. Dort liegt gerade auch die Deutungshoheit über den Bericht, denn eine Veröffentlichung plant der Rechnungshof mit Verweis auf Geschäftsgeheimnisse nicht.

„Sanierungsstau in Milliardenhöhe: Geheimbericht kritisiert die Messe AG“, titelte die Hannoversche Allgemeine Zeitung. Themen laut Presseberichten: Der Zustand des Geländes, das kaum gebuchte 5G-Netz, generell die Arbeit des Managements und des Aufsichtsrats. Und hinterfragt wurde in dem Bericht offenbar die Rolle des Landes als Anteilseigner neben der Stadt Hannover. Schon zuvor hatte es Forderungen aus der Politik nach einem privaten Investor gegeben, der bei der Messe AG einsteigen sollte.

Das alles hat unmittelbar noch nichts mit der Hannover Messe zu tun. Der Industriegipfel ist aber nun mal das Flaggschiff der in Hannover verantworteten Messen, während bei der IAA Nutzfahrzeuge zum Beispiel der Verband der Automobilindustrie Veranstalter ist. Oder bei der Agritechnica die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft. 

Die Agritechnica füllt auch als einzige Veranstaltung noch alle zwei Jahre und erneut 2027 das weltgrößte Messegelände, mit dem sich Hannover zur Expo 2000 und danach schmückte. Das aber eben auch teuer ist. Sanierungsstau? „Im Rahmen unserer Geländeentwicklung verfolgen wir einen gezielten und wirtschaftlichen Ansatz“, heißt es von Seiten der Messe dazu. Man priorisiere ausgewählte Hallen und Areale und entwickele das Gelände schrittweise weiter, und das „in engem Austausch mit unserem Aufsichtsrat und den Anteilseignern.“ Grundsätzlich bestehe Einigkeit darüber, dass das Gelände kontinuierlich an die Anforderungen des Marktes angepasst werden müsse, um langfristig wettbewerbsfähig und wirtschaftlich tragfähig zu bleiben.

Die Hannover Messe belegt aktuell nur knapp Hälfte der Hallen. Auch daher rührt die Vorstellung, sie müsse sich neu erfinden. Zumindest in Teilen. Denn Messechef Dr. Jochen Köckler bescheinigte der „weltweit relevantesten“ Industrieveranstaltung die Rolle als Technologieschau und Impulsgeber gleichermaßen. Inhaltlich stark, hieß es auch von anderer Seite. Industrielle KI ist in der Breite angekommen. Humanoide Roboter bevölkerten manche Stände.

Und mit Brasilien war ein strategisch wichtiges Partnerland in Hannover. Überhaupt ist die Internationalität hoch. Rund 40 Prozent der Gäste reisten laut Messe aus dem Ausland an, vor allem aus China, Brasilien, den USA, Japan und Südkorea.

Und die sollten tunlichst nicht auf die Idee kommen, dass man eine Industrieausstellung in Deutschland nicht braucht. Das ist nicht nur für die deutsche Wirtschaft wichtig, sondern auch für die Stadt. Schließlich trägt die Messe den Namen Hannover in alle Welt. Kaum eine andere Veranstaltung ist im Namen und in der Vorstellung vieler so eng mit der Stadt verbunden, deren Namen sie führt. 

Mit Barack Obama in die Weltöffentlichkeit

Und es ist nur zehn Jahre her, dass die Hannover Messe mit dem Partnerland USA und dem Besuch Barack Obamas Hannover so richtig auf die internationale Bühne hob. Etwa 5200 ausstellende Unternehmen und Institutionen, rund 190.000 Besucherinnen und Besucher zog es seinerzeit an die Leine. 

Zwischen damals und heute liegen eine Pandemie, die Rückkehr des Krieges nach Europa, aufflammende Konflikte weltweit, eine mancherorts wachsende Vorliebe für Zölle und Handelsbarrieren. Alles Gift für eine Messe, die geradezu ein Symbol für Globalisierung ist, die Welt an einem Ort zusammenholt und abbildet – „world in a nutshell“, wie der frühere Messechef Klaus E. Goehrmann einmal sagte.

Trotzdem ist in der Landeshauptstadt und darüber hinaus Wunsch, um nicht zu sagen der Anspruch spürbar, nicht nur weiterhin einen bedeutenden Messeplatz zu haben, sondern bestenfalls zu alter Größe zurückzufinden. Für die Industriemesse, aber auch für den Standort insgesamt.

Auf vier Tage verkürzt im nächsten Jahr

Im nächsten Jahr wird es auf jeden Fall schon Veränderungen geben. Die Hannover Messe dauert dann vom 5. bis zum 8. April – vier Tage nach bislang fünf. Durch die Konzentration auf die besucherstärksten Tage würden Effizienz und Wirkung der Messe weiter gesteigert, so ein Sprecher. Das sei gerade für kleine und mittlere Unternehmen von Vorteil, und die Anpassung werde als sinnvoller und zeitgemäßer Schritt wahrgenommen. Im Ausstellerbeirat war die Verkürzung wohl schon länger Thema.

Hinzu kommt 2027 als begleitende Veranstaltung die Europe Energy Week, eine Mischung aus Ausstellung und Konferenz. Gezeigt werden Innovationen im Energiebereich. Außerdem sollen zum einen Führungskräfte der Branche mit der Politik zusammentreffen, zum anderen Fachleute aus Technik und Forschung sich austauschen können. Die Messe hofft auf 500 ausstellende Unternehmen und Institutionen in drei Hallen. 

Center Stage soll bleiben

Auch die Center Stage, das mit einem hochkarätigen Vortragsprogramm 30.000 Besucherinnen und Besucher anlockte, soll im nächsten Jahr wieder zur Hannover Messe gehören. Am ersten Messetag gab sich das Bundeskabinett die Klinke in die Hand, Ministerinnen und Minister im Halbstundentakt, sagte als Moderator der FAZ-Redakteur Sven Astheimer: Rückenwind aus Berlin. 

Politiker und Politikerinnen bei einer Veranstaltung im Forschungszentrum KIT, im Hintergrund Hightech-Anlagen – politik-webmagazin
Politik immer dabei: Charlotte und Friedrich Merz, Dorothe Bär, Katherina Reiche und Olaf Lies (v.l.)  bei Jan S. Hesthaven, Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie. Foto: Deutsche Messe AG

Klar ist auch, dass im kommenden Jahr erstmals die DSEI als eigene Messe für die Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie nach Hannover kommt. Das Thema war bereits in diesem April auf der Hannover Messe präsent. Aus heutiger Sicht soll die DSEI 2027 drei Hallen, dazu Pavillons sowie Teile des Freigeländes nutzen. Aufgrund der hohen Nachfrage könnte noch eine weitere Halle hinzukommen, heißt es. Das kommende Jahr sieht außerdem erstmals seit 2018 wieder die Bildungsmesse didacta in Hannover, und nach gut 25 Jahren kehrt auch die Textilmaschinenmesse ITMA für 2027 zurück. 

Für das ständige sich Sich-neu-erfinden der Messe in Hannover steht vielleicht mehr als alles andere die CeBIT. Vor 40 Jahren wurde sie als eigenständige Veranstaltung aus der Industriemesse herausgelöst. Die musste sich sogar zeitweise im Schatten ihrer rasend erfolgreichen Computer-Tochter behaupten: Gegen PC und Internet bei der CeBIT standen erklärungsbedürftige, spröde Leitmessen-Konzepte bei der Industrieschau. Das Ende kam aber 2018 für die CeBIT.

Verschmolzen mit Industrie 4.0

Zu dem Zeitpunkt hatte wiederum die Hannover Messe alles spröde abgelegt und war seit etwa fünf Jahren mit einem Begriff geradezu verschmolzen: Industrie 4.0. Bereits zuvor hatte der Industriegipfel ein tragendes Thema gefunden: Energie. Und das blieb auch wichtig, als ab 2013 Industrie 4.0, eigentlich als Marketingbegriff auf dem Reißbrett entstanden, zur Erfolgsformel wird. Für die Messe gleichermaßen wie die deutsche Industrie. Hannover hatte einen Lauf. Dann kam Corona.

Seit ihren Anfängen wurde die Hannover Messe in regelmäßigen Abständen hinterfragt. Ist eine Exportmesse zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt sinnvoll? Das war schon die Frage bei der Premiere 1947. Danach wurde Hannover zur Bühne des Wirtschaftswunders, später auch zur Importmesse. Drehscheibe des westeuropäischen Zusammenwachsens, Treffpunkt mit Osteuropa, Zugehen auf „Entwicklungsländer“: Die Hannover Messe war, unter inzwischen verschiedensten Namen, immer Spiegelbild der weltwirtschaftlichen Entwicklung. Hieß es in der Niedersächsischen Wirtschaft zur 25. Auflage der Messe 1971. Und schrieb in der gleichen Messe-Ausgabe über „Chinas Weg zur Industriemacht.“ 

Person mit VR-Brille in einem Rennsimulator auf einer Messe – foto-webmagazin
Foto: Deutsche Messe AG

Aber nicht alle neuen Konzepte, mit denen die Industrieausstellung überarbeitet werden sollte, waren erfolgreich. Wer etwa erinnert sich noch an die rote und blaue Hannover Messe als Versuch, abwechselnd Prozesstechnik, also beispielsweise die Chemie, und Automatisierungstechnik nach Hannover zu holen?

Heute wird  Industrie 4.0 von der Künstlichen Intelligenz abgelöst. Es ist der Anspruch der Hannover Messe, bei industrieller KI die weltweit wichtigste Plattform zu werden. Wenn sie es nicht schon ist. Spiegelbild der wirtschaftlichen Entwicklung eben.

Stand der Industrie-Technologie auf dem Silbertablett

Mit der Industriemesse können Niedersachsens Unternehmen nicht nur ein weltweites Schaufenster vor der Haustür bestücken. Sondern bekommen auch einmal im Jahr den Stand der Industrie-Technologie auf dem Silbertablett serviert. Für viele per ÖPNV zu erreichen. Wenn Busse und Bahnen fahren.

Noch rund 140 Unternehmen und Institutionen aus Niedersachen sind auf der Hannover Messe vertreten. Der Niedersachsen-Abend am Messe-Donnerstag dagegen zählte mehr als 1000 Teilnehmende. Letztlich bildet die Messe nicht anderes ab als die Realität. Wenn es nicht gelingt, in Deutschland eine erfolgreiche Industriemesse zu haben, dann hat nicht nur Hannover ein Problem. Sondern der Standort Deutschland insgesamt.