Dieses Bild von Mohamed ­Elgarawny entstand bei der Anpassungsqualifizierung in Deutschland. Der 23-Jährige ist einer der 36 jungen Lokführer, die die Deutsche Bahn aus Ägypten angeworben hat. Foto: Deutsche Bahn AG

IHK und Deutsche Bahn werben Lokführer aus Ägypten an

03. Juni 2026 | von Georg Thomas

Eine Gruppe junger Fachkräfte aus Ägypten hat Ende April von der IHK die Anerkennungs­urkunden für ihre im Ausland erworbenen Berufsabschlüsse erhalten. 

 

Karim El-Nacoury wählt die lobenden Worte bedacht, aber „das ist wirklich ein Paradebeispiel eines erfolgreichen Fachkräfte-Projekts.“ Der 46-jährige ist Leiter des Cross Border Recruitings bei der Deutschen Bahn AG. Seine Aufgabe ist also die Gewinnung von Fachkräften aus dem Ausland. Denn die Bahn braucht gut qualifiziertes Personal. Und sie konnte ihre Bedarfe insbesondere in operativen Berufen in den letzten Jahren nur durch große Anstrengungen decken. So wurde nicht nur der Quereinstieg für Interessierte aus Deutschland, sondern auch für Menschen aus dem EU-Ausland und darüber hinaus ermöglicht und attraktiv gestaltet. Die Deutsche Bahn hat in bisher zwei Durchgängen 30 junge Ägypter für eine berufliche Zukunft in Deutschland angeworben, um sie hier unter anderem in den S-Bahnnetzen des Konzerns einzusetzen. Viele der ägyptischen Lokführer absolvieren seit Anfang April die letzten Schulungen, Tests und Vorbereitungen, um spätestens im September offiziell in ihren Dienst zu starten. 

Wieso aber eigentlich aus Ägypten?
„Es gibt dort ein gut ausgebautes Bahnnetz und daher auch bereits qualifizierte Lokführer. Zudem hat Ägypten eine stark wachsende, sehr junge Bevölkerung und schon jetzt fast 120 Millionen Einwohner, sodass es auch auf ägyptischer Seite ein Interesse an der Zusammenarbeit mit uns gab“, berichtet El-Nacoury. Zu den Auswahlgesprächen im August 2024 reiste er selbst nach Kairo – nicht zuletzt wegen seiner Arabisch-Kenntnisse. Bei der Auswahl und Vorbereitung der ägyptischen Fachkräfte arbeitete die Deutsche Bahn eng mit der Auslandshandelskammer (AHK) in Ägypten und dem dort angesiedelten Projekt zur Anerkennungsberatung ProRecognition zusammen.

Die IHK Hannover kam dann als dritter Partner dazu, um die Anerkennung der ägyptischen Berufsabschlüsse zu begleiten. „Denn die jungen Menschen hatten bereits alle bei der ägyptischen Bahngesellschaft eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen“, erklärt Karim El-Nacoury. Die ProRecognition-Anerkennungsberaterinnen in Kairo standen bei den gesamten Arbeiten zur Vorbereitung der Anerkennung der Abschlüsse beinahe im ständigen Austausch mit der IHK Hannover. So wurden die erforderlichen Dokumente mit den Kandidatinnen und Kandidaten zusammengestellt und der Anerkennungsantrag ausgefüllt. „Und auch als das Team unserer Anerkennungsstelle feststellte, dass Unterlagen fehlten oder so nicht ausreichten, konnten wir dank der guten Zusammenarbeit solche Hürden schnell überwinden“, sagt Silke Richter, Leiterin des Bereichs Berufliche Bildung und Fachkräfte bei der IHK Hannover. 
Die Deutsche Bahn unterstützte die Lokführer vor Ort in Ägypten bei den vorbereitenden Integrationsmaßnahmen. Sie organisierte Deutsch-Kurse beim Goethe-Institut und half beim Beantragen der Visa.

Gruppenfoto von sieben Personen bei einer Zertifikatsübergabe in einem modernen Gebäude, einige halten Dokumente in der Hand.
Silke Richter, Leiterin Berufliche Bildung und Fachkräfte bei der IHK Hannover (2. Reihe v.r, mit Karim El-Nacoury (Leiter des Cross Border Recruiting Teams der Deutschen Bahn). Vordere Reihe (v.l.): Die nun anerkannten Fachkräfte Mohamed Elgarawany und Mohamed Abdelrahmen mit ihrem Vorgesetzten Zudi Selimi (Referent Internationale Fachkräfte Deutsche Bahn) und Arne Hirschner und Maja Hainz, die bei der IHK Hannover die Anerkennung begleitet haben.

Nach der Ankunft der jungen Ägypter Anfang April 2026 in Deutschland ging die Anerkennung der ägyptischen Berufsabschlüsse bei der IHK Hannover in die finale Phase. „Zunächst konnten wir eine teilweise Gleichwertigkeit feststellen, die aber durch die von der Bahn geplanten Anpassungsqualifizierungen in Theorie und Praxis in kurzer Zeit zu einer vollen Gleichwertigkeit wird“, erklärt Silke Richter. Die Ägypter sind dann offiziell in Deutschland „Eisenbahner/-in im Betriebsdienst – Lokführer/-in und Transport“. Einer von ihnen ist Mohamed Abdelrahman. Der 24-Jährige wurde von seinem Arbeitgeber auf das Programm aufmerksam gemacht und musste nicht lange überzeugt werden. Wie die meisten hat er noch keine eigene Familie, sodass er sich gut vorstellen kann, „lange in Deutschland zu bleiben“. „Die Gruppe ist sehr diszipliniert und motiviert dabei“, sagt Zudi Selimi. Der Referent für Internationale Fachkräfte ist für die Ägypter während der Qualifizierungsphase in Deutschland sowohl Betreuer als auch Chef. 

Auch wenn durch die aktuelle wirtschaftliche Lage der Mangel an Fachkräften in vielen Branchen gerade etwas weniger stark ausgeprägt ist, werden auch in Zukunft Fachkräfte aus dem Ausland für operative Berufe dringend benötigt. „Die demografische Entwicklung wird dazu führen, dass allein in Niedersachsen innerhalb der nächsten gut zehn Jahre fast jeder vierte Beschäftigte in den Ruhestand geht. Dadurch entstehen enorme Lücken bei Fach- und Arbeitskräften“, erklärt Silke Richter.

Die Deutsche Bahn AG hat mit den Lokführern aus Ägypten bislang auf jeden Fall sehr gute Erfahrungen gemacht. Selbst wenn hierzulande der Bedarf gedeckt sein sollte, so bleibt eine Verbindung: Die Deutsche Bahn wird in Ägypten bald ein Hochgeschwindigkeitszugnetz betreiben. An gut ausgebildetem Personal wird es dann sicher nicht mangeln.