Jan Nöther. Hauptgeschäftsführer AHK Indien. Foto: AHK Indien.
Interview: Noch mehr Chancen in Indien
08. April 2026Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien liegt auf dem Tisch: Es eröffnet ein Tor zu neuen Möglichkeiten. Dazu Jan Nöther, Hauptgeschäftsführer der AHK Indien, im Interview.
Herr Nöther, viele Europäer blicken im Zuge der vielen geopolitischen Spannungen nach Indien. Wie sehen Sie die Rolle Indiens in dieser Gemengelage?
Jan Nöther: Indien hat sich in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Stabilitätsanker in einer zunehmend fragmentierten Weltordnung entwickelt. Das Land verfolgt eine unabhängige außenpolitische Linie, die sich weder eindeutig dem Westen noch anderen Machtblöcken zuordnen lässt – und genau das macht Indien zu einem wichtigen Partner für Europa.
Ein entscheidender Punkt ist: Indien setzt stark auf wirtschaftliche Offenheit, Diversifizierung seiner globalen Partnerschaften und technologische Souveränität. Dadurch gewinnt das Land strategisch an Bedeutung – sowohl als Markt als auch als geopolitischer Akteur. Für Unternehmen bietet Indien damit eine Alternative, um Lieferketten resilienter zu gestalten und neue Wachstumschancen zu erschließen.
Europa und Indien haben nun ein Freihandelsabkommen vereinbart. Es sind zwar noch einige juristische Hürden zu bewältigen, aber wenn es in Kraft tritt, erleichtert es den Zugang zu einem Markt mit rund 1,4 Milliarden Menschen. Welche Chancen bietet das Abkommen deutschen Unternehmen?
Nöther: Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien ist ein Meilenstein. Viele Produkte deutscher Unternehmen unterliegen in Indien aktuell noch relativ hohen Zöllen. Ein Abbau dieser Handelshemmnisse würde die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Anbieter, insbesondere des deutschen Mittelstands, deutlich stärken.
Darüber hinaus geht es nicht nur um Zölle: Verbesserungen bei regulatorischer Transparenz, beim Schutz geistigen Eigentums und bei der Erleichterung von Dienstleistungen könnten deutschen Firmen erheblich zugutekommen. Gerade in Branchen wie Chemie, Maschinenbau, Automotive, erneuerbare Energien würde ein solches Abkommen neue Dynamik auslösen.
Ein Blick auf vergangene Unternehmensbefragungen zeigt, dass sich bei vielen deutschen Unternehmen ein langfristiges Engagement in Indien lohnt. Was sind die zentralen Gründe für einen unternehmerischen Erfolg in Indien und auf welche Herausforderungen müssen sich Unternehmen bei einem Engagement einstellen?
Nöther: Aus heutiger Perspektive ist Indien ein Muss für deutsche Unternehmen. Indien zeigte in den vergangenen zehn Jahren das bedeutendste Wachstum der 20 größten Volkswirtschaften, man belegt heute hinter den USA, China und Deutschland den vierten Rang. Im Jahr 2030 wird Indien nach China zudem den zweitgrößten Konsumentenmarkt aufbieten.
Deutsche Unternehmen sind in Indien erfolgreich, weil sie genau das einbringen, wofür „Made in Germany“ steht: Qualität, Verlässlichkeit und technologische Stärke. Indische Partner schätzen eine langfristige Zusammenarbeit, präzise Prozesse und hohe Standards – Werte, die hervorragend zur deutschen Unternehmenswelt passen. Auch die große Nachfrage nach industriellen Lösungen „auf dem Weg zur Modernisierung Indiens“ kommt deutschen Firmen zugute.
Zudem feiern wir in diesem Jahr den 70. Geburtstag der AHK Indien – ein starkes Zeichen dafür, wie lange und wie erfolgreich deutsche Unternehmen bereits im indischen Markt verankert sind. Diese jahrzehntelange Präsenz hat über die Jahre belastbare Netzwerke, vertrauensvolle Partnerschaften und eine tiefe Marktkenntnis geschaffen, von der deutsche Firmen auch heute noch unmittelbar profitieren.
Gleichzeitig gilt: Indien ist kein Markt, den man nebenbei erobert. Erfolgreich sind diejenigen, die langfristig denken, in lokale Teams investieren und bereit sind, Produkte und Prozesse an den indischen Markt anzupassen. Wer hingegen versucht, Konzepte eins zu eins aus Europa zu übertragen, wird es schwer haben. Zu den Herausforderungen zählen regionale Unterschiede, komplexe Genehmigungsverfahren, bürokratische Prozesse und ein intensiver Wettbewerb. Doch Unternehmen, die etwas Geduld, kulturelles Verständnis und eine klare Marktorientierung mitbringen, sind in Indien meist dauerhaft erfolgreich.
Sie waren bereits von 1997 bis 1999 beruflich in Indien. Nun sind Sie nach 26 Jahren nach Indien zurückgekehrt. Wie hat sich Indien in dieser Zeit verändert und was ist unverändert geblieben?
Nöther: Verändert hat sich nahezu alles – und gleichzeitig erstaunlich wenig. Wenn ich auf meine ersten Jahre in Indien zurückblicke, dann ist der größte Unterschied die Geschwindigkeit: Heute ist Indien digital, modern, urban und ambitioniert. Straßen, Flughäfen, Häfen, digitale Verwaltung – die Infrastruktur hat sich rasant entwickelt. Der technologische Wandel, angeführt von einer jungen, gut ausgebildeten Bevölkerung, prägt das Land wie kaum ein anderer Faktor.
Was sich hingegen kaum verändert hat, ist die Lebensenergie und der Unternehmergeist der Menschen. Indien bleibt ein Land mit enormer Vielfalt, großer Herzlichkeit und beeindruckender Anpassungsfähigkeit. Auch der Pragmatismus und die Fähigkeit, Lösungen für scheinbar unlösbare Herausforderungen zu finden, sind heute wie damals präsent. Diese Mischung aus Kontinuität und Fortschritt macht Indien nach wie vor zu einem faszinierenden Ort – und zu einem sehr spannenden Markt für deutsche Unternehmen.
Wenn Sie nur einen einzigen Punkt nennen dürften: Was gefällt Ihnen an Indien am Besten?
Nöther: Während ich hier eine lange Liste aufbieten könnte, freute ich mich bei Rückkehr nach Indien vor sieben Monaten nicht nur auf die reichhaltige Küche Indiens, sondern vielmehr auf die einzigartigen Sonnenuntergänge. Diese muss man erleben.
Die Fragen stellte Dr. Michael Seitz.
