Prof. Dr. med. Uwe Tegtbur, Klinikleitung Rehabilitations- und Sportmedizin, Medizinische Hochschule Hannover (MHH). Foto: MHH
Wie Bewegung Körper und Psyche stärkt
01. April 2026 | von Barbara DörmerWie kann Bewegung die körperliche und psychische Gesundheit verbessern? Ein Interview mit Professor Dr. Uwe Tegtbur, Leiter der Klinik für Rehabilitations- und Sportmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover.
Laut einer Forsa-Umfrage fühlt sich jeder zweite Deutsche körperlich mäßig oder gar nicht fit. Ein Drittel beurteilt seine psychische Gesundheit als mittelmäßig bis schlecht. Wundert Sie das?
Prof. Uwe Tegtbur: Das passt zu den Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO): Dass sich die Hälfte der Deutschen zu wenig bewegt. Ausreichend körperliche Bewegung führt zu Wohlbefinden, und Bewegung wirkt gezielt antidepressiv. In den positiven Wirkungen summiert sich das für unsere Gesundheit.
Wieviel Prozent der Menschen, die Sie behandeln, müssten gar nicht zu Ihnen kommen, wenn sie gesünder gelebt hätten?
Tegtbur: Viele Menschen, die mit Herzinfarkt oder anderen schweren Erkrankungen hierherkommen, sind 60 plus. Man weiß, dass man bei geeignetem Gesundheitsverhalten mit mindestens 150 Minuten Bewegung pro Woche die Erkrankungsraten bei Herzinfarkt um etwa 40 bis 70 Prozent reduzieren kann. Die Krebserkrankungsraten sind bis zu 30 Prozent geringer – je nach Krebsart. Etwa die Hälfte der Patientinnen und Patienten würde gar nicht zu uns kommen, wenn sie lebenslang Sport treiben würden.
Welchen Krankheiten kann man durch Bewegung vorbeugen?
Tegtbur: Das ist eine lange Liste: Erstmal ist der Stoffwechsel betroffen, zum Beispiel Diabetes oder Lebererkrankungen. Dann Infekte – man stärkt das Immunsystem. Psychische Erkrankungen, weil Bewegung gegen Depressionen wirkt. Natürlich Herz-Kreislauferkrankungen und Krebserkrankungen. Und Demenz: Wenn man körperlich aktiv ist, tritt Demenz ebenfalls bis zu 28 Prozent seltener auf. Grob zusammengefasst.
Wie oft und wie intensiv müsste man sich dafür bewegen?
Tegtbur: Die Vorgabe der WHO ist, dass man sich mindestens 150 Minuten pro Woche – also gut 20 Minuten am Tag – mit moderater Intensität bewegt: Also etwa mit einer Geschwindigkeit von fünf Kilometern pro Stunde walkt oder in gemäßigtem Tempo radelt. Unser Problem in Deutschland ist, dass das nur ungefähr die Hälfte der Menschen schafft. Alternativ rät die WHO zu 75 Minuten intensivem Training pro Woche – das wären beispielsweise zehn Minuten Treppensteigen am Tag. Ein bewegter Alltag reicht also eigentlich aus. Wer zum Beispiel mit dem Rad zur Arbeit fährt, hat akute Effekte wie einen niedrigeren Blutdruck und Blutzucker und bessere Stimmung in den Stunden nach dem Sport. Das wirkt wie ein Medikament – also etwa wie eine Blutdrucktablette. Dazu gibt es chronische Effekte, die sich nach Tagen, Wochen oder Monaten einstellen. Das Herz ist beispielsweise besser durchblutet. Natürlich kann man moderate und intensive Bewegung auch kombinieren. Dann verbessern sich Gesundheitseffekte nochmals.
Ist es besser eine oder mehrere Sportarten zu betreiben?
Tegtbur: Man möchte den ganzen Körper ansprechen. Wenn ich immer nur Rad fahre, habe ich nichts für die Kräftigung meines Rückens getan. Es ist wichtig, dass man ausdauernde Aktivitäten macht, und dass man den Körper mit Kräftigung stabilisiert. Eine Mischung von Aktivitäten ist immer besser als nur eine Aktivität, wenn es um die Gesundheit geht, zum Beispiel in der Woche Schwimmen, Radfahren und Krafttraining kombinieren.
Was kann Bewegung an der frischen Luft zum Gesundsein beitragen?
Tegtbur: Die Gesamteffekte „Psyche – Immunsystem“ sind besser, wenn man sich in der Natur bewegt: Da hast du ja unterschiedliche Bedingungen, es ist mal kalt, es ist mal warm, darauf muss sich der Körper einstellen. Außerdem ist es so, dass dieses Erlebnis „Natur und Bewegung“ besonders stimulierend ist für unser Gehirn. Im Fitness-Studio auf dem Ergometer oder am Kraftgerät ist mir noch nie ein besonderer Einfall gekommen. Aber wenn ich draußen durch den Wald jogge, setze ich mich hinterher an den Schreibtisch und schreibe mir die Ideen auf. Auch beim Weg zur Arbeit kann ich überlegen, wie ich beispielsweise mit dem Rad einen kleinen Umweg und damit eine viel angenehmere Strecke – etwa durchs Grüne – fahren kann. Hannover ist ja besonders mit den vielen, tollen Wegen im Wald, am Kanal, usw. Es lohnt sich zu überlegen: Wie kann ich das nutzen?
Was kann man darüber hinaus für seine Gesundheit tun, etwa mit Blick auf Ernährung?
Tegtbur: Bewegung und Ernährung gehören grundsätzlich zusammen, weil ich für meine Bewegung durch eine gesunde Ernährung Energie brauche. Dabei gibt es einen großen Vorteil: Die Menschen, die sich viel bewegen, verbrennen natürlich auch viele Kalorien. Und wenn du dich dann ausgewogen ernährst, hast du das Meiste an Vitaminen und Mineralstoffen, was du brauchst. Dann brauchst du auch keine zusätzlichen Nahrungsergänzungsmittel. Zur körperlichen Anstrengung gehört auch die Regeneration. Wenn ich mich viel bewege, sollte ich mich auch gut davon erholen, auch mit kohlenhydrat- und eiweissreichem Essen hinterher. Morgens entspannt mit dem Rad zur Arbeit, und abends dann eine längere Strecke etwas schneller zurück. So verbinde ich eine gute Belastbarkeit im Job mit effektivem Training. Zur Gewichtsreduktion ist es wichtig, möglichst viele Kilometer, nicht zu schnell, zu fahren, um Fett zu verbrennen.
Was raten Sie Menschen, die sich an sich schwer tun mit Bewegung?
Tegtbur: Drei Punkte: sich verabreden. Die Wege im Alltag – und damit auch zur Arbeit – nutzen. Das ist im Frühling am einfachsten, weil man froh ist, draußen zu sein. Sich nicht zu viel vornehmen: lieber 20 Minuten am Maschsee hin- und hergehen als einmal um den ganzen See. Die Bewegung verbinden mit einer netten Sache. Kurz: sich etwas vornehmen und durchführen. Wenn ich am nächsten Morgen mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zur Arbeit fahren möchte, kann ich nicht zur gleichen Uhrzeit morgens aufstehen und erst dann gucken, ob noch genügend Luft auf meinem Rad ist.
Viele Menschen sind wegen des langanhaltenden, unruhigen Weltgeschehens sehr bekümmert – was hilft?
Tegtbur: Unterschiedliche Arten von Anstrengungen führen zu unterschiedlichen psychischen Effekten: Wenn ich bei normalem Tempo jogge, wirkt das stimmungsaufhellend. Wenn ich dabei noch einen Endspurt mache – wenn mein Körper diese Belastung verkraftet – wirkt das euphorisierend.
Sie waren als Schüler ein sehr guter Mittelstreckenläufer. Wie halten Sie sich im MHH-Alltag fit?
Tegtbur: Ich fahre ganz oft mit dem Fahrrad zur Arbeit, und mache dabei große Umwege. Und ich nutze die MHH-Trainingseinrichtung, in der nicht nur Patienten, sondern auch Mitarbeitende und Studierende von 6.30 bis 22 Uhr trainieren können.
Die Fragen stellte Barbara Dörmer.
Professor Dr. Uwe Tegtbur
… leitet an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) die Klinik für Rehabilitations- und Sportmedizin. Der 62-Jährige behandelt in den Untersuchungs-, Trainings- und Testzentren etwa Patientinnen und Patienten nach Herzinfarkt, Herztransplantation, Bypass-Operationen oder mit Diabetes. Zur Klinik gehört auch das Sportmedizinische Zentrum am Olympiastützpunkt Niedersachsen in Hannover. Dort bieten Teams aus Sportärztinnen und Sportärzten, Experten aus der Wissenschaft, Trainerinnen und Trainer sowie Therapeutinnen und Therapeuten Präventions- und Therapiemöglichkeiten, leistungsdiagnostische Tests und Sport-Checks. Tegtbur forscht seit 25 Jahren zum Thema Prävention und Rehabilitation durch Bewegung.
