KI: Orientierung zwischen den Extremen
04. August 2026Künstliche Intelligenz entwickelt sich atemberaubend. Das damit ist keineswegs nur das Tempo gemeint. Wir haben KI zum Hauptsache-Thema im August gemacht. Hier einige Facetten.
- Die Diskussion um Künstliche Intelligenz bewegt gerade zwischen Extremen. Paradies oder dystopische Vision bis zur Apokalypse. Aufbruch in eine neue Wissensgesellschaft oder massiver Kompetenzverlust. Arbeitsplatz-Vernichtung und Job-Motor. Börsen-Boom oder platzende KI-Blase? Energiehunger gegen Nachhaltigkeit.
- „Wir steh’n betroffen: Alle Fragen offen.“ Um mal ein bisschen Bertolt Brecht zu verfälschen.
- Keine andere Technologie wurde so schnell entwickelt wie Künstliche Intelligenz. Die Dampfmaschine brauchte Jahrzehnte, um Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend zu verändern. ChatGPT wurde 2022 vorgestellt.
- In den wenigen Tagen zwischen Redaktionsschluss und Erscheinen der gedruckten NW-Ausgabe Anfang August wurde bekannt, dass fortgeschrittene KI-Programme aus ihren Testumgebungen ins freie Internet ausgebrochen sind und eine Online-Plattform angegriffen haben. Und kurz darauf, dass es zuvor schon andere Fälle gab. Seitdem ist die KI-Welt eine andere.
- KI braucht kein Bewusstsein, um sich zu verhalten, als hätte sie eins. „Wie ein gewiefter Hacker“ haben die Programme gehandelt, um in die Online-Plattform einzudringen, hieß es nach dem Angriff.
- Bisher wurden Technologien immer vom Menschen vorangetrieben. KI wird sich selbst weiterentwickeln können. Oder kann sie das schon? Noch ‘ne offene Frage. Und noch eine: Ist Künstliche Intelligenz die letzte Erfindung der Menschheit? Stichwort für die KI-Nachfrage: Singularität.
- KI macht Spaß. Das sagen drei von vier Deutschen, die KI nutzen.
- Kein Wunder also, dass KI auch am Arbeitsplatz angekommen ist. Allerdings kennen mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Job weder konkrete Regeln noch ein Verbot. Information über KI? Kennzeichnung von KI? Seit Anfang August greift der AI Act der Europäischen Union.
- Künstliche Intelligenz geht weit über generische KI hinaus, also vor allem über die Sprachmodelle, die von manchen zum Schreiben selbst einfachster Texte genutzt werden. Was zu Kompetenzverlust führt. Oder – noch schlimmer – zur Aufgabe kritischen Denkens. Sagen manche. Und fordern: Erst selber denken, dann KI fragen. Andersrum ist’s bequemer. Womit ist noch der Weg zur Hölle gepflastert?
- Und die Unternehmen? Sind träge, wenn es um KI geht. Sagte im Juli ziemlich überraschend die Monopolkommission des Bundes. Regulierung, Rechtsunsicherheit? Jaja, auch das. Aber eben genauso: Trägheit. Übrigens eng verwandt mit Bequemlichkeit. Meint die KI.
- Und dann die Kosten: Mitten in die KI-Begeisterung platzten in vielen Unternehmen die Token-Rechnungen. Aber keine Sorge, das richtet der Markt. Wenn möglich auf teure KI-Modelle verzichten, überhaupt Nutzung begrenzen. Die Preise werden reagieren. Passt schon. Ehrensache.
- Mit KI das gleiche machen wie bisher, nur effizienter? Reicht nicht, machte der Münchener KI-Wissenschaftler Björn Ommer in einer Diskussion deutlich. Er befürchtet, dass gerade in Deutschland KI zu wenig als „Ermöglichungstechnologie“ gesehen wird.
- Zu wenig geforscht wird jedenfalls nicht. Meint Dr. Georg Schütte, Chef der VolkswagenStiftung und einer der besten Wissenschafts-Kenner des Landes im NW-Interview. Aber das Wissen muss auch angewendet werden: Hier hakt’s.
- Was also tun mit der neuen Technologie? Manchmal scheint, als müssten erst Probleme gefunden werden, die man dann mit Künstlicher Intelligenz lösen kann. Hauptsache, das Etikett KI klebt drauf.
- KI-Wissenschaftler Ommer übrigens diskutierte unter anderem mit Kardinal Reinhard Marx über die KI-Enzyklika des Papstes Magnifica humanitas.

- Auf der Suche nach Orientierung haben wir das im Mai veröffentlichte Rundschreiben zu einem Schwerpunkt gemacht: Mensch bleiben.
- KI macht nicht nur Spaß. KI macht auch Angst. Um den Arbeitsplatz: Ein Drittel der in einer Studie Befragten sieht den eigenen Job in Gefahr. Und Menschen fühlen sich geradezu gekränkt, weil die KI so vieles besser kann. Sagt die Publizistin Jeanne Rubner im Gespräch mit Reinhard Marx und Björn Ommer.
- Raushalten kann sich niemand. Jede, jeder Einzelne gestaltet die KI-Zukunft mit. Und zwar unvermeidlich. Durch Tun. Oder durch Nichtstun.
- Es gib keine Alternative dazu, KI als Chance zu sehen.
