Rebecca Hundschell. Foto: Manuel Maier

Damit Frauen die KI-Zukunft mitschreiben

05. Oktober 2026 | von Barbara Dörmer

Rebecca Hundschell hat 2025 den „The Female AI Club“ gegründet, der über 5000 Frauen vernetzt. Ferner unterstützt sie Unternehmen bei der Einführung und Nutzung von Künstlicher Intelligenz.


„Die weibliche Zukunft wird gerade gestaltet, aber wir gestalten sie nicht aktiv selbst“, haben Sie im April beim Frauen-Kongress Femworx, der parallel zur Hannover Messe läuft, im Kontext zum Thema KI gesagt. Was meinen Sie damit? 
Rebecca Hundschell: Die Zahlen sprechen für sich: Nur 12 Prozent der KI-Forschenden weltweit sind Frauen, in Deutschland liegt der Anteil weiblicher KI-Talente bei 21 Prozent – gleichzeitig sind 80 Prozent der Menschen, die KI-Systeme entwickeln, weiße Männer. Das heißt: Eine sehr homogene Gruppe entscheidet gerade, wie ein Werkzeug funktioniert, das teils schon heute, aber vor allem in Zukunft über Kreditvergaben, Bewerbungen, Gerichtsurteile oder medizinische Behandlungen mitentscheidet. Wenn wir als Frauen in diesen Design-, Trainings- und Validierungsräumen nicht sitzen, wird über unsere Realität entschieden – nicht mit uns. Genau das meine ich: Die Zukunft wird geschrieben, aber nicht von uns mitgeschrieben.

Welche Gruppen werden von KI ­benachteiligt?
Hundschell: Grundsätzlich reproduzieren und verstärken Algorithmen bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten – das betrifft alle Gruppen, die in den Trainingsdaten historisch unterrepräsentiert oder benachteiligt waren. Frauen sind ein großes Beispiel, aber eben nicht das einzige: Es trifft auch Menschen mit dunklerer Hautfarbe, Teilzeitbeschäftigte – die übrigens mehrheitlich Frauen sind – und alle, deren Lebensrealität in den Daten schlicht nicht vorkommt. Bias entsteht nie böswillig, sondern durch einen Kreislauf: Die Welt liefert Erfahrungen, die Erfahrungen werden zu Daten, aus den Daten wird ein Design gebaut – oft mit guten Absichten –, und das Design trifft wieder Entscheidungen, die auf die Welt zurückwirken. Genau dieser Kreislauf sorgt dafür, dass alte Ungleichheiten in neuen Systemen weiterleben.

Können Sie Beispiele nennen? 
Hundschell: Gerne, ich habe da leider reichlich Material. Was ich selbst regelmäßig teste, ist, was passiert, wenn ich einen gleichen Prompt in den Chatbot eingebe, nur den Namen und das Pronomen ändere – also einmal Kelly, einmal Joseph, gleiche Rolle, gleiche Erfahrung – und mir ein Arbeitszeugnis für beide erstellen lasse. Das Ergebnis: Kelly wird als „warmherzig“ und „verlässlich“ beschrieben, Joseph als „Vorbild“ mit „Führungsqualitäten“. Das ist übrigens keine Einzelbeobachtung von mir, sondern Titel eines Papers aus dem Jahr 2023: „Kelly is a warm person, Joseph is a role model.“ Ich mache das seit über einem Jahr alle paar Monate mit jeder neuen KI-Modellgeneration, und mir ist aufgefallen, dass der Bias etwas subtiler geworden ist – aber er ist weiterhin vorhanden.
Bei Gesichtserkennungssoftware großer Anbieter lag die Erkennungsgenauigkeit bei hellhäutigen Männern teils bei 100 Prozent – bei dunkelhäutigen Frauen teilweise nur bei 65 Prozent. Das heißt, dass Technologien wie FaceID für hellhäutige Nutzende deutlich besser funktionieren als für dunkelhäutige Nutzende.
Und dann die Zahl, die mich am meisten wütend macht: Es wird sehr viel über Deepfakes zur Beeinflussung von Politikern oder Wahlen gesprochen – das will ich gar nicht kleinreden. Aber eine Auswertung von Security Hero aus 2023 hat gezeigt: 98 Prozent aller Deepfake-Videos online sind sexualisierte Inhalte, 99 Prozent davon von Frauen.

Sie haben im Frühjahr 2025 den Female AI Club gegründet. Was war Ihre Motivation dazu? 
Hundschell: Ich habe den Female AI Club am 8. März 2025, dem internationalen Frauentag, gegründet. Die Motivation war ganz direkt: 21 Prozent weibliche KI-Talente in Deutschland ist zu wenig, und ich wollte nicht nur darüber sprechen, sondern etwas dagegen tun. Dazu kommt ein weiterer Pain Point: Frauen sind von der KI-Transformation der Arbeitswelt besonders betroffen – viele klassisch weiblich besetzte Tätigkeiten und Branchen verändern sich gerade grundlegend. Mir war wichtig, einen Safe Space zu schaffen – einen niedrigschwelligen Einstieg in KI, unabhängig vom aktuellen Wissensstand, ohne dass sich jemand für eine „dumme Frage“ schämen muss. Heute sind wir eine Community und Lernplattform mit über 5000 Frauen im DACH-Raum, die sich vernetzen und voneinander lernen – unsere kohortenbasierten KI-Trainings sind dabei regelmäßig ausgebucht, weil der Bedarf, sich in einem sicheren Rahmen auszutauschen und sein eigenes KI-Verständnis aufzubauen, einfach riesig ist. Unsere Mission ist, dass KI als Werkzeug Frauen dabei hilft, ihre Karriere neu zu denken, neue Chancen zu ergreifen und ihre Zukunft selbstbestimmt zu gestalten. Denn am Ende geht es genau darum: Es reicht nicht, nur die Tools zu kennen – entscheidend ist, ob du mit am Tisch sitzt, wenn über die Zukunft der Arbeit entschieden wird.

Nicht jede Frau kann sich täglich sehr intensiv mit Themen wie KI oder Prompts auseinandersetzen … 
Hundschell: Absolut, und das ist gar nicht die Erwartung. Wenn man in die Medien schaut, hat man ständig das Gefühl, hinterherzuhinken – das geht mir übrigens genauso, obwohl ich mich tagtäglich mit KI beschäftige. Ich glaube, ein Teil dieses Drucks kommt von außen: Diese FOMO, ständig etwas Neues lernen zu müssen, wird von Medien und KI-Anbietern selbst befeuert – jede Woche ein neues Modell, ein neues Feature, ein neuer Hype. Davon sollte man sich nicht verrückt machen lassen. Mein Rat: Ein Tool wählen – ob ChatGPT, Claude oder Langdock ist am Ende zweitrangig – und dabei bleiben, statt ständig zu wechseln. Und dann nicht vom Tool her denken, sondern vom eigenen Problem: Welche Aufgaben mache ich in meinem Alltag wiederkehrend, bei denen KI mich unterstützen könnte? Was würde mehr Struktur benötigen, die ich gerade nicht geben kann? Wo bremst mich im Alltag gerade eine Aufgabe aus? Das reicht oft schon, um einen Anwendungsfall für KI zu finden. Zum Umsetzen empfehle ich dann immer: Erkläre der KI deinen Anwendungsfall so genau wie möglich und frag sie anschließend, was sie braucht, um ihn richtig gut für dich umzusetzen. Du musst dabei nicht von Anfang an den perfekten Prompt haben – die KI kann ihn auf Basis deiner Eingaben für dich mitentwickeln. Das Wichtigste ist, dass man loslegt und ausprobiert, damit man ein Gefühl dafür und eine Meinung zu KI bekommt. Da reichen oft 5 Minuten auf der Couch, in denen man mit Voice-Eingabe das Problem erklärt.

Auf Ihrer Handyhülle haben Sie den Satz stehen: „Offline is the new luxury.“
Hundschell: Ja, ausgerechnet bei mir – bei einer Frau, die den ganzen Tag mit KI arbeitet und eine Community mit über 5.000 Frauen online aufbaut (lacht). Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr stimmt der Satz. Für mich bedeutet offline in erster Linie: sich wirklich treffen, live, ohne Handy, ohne Kamera. Ein Online-Call ist ein Klick, effizient, aus dem Homeoffice, notfalls in Jogginghose. Ein echtes Treffen dagegen verlangt ein Commitment: To-dos stoppen, sich anziehen, hinfahren, Zeit blocken. Und genau dieses Commitment ist in einer Welt, die auf Convenience und KI-Effizienz optimiert ist, selten geworden – wir wählen fast automatisch den schnellen Call statt des langsamen Kaffees. Gerade in dieser schnelllebigen, KI-getriebenen Welt sind Offline-Momente aber auch aus einem anderen Grund wichtig: Nur wenn unser Gehirn unstrukturierte, echte Reize bekommt – ein Gespräch ohne Skript, ein Gedanke ohne sofortige Antwort aus dem Chatfenster – bleibt es trainiert, selbst zu denken, statt nur zu konsumieren. Kritisches Denken entsteht nicht online, sondern genau in diesen Pausen. Deshalb bedeutet es mir mittlerweile so viel, wenn Menschen sich diese Zeit nehmen. Das erlebe ich auch bei unseren Female-AI-Club-Events vor Ort: Wer offline kommt, sagt eigentlich: Dein Thema ist es mir wert, dass ich dafür den Weg, den Kalenderblocker, die Organisation zuhause auf mich nehme. Das ist für mich der wahre Luxus geworden. Und ganz ehrlich: Die eindrücklichste Erinnerung daran hatte ich zuletzt bei einer dreitägigen Wanderung im Karwendel – null Empfang, man sitzt einfach zusammen, redet, spielt Karten. Fühlt sich vintage an, aber genau richtig.

Die Fragen stellte Barbara Dörmer.

Zur Person
Die 29-jährige KI-Expertin hat 2025 den „The Female AI Club“ in München gegründet, dem inzwischen rund 5000 Frauen aus dem DACH-Raum angehören. Der Club bietet Events, KI-Trainings und Vernetzungsmöglichkeiten für Frauen in einem sicheren Raum an. Die studierte Wirtschaftsinformatikerin verfügt über langjährige Erfahrung in der Leitung von Projekten im Bereich Technischer Vertrieb und Softwareentwicklung bei Bosch. Mi ihrem Unternehmen Elevaition  Consulting berät sie den Mittelstand zur KI-Adaption. Durch ihre Arbeit befähigt sie Organisationen und Gemeinschaften, KI strategisch einzusetzen. Ihr Fokus liegt darauf, menschliche Beziehungen nicht zu ersetzen, sondern zu verbessern.