Interview mit Falk Sporlein und Yulyane Korkmaz zur Cultural Awareness bei der IHK Hannover, Foto von SKL Falk Spörlein und Yülyane Korkmaz geben Workshops zum Thema Cultural Awareness. Foto: Sabrina Kleinertz

Interview & Checkliste: Wie kommen ausländische Fachkräfte gut im Unternehmen an?

08. Januar 2026

Immer mehr Unternehmen weiten ihre Suche nach Fachkräften bis ins Ausland aus. Wenn sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber dann gefunden haben, kommt früher oder später die Frage auf, wie es weitergeht und wie das Ankommen in einem neuen Land, einer neuen Kultur und einem neuen Betrieb für alle Beteiligten gelingen kann. 

Cultural Awareness, also die Rücksichtnahme auf andere Kulturen und Traditionen kann dabei helfen. Wir haben mit Yülyane Korkmaz und Falk Spörlein gesprochen. Sie arbeiten bei RKW Nord und bieten Beratungen und Workshops zu diesen Themen an.

Das Interview:

Herr Spörlein, Frau Korkmaz, bei einer Maschine wird viel Wert darauf gelegt, dass sie sich gut ins System integrieren kann. Bei Menschen scheint das anders zu sein. Viele Unternehmen glauben, dass sich das „schon irgendwie zurechtruckeln“ wird. Herr Spörlein, wie sehen Sie das?

Falk Spörlein: Ja, bei einer neuen Maschine wird der gesamte Prozess betrachtet und geprüft. Produktionsabläufe werden überdacht, damit man sicherstellen kann, dass die Maschine passt. So vermeidet man Verzögerungen und Reibungsverluste. Bei neuen Mitarbeitenden wird hingegen oft unterstellt: „Das wird schon funktionieren.“ Das ist jedoch eine Fehlvorstellung. Menschen sind eben nicht so einfach integrierbar.

Wo stellen Sie die größten Schwierigkeiten fest? Beim Finden neuer Mitarbeitender, beim ersten Zusammentreffen mit dem Vorgesetzten oder bei der Integration ins Team?

Yülyane Korkmaz: Ich glaube, auf jeder Ebene. Es gibt mehrere Knackpunkte. Besonders unstrukturierte Prozesse und fehlende Vorbereitung führen zu Missverständnissen. Viele Unternehmen unterschätzen das und denken: „Unsere Belegschaft macht das schon.“ Aber neue Azubis oder Fachkräfte integrieren sich nicht von allein. Man muss den Prozess vorbereiten und strukturieren, damit die Person ankommt, die Belegschaft mitgenommen wird und sich alle wohlfühlen – und auch bleiben.

Falk Spörlein: Genau. Es hat sich herausgestellt, dass es günstig ist, frühzeitig mit der Vorbereitung anzufangen und nicht 14 Tage vorher. Man braucht einen längeren zeitlichen Horizont, um alle Beteiligten einzubeziehen und den Prozess sauber zu strukturieren.

Welche Punkte sollten Unternehmen konkret beachten?

Yülyane Korkmaz: Wichtig ist Unterstützung von Anfang an – und zwar schon im Heimatland. Gerade junge Azubis verlassen zum ersten Mal ihr Elternhaus, ziehen in eine eigene Wohnung und mit einer anderen Kultur. Da ist es wichtig, sie von Beginn an zu begleiten und zu unterstützen. Gerade die Wohnungssuche stellt Fachkräfte vor große Herausforderungen sowie Behördengänge aber auch fehlende Sprachkenntnisse. 

Falk Spörlein: Hier zeigt sich, dass sich viele Unternehmen digital noch besser aufstellen können. Frühzeitiger Kontakt über digitale Plattformen wie Teams ist entscheidend. Man kann Informationen bereitstellen, Fragen beantworten und eine Willkommensmappe verschicken. So signalisiert man: „Du wirst bald Teil unseres Unternehmens.“ Zudem sollte man sich selbst fragen: Wenn ich in ein neues Land käme, was müsste ich alles erledigen?“ Vieles davon lässt sich direkt auf neue Fachkräfte übertragen.

Yülyane Korkmaz: Wichtig ist auch, die Familie mitzudenken. Wir Menschen fühlen uns sicherer, wohler, wenn die Familie in der Nähe ist. So gelingt auch die Integration und das Ankommen besser.

Welche praktischen Schritte empfehlen Sie beim Onboarding?

Yülyane Korkmaz: Eine persönliche Begrüßung, Abholung vom Flughafen, Vorstellung des Arbeitsplatzes, Kennenlernen der Kolleginnen und Kollegen. Auch kleine Dinge sind wichtig: Wo sind Pausenräume, welche ungeschriebenen Regeln gibt es? Eine Willkommensmappe und ein erstes Gespräch mit den Vorgesetzten helfen ebenfalls. Zudem ist die Rolle von Mentorinnen und Mentoren entscheidend. Unternehmen mit klaren Mentoren-Strukturen integrieren neue Mitarbeitende deutlich besser.

Falk Spörlein: Übertriebene Hilfsbereitschaft kann überfordern. Wichtig ist, Angebote zu machen und gemeinsam herauszufinden, was gebraucht wird.

Wie findet man im eigenen Unternehmen einen guten Mentor oder eine gute Mentorin?

Yülyane Korkmaz: Wichtig ist, dass die Person, die Mentor oder Mentorin werden soll, Lust darauf hat und anerkannt wird. Wir bekommen oft die Rückmeldung, dass sich Fachkräfte, die den Prozess selber durchlaufen haben, gut eignen ebenso Mitarbeitende, die länger im Unternehmen sind und die Strukturen und Arbeitsschritte gut kennen.

Falk Spörlein: Wenn niemand im Unternehmen solche Erfahrungen hat, ist es entscheidend, dass der Mentor tolerant und geduldig ist. Es wird Rückschläge geben, und da braucht es die Bereitschaft, dranzubleiben. Konstanz ist ein wichtiges Signal: „Wir stehen bei dir, wir wollen dich hier haben.“

Was können Unternehmen von internationalen Fachkräften lernen?

Yülyane Korkmaz: Sie bringen neue Perspektiven, Kreativität, Mehrsprachigkeit und internationale Erfahrung mit. Viele zeigen eine hohe Lern- und Anpassungsbereitschaft, was auch andere Mitarbeitende motivieren kann.

Falk Spörlein: Und sie haben Mut. Sie krempeln ihr Leben um, wechseln Land und Arbeit. Dieser Mut kann auch Unternehmen inspirieren, eigene Veränderungen anzugehen.

Und wenn trotz aller Bemühungen etwas nicht funktioniert?

Yülyane Korkmaz: Dann sollte man miteinander ins Gespräch gehen, um mögliche Gründe zu erfahren und gegebenenfalls anders zu unterstützen. Zusätzlich können bestehende Netzwerke genutzt werden. Der Austausch mit anderen Unternehmen bring oft neue Ideen.

Falk Spörlein: Und wenn es gar nicht klappt, ist ein geordnetes Offboarding wichtig. Auch das spricht sich in Communities herum. Selbst wenn die Zusammenarbeit endet, sollte sie respektvoll und sauber abgeschlossen werden.

Können Sie die wichtigsten Punkte zum Abschluss noch einmal zusammenfassen?

Falk Spörlein: Wichtig sind unserer Erfahrung nach eine gründliche Vorbereitung, die Zeit und Nachdenken erfordert. Außerdem sollte man Unterstützung durch Netzwerke nutzen und die Belegschaft von Anfang an einbeziehen.

Yülyane Korkmaz: Genau. Sich bewusst machen und sich fragen: „Was will ich tun, was kann ich tun?“ Und nicht allein handeln, sondern vorhandene Netzwerke und Unterstützungsangebote nutzen. Wichtig ist auch, die Stammbelegschaft mitzunehmen und transparent zu kommunizieren.

Die Fragen stelle Sabrina Kleinertz

 

Die Checkliste

Wann?Do‘s
Bevor die Fachkraft im Unternehmen ankommt

☐ rechtzeitig vor dem ersten Arbeitstag Kontakt aufnehmen, am besten sobald feststeht das eine Fachkraft im Unternehmen anfängt

☐ Per Online-Calls wichtige Fragen klären, wenn die neue Fachkraft noch in ihrem Heimatland ist

☐ Willkommens-Mappe zusammenstellen, z.B. mit wichtigen Ansprechpartnern, Zuständigkeiten, grundlegenden Informationen zum Unternehmen oder Betriebs- und Verhaltensregeln, weitere Infos gibt es z.B. unter www.rkw-kompetenzzentrum.de, Stichwort „Willkommensmappe“

☐ Willkommenslotsen/-lotsin im Unternehmen finden und briefen

☐ frühzeitige und transparente Kommunikation mit der Stammbelegschaft, Sicherheit geben i.S.v.: „Durch die neue ausländische Fachkraft sind keine bestehenden Arbeitsplätze bedroht.“

☐ Wohnungssuche initiieren und bei Behördengängen begleiten

Wenn die Fachkraft im Unternehmen angekommen ist

☐ Fachkraft vom Bahnhof oder Flughafen abholen

☐ gemeinsamer Rundgang im Unternehmen, zum eigenen Arbeitsplatz und alle Kolleginnen und Kollegen kennenlernen

☐ regelmäßige Feedback-Gespräche führen

☐ ggf. Unterstützung bei der Organisation von Sprachkurs

☐ an die Familie der Fachkraft denken; sprich: regelmäßige Video-Telefonate o.ä. in die Heimat ermöglichen und ggf. sich selbst auch bei der Familie vorstellen (gerade bei ausländischen Azubis empfehlenswert)

☐ das Lernen der neuen Sprache fördern: z.B. mit regelmäßigen Treffen zwischen fortgeschrittenen Azubis und ausländischen Azubis (Fragen und unbekannte Worte sammeln und zusammen besprechen)

☐ Kontakt zu Netzwerken suchen, die Hilfe bieten

☐ Unterstützungsangebote wie die des Welcome & Business Centers in Anspruch nehmen

☐ Hilfe im Unternehmen und im privaten Alltag anbieten (Vermittlung zu Sportvereinen, Unterstützung bei der Suche nach speziellen Lebensmitteln aus dem Heimatland der Fachkraft, o.ä.), Hilfe nicht aufdrängen

☐ geduldig, mutig und offen sein – Hilfe anbieten, aber nicht aufzwingen

Wenn es doch nicht passt☐ Vollständiges und faires Offboarding organisieren