TEILEN

Städte, die sowohl in Sachen Digitalisierung als auch Nachhaltigkeit punkten, gehört die Zukunft, sagt der Wiener Zukunftsforscher Andreas Reiter. Mit digitalen Prozessen und einer zunehmenden Vernetzung werden auch kleinere Städte für die urbane Bevölkerung wieder attraktiver.

Die Innenstadt als riesige Umkleidekabine – die Zeiten, in denen dieses Bild vielleicht einmal passte, sind längst vorbei. Und dieser Veränderung müssen sich die Städte stellen, sagt Andreas Reiter, Leiter des ZTB Zukunftsbüros aus Wien. Als Beleg der Notwendigkeit führt der Soziologe Befragungen der GfK an, die zeigen, dass der Wunsch nach Shopping in der Innenstadt in älteren Bevölkerungsschichten noch ausgeprägt ist. Je jünger die Befragten allerdings sind, desto mehr wird die City eher als sozialer Treffpunkt gesehen oder mit dem Wunsch nach mehr Gastronomie verbunden.

Laut den Thesen des Zukunftsforschers brauchen Innenstädte eine neue Mischung. „Eine robuste Innenstadt ist divers“, sagt Reiter. Das heißt: wohnen, arbeiten, smart produzieren oder studieren sollte wieder in der Innenstadt stattfinden. Als gute Beispiele nennt er Siegen, wo ein Teil der Uni in die Innenstadt zog oder auch Wiesbaden, wo ein Rewe- Markt Handel mit Produktion verknüpft: im Obergeschoss werden Kräuter gezogen und sogar Fische gezüchtet, während ein Geschoss tiefer genau diese und die üblichen Lebensmittel verkauft werden. Auch der Ikea, der jüngst in Wien eröffnete, gilt als Vorzeigebeispiel: Es ist eine Art Innenstadt-Outlet mit Mikro-Showrooms und Dachterrasse, aber ohne Parkplätze. Wer mehr kauft, kann die Waren per Lastenrad oder Elektrolieferwagen erhalten. „Das ist Shopping für die Generation Greta! Die Zukunft ist multifunktional“, sagt Reiter, der Städte und Tourismusorte mit seinen Vorstellungen und Ideen berät.

Die Funktionen vermischen sich. Auch das Haus des Wissens in Bochum sei dafür beispielhaft mit Stadtbibliothek, Volkshochschule, einem Teil der Uni und einer Markthalle. Aus Sicht des Forschers stehen viele Städte zudem vor der Herausforderung, die Menschen an den Entwicklungen ihrer Quartiere zu beteiligen. Das schwedische Göteborg etwa bindet seine Einwohner in die innerstädtische Planung ein. Und auch Barcelona hat eine digitale Beteiligungsplattform geschaffen. Am Ende gestalten Bürger, Betriebe, Behörden und Besucher ihre Städte gemeinsam und kommen so auch zu neuen Lösungen. Die beiden Megathemen Dekarbonisierung und Digitalisierung verändern die Städte. Und der durch Covid-19 verstärkte Strukturwandel kommt noch hinzu. Stationäre Formate werden immer mehr zurückweichen und an ihre Stelle treten die zunehmende Virtualisierung in Kombination mit der Plattformökonomie, ist Andreas Reiter überzeugt. Bereits während der Pandemie habe man erleben können, dass Arbeit unabhängig werde von Ort und Zeit – einmal abgesehen vom Friseurbesuch. Einerseits würden Coworking Spaces immer beliebter und gleichzeitig gründeten große Konzerne Satellitenbüros am Stadtrand, als eine Art Mittelding zwischen Homeoffice und Firmenzentrale.

„Die Menschen wollen von den technischen Fortschritten profitieren. Intelligente Städte überzeugen mit digitalen Bürgerservices, vernetzter Mobilität,  Parkraummanagement, intelligenter Beleuchtung oder Bewässerung“, sagt der Zukunftsforscher. Eine lebenswerte Stadt ist grün und smart. Digitalisierung und Dekarbonisierung gehen immer Hand in Hand.

Städte mit einer lebendigen Nachbarschaft verfügen zudem über eine gute Durchmischung ihrer Bevölkerung. Auch Freiraum ist wichtig gegen den Dichtestress. Die Digitalisierung hilft aber auch Klein- und Mittelstädten. Denn durch die verbesserten Netze entwickelt sich auch eine ganz neue Denkweise heraus. In Brandenburg könne man das heute bereits erleben,dass Kreative aus Berlin in das  weitere Umland der Hauptstadt abwandern und dort für nachhaltige Belebung sorgen. Bei aller berechtigter Euphorie für digitale Prozesse weist Reiter aber auch auf die hohe Bedeutung analoger Orte hin: „Je mehr unsere Welt digitalisiert, desto wichtiger werden starke soziale Orte, zum Beispiel auch die Innenstädte oder Stadtviertel. Auch der Trend zum Lokalen oder Hyperlokalen mag hiermit zusammen hängen. Die Welt ist weltweit vernetzt, aber vor Ort bleibt es lokal und individuell. In Paris ist daraus die stadtplanerische Überzeugung entstanden, die Menschen sollten in einem Bereich von 15 Minuten Weg Zugriff auf alle wichtige Infrastruktur haben. Und nach diesem Grundsatz werde die Stadt auch gebaut. Um das zu realisieren, kauft Paris über eine Tochtergesellschaft sogar Flächen an, um sie für die Nahversorgung zu nutzen.

Lesen Sie die weiteren Teile des Fokus-Themas:

Kontakt zum Autor

Georg Thomas

Sie haben Fragen oder Anregungen?
Dann schreiben Sie dem Autor:

Georg Thomas