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Unsere Innenstädte müssen sich neu erfinden – aber wie? Die Niedersächsische Wirtschaft hat Experten aus verschiedenen Disziplinen diese Frage gestellt.

 

Lars Krückeberg, Architekturbüro GRAFT

Der gebürtige Hannoveraner gründete 1998 nach seinem Architekturstudium an der Technischen Universität Braunschweig und am Southern Californian Institute of Architecture SCI Arc., Los Angeles, USA, mit Wolfram Putz und Thomas Willemeit das Architekturbüro GRAFT, in dem heute weltweit 150 Architekten und Designer arbeiten. Das Büro hat zahlreiche nationale und internationale Preise gewonnen.
Portraitfoto von Lars Krückeberg
Lars Krückeberg. Foto: Pablo Castagnola

„Im Einzelhandel beobachten wir seit Jahren das Retail-Sterben – übrigens nicht nur in den europäischen Städten. Die Entwicklungen rund um die Corona-Pandemie haben dieses Phänomen nur noch verstärkt. Der Onlinehandel hat den stationären Handel überholt, und bedroht neben kleinteiligen Strukturen auch die großen Einkaufszentren und Kaufhäuser. 2018 mussten in Deutschland bereits 11 000 Läden schließen – bis 2045 werden wohl 45 000 weitere Geschäfte aufgegeben werden müssen (Quelle: Bericht der Bundesstiftung Baukultur). Daraus resultiert eine immense städtebauliche Herausforderung: Wir müssen unsere monofunktionalen Stadtzentren, die das Thema Wohnen in den Speckgürtel der Städte verlagern, komplett umdenken.
Eine vitale und lebenswerte Stadt braucht durchmischte Angebote in den Erdgeschosszonen, die sowohl Einzelhandel als auch Dienstleistungen mitdenken. Dabei spielen neben gastronomischen und kleingewerblichen Angeboten auch Handwerk und Kultur eine wichtige Rolle. Ebenso das Thema Wohnen. Dieser urbane Mix ermöglicht eine „walkable city“, da Angebote fußläufig erreichbar sind und ein lebendiges Verhältnis zwischen Häusern und öffentlichen Zonen besteht. Zum qualitätvollen Außenraum gehören unbedingt auch autofreie Zonen und designierte Grünräume. Abriss und Neubau sind dabei nicht immer die beste Lösung, sondern vor allem Umnutzungen; zum Beispiel der Umbau eines leerstehenden Kaufhauses in ein kleines Wohnviertel.“

 

Klaus Mensing

Mit seinem Unternehmen „Convent Mensing“ berät Klaus Mensing Kommunen zum Thema Innenstädte und Ortskerne. 2019/2020 hat er die Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Zukunft der (Stadt-)Zentren ohne Handel? Neue Impulse und Nutzungen für Zentren mit Zukunft“ der Landesarbeitsgemeinschaft Bremen / Hamburg / Niedersachsen / Schleswig-Holstein der Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft geleitet.
Klaus Mensing, Foto: Helge Krückeberg

„Innenstädte haben sich immer wieder gewandelt und zum Teil auch neu erfunden – die jetzige Situation ist jedoch besonders dramatisch: als Folge langjähriger Handelstrends, des Onlinehandels und aktuell der Corona-Pandemie. Ideen gibt es genug und haben meist mit „Erlebnis“ zu tun. Die zentrale Frage ist jedoch: Wie lässt sich das umsetzen?
Aufgrund der Projekterfahrungen von Convent Mensing sind finanzielle Anreize notwendig, um auf leeren Flächen neue Nutzungen anzusiedeln, die neue Zielgruppen ansprechen und für mehr Frequenz und Erlebnis sorgen: Handelsnutzungen mit frischen Ideen, innovative inhabergeführte Betriebe oder Pop-up-Stores, aber auch Nicht-Handelsnutzungen wie Kita, Kultur, Coworking oder urbanes Handwerk. Pointiert formuliert: Was kommt, wenn der Handel geht?
Für diese Nutzungen müssen neben neuen Flächenzuschnitten die vorherigen Marktmieten des Handels nach unten angepasst werden – mit Konsequenzen für Renditen und Immobilienwerte. Allein mit gutem Willen werden wir dies vermutlich nicht realisieren. Insofern halte ich es für unausweichlich, dass die Kommunen, unterstützt durch Fördermittel von Land und Bund, aktiv werden, indem sie durch Verhandlungen mit den Eigentümern Schlüsselimmobilien an frequenzstarken Standorten erwerben oder anmieten, um sie dann günstiger an neue Nutzer zu vermieten und so den Besatz zu steuern. Der Markt wird dies allein nicht regeln.
Fazit: Neben der Frage, was die Innenstädte zukünftig bieten sollen, geht es ganz wesentlich darum, wie sich die Stadtzentren neu erfinden können. Hierfür braucht es neue Initiativen und Instrumente, kreative Stadtmacher und Stadtmacherinnen und neue gemeinwohlorientierte Aushandlungsprozesse zwischen öffentlichen und privaten Akteuren. Daran führt kein Weg mehr vorbei.“

 

Stefan Müller-Schleipen, Die Stadtretter

Um das Sterben der Innenstädte zu verhindern, haben sich im Juni die „Die Stadtretter“ gegründet. Mehr als 400 Städte und Gemeinden sowie Unterstützer beteiligen sich an dem Netzwerk. An der Spitze der Initiative von immovativ aus Hanau, Clever expandieren und IFH Köln steht Stefan Müller-Schleipen.
Foto von Stefan Müller-Schleipen
Stefan Müller-Schleipen. Foto: Die Stadtretter

„Wie eine resiliente Innenstadt der Zukunft aussehen kann, wird momentan von vielen Experten diskutiert. Aussagen in Artikeln wie „Corona hat den Trend nur beschleunigt“ und „Wir fordern“ finden sich in fast jedem Artikel. Auch an guten Ideen mangelt es nicht. Erhöhung der Aufenthaltsqualität, neue Einzelhandelskonzepte, Digitalisierungsforderungen und die Einbeziehung der Immobilieneigentümer sind nur einige Stichpunkte. Das „Wie“ und „Wann“ bleibt aber oft unkonkret. Auch der Faktor Zeit wird oft nicht ausreichend berücksichtigt. Die Pandemie hat die Kommunen mit solcher Wucht getroffen, dass bei der Umgestaltung der Innenstädte nur wenig Zeit bleibt.
Ein Förderprogramm, das schnell wirkt und die Herausforderungen der Kommunen gezielt und gut angeht, ist das „Sofortprogramm zur Stärkung der Innenstädte und Zentren in Nordrhein-Westfalen 2020“. Es könnte als Blaupause für ein Förderprogramm auf Bundesebene dienen. Hier werden neben der Anmietung von leerstehenden Ladenlokalen durch die Kommunen und begünstigte Weitervermietung auch Beratungs- und Planungsleistungen zum Anstoß eines Zentrenmanagements gefördert.
Neben Fördermitteln wird von den Kommunen im Stadtretter-Netzwerk die Schaffung der Stelle eines Innenstadtmanagers angeregt. Mit dieser neuen Funktion gelingt es, die verschiedenen Lösungsansätze zentral zu bearbeiten. Der Innenstadtmanager braucht einen ganzheitlichen Blick auf die Innenstadt und deren Immobilien, um Leerstände zu vermeiden oder qualitativ nachzuvermieten, den stationären Einzelhandel zu digitalisieren und eine nachhaltige und einheitliche Verzahnung vor Ort zu gewährleisten und eine persönliche Ansprache der unterschiedlichen Akteure sicherzustellen. Die Ausbildung zum Innenstadtmanager sollte bundesweit in Form einer Akademie/Ausbildung stattfinden. Es ist wichtig, diese neue Funktion schnell und konsequent umzusetzen. Denn der Umbau unserer Innenstädte gelingt nur mit engagierten und gut ausgebildeten Innenstadtmanagern.“

 

Prof. Dr. Susanne Robra-Bissantz, TU Braunschweig

Die Technische Universität Braunschweig (TU) hat 2015 den Forschungsschwerpunkt „Stadt der Zukunft“ ins Leben gerufen, an dem 40 Institute beteiligt sind. Prof. Dr. Susanne Robra-Bissantz, Professorin für Wirtschaftsinformatik und Leiterin des Instituts für Wirtschaftsinformatik und des Lehrstuhls Informationsmanagement an der TU, forscht, wie aus Apps und Software wertvolle digitale Dienstleistungen („E-Services“) entstehen.
Prof Dr Susanne Robra-Bissantz
Prof. Dr. Susanne Robra-Bissantz. Foto: Olaf Jaeschke

„Deutschland macht sich Sorgen um seine Innenstädte, die traditionellen Zentren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Insbesondere bedroht die Digitalisierung die wesentliche Akteursgruppe: den Einzelhandel. Auf der Suche nach Perspektiven schlagen wir eine konsequente Service-Orientierung vor: auf Ebene der gesamten Stadt sowie des Handels. Denn Dienstleistungen, die konsequent am Menschen ausgerichtet sind, stellen sich als Mittel der Wahl in der digitalen Transformation dar. So zeichnen sich die Gewinner auf digitalen Märkten von der Musikindustrie (spotify) bis zur Beherbergung (AirBnb) durch Dienstleistungen aus, die Menschen ihr Leben erleichtern oder ihre Probleme lösen. Die Stadt sollte sich daher fragen, welche Wünsche sich Menschen mit ihrer Stadt erfüllen möchten und das städtische Angebot daran ausrichten: Suchen sie Gemeinschaft oder Freizeitgestaltung? Möchten sie sich mit ihrer Stadt identifizieren oder ist sie der Schlüssel zur Welt? Auch der Handel sollte mehr sein als ein Verkaufsort. Statt dessen muss er gemeinsam mit seinen Kundinnen und Kunden überlegen, wie seine Produkte ihr Leben verbessern, sie inspirieren und ihnen einen langanhaltenden Wert bieten, sei dies für die gemütliche Wohnung oder auch gutes Aussehen im Beruf. Hierzu müssen Händler sich untereinander vernetzen und den Menschen bereits im Vorfeld des Stadtbesuchs Beratung und die Sicherheit bieten, ihnen die entsprechenden Produkte einfach verfügbar zu machen. Nur wenn Städte ebenso wie ihr wichtigster Akteur, der Handel, ihre tradierten Entwicklungspfade verlassen und gemeinsam mit der Stadtbevölkerung völlig neu und kreativ darüber nachdenken, warum und mit welchen Dienstleistungen sie dieser in Zukunft wichtig sein könnten, entstehen Ideen für eine Neuerfindung der Stadt.“

 

Frank Heinze, Heinze und Partner

Frank Heinze. Foto: Hans-Hermann Buhr
Das Unternehmen Heinze und Partner ist eine bundesweit tätige Strategieberatung für den öffentlichen Sektor mit dem Fokus, Quartiere und Städte und Regionen in ihrer Zukunftsfähigkeit zu stärken. Zu den Auftraggebern zählen Kommunen, Kreise, Landes- und Bundeseinrichtungen, Kammern, Verbände, Wirtschafts-, Tourismus- und Stadtmarketing-Gesellschaften sowie engagierte Unternehmen und Bürger.

Es gibt eine ganze Reihe von Innenstädten verschiedener Größe und Ausgangslage, die sich dem Thema „neu erfinden“ entschlossen stellen. Sie können mit ihren Erfolgen und Fehlversuchen als Orientierung dienen.

Schritt 1: Ein sinnvoller Startpunkt ist die Frage, was vor Ort unter „Innenstadt“ verstanden wird. Sich allein auf die Geschäftslagen zu beziehen, dürfte für einen Vitalisierungsansatz zu eng gefasst sein.

Schritt 2: Für die einzelnen Lagen und Quartiere sind Begabungen zu identifizieren und Entwicklungspotenziale herauszuarbeiten. Das können Handels- und Gastronomienutzungen sein. Häufiger wird man auch Umnutzungen ins Auge fassen: öffentliche Einrichtungen, Bildung und Kreativität, soziokulturelle Initiativen oder Wohnen. Im gewerblichen Bereich ist an Kleinhandwerk und urbane Produktion zu denken. Die Innenstadt der Zukunft wird eine bunte sein.

Schritt 4: Wenn der Innenstadthandel in dem Zukunftsmix eine Schlüsselrolle behalten soll, muss er am eigenen Selbstverständnis arbeiten. Dafür benötigt er in der Regel Hilfen. Neben Online-Kompetenz betonen wir die Neuerfindung von Offline-Strategien, das heißt ein Upgrade bei Service, Beratung und Ambiente.

Schritt 3: Entsprechende Perspektiven brauchen Vordenker/innen, müssen aber breit(er) mitgetragen werden. Dazu gehört der Diskurs mit der Stadtpolitik und Bevölkerung. Dazu gehören viele, viele Gespräche mit (Geschäfts-)Anlieger/innen und nicht zuletzt den Immobilieneigentümer/innen.

Schritt 5: Alle Schritte und Schrittchen wollen in der Umsetzung dauerhaft begleitet werden. An lokalen Personalkapazitäten für den Wandlungsprozess führt dabei kein Weg vorbei. Klare, kontrollierbare Zielvorgaben helfen den Kurs immer wieder nachzujustieren.


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