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Geschichte bewahren und nutzen

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Mag sein, dass angesichts so vieler Krisen Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte gerade heute nicht ganz oben auf der Liste steht. Trotzdem haben die IHK und das Niedersächsische Wirtschaftsarchiv im September eine Tagung in Hannover organisiert: Wie lässt sich Geschichte bewahren, und wie kann man sie nutzen?

Geschichte ist ein Riesenthema. Und begeistert Menschen. Hört sich komisch an? Aber dafür sprechen Berge von historischen Romanen und Sachbüchern. Gerne genommen: Bildbände mit historischen Fotos. Filme, und inzwischen vor allem Serien: Babylon Berlin. Programmfüllende Dokumentationen. Reisen. Ahnenforschung. Der große Bereich der Technikgeschichte. Inzwischen längst auch Computerspiele. Auch in den tagesaktuellen Medien ist Geschichte immer wieder Thema.

Eigentlich Grund genug für Unternehmen, sich mit dem zu beschäftigten, was auf gut Englisch History Marketing heißt. Geschichte ist aber auch Teil des regionalen Bewusstseins, trägt zum Bild eines Standortes bei: Also Grund genug auch für die IHK Hannover, gemeinsam mit dem Niedersächsischen Wirtschaftsarchiv in Wolfenbüttel Unternehmen und Geschichtsfachleute aus der Wissenschaft und aus den Archiven zusammenzubringen. Angeregt hatte eine solche Veranstaltung Dr. Sabine Graf, Präsidentin des Niedersächsischen Landesarchivs, und IHK-Hauptgeschäftsführerin Maike Bielfeldt nahm diese Idee dann unmittelbar auf.

„Unternehmen machen Geschichte. Und Unternehmen haben Geschichte.“ So brachte Dr. Ingo Köhler vom Hessischen Wirtschaftsarchiv bei der Tagung in Hannover die beiden Seiten auf den Punkt. Sie prägen – auch mit ihrer Vergangenheit – eine Region, so Köhler. Aber warum sollten sich Unternehmen mit ihrer Geschichte beschäftigen? Jedenfalls nicht nur, um damit zu werben, auch wenn der Titel der Veranstaltung in der IHK – Geschichte für morgen: History Marketing und Archivmanagement – diesen Zweck betonte. Dr. Hartmut Berghoff, als Professor an der Uni Göttingen einer der renommiertesten Unternehmenshistoriker in Deutschland, nannte weitere Punkte. Einer davon: aus der Geschichte lernen. Wie Ingo Köhler nimmt er Henry Ford als klassisches Beispiel. Mit dem Fließband setzte er eine zukunftsträchtige Idee um. Aber aus der Vergangenheit hätte er lernen können, dass das ewig schwarze Model T nicht ewig ein Verkaufsschlager bleiben würde – und sich so eine Unternehmenskrise erspart. Grundsätzlich betonte Berghoff, dass Geschichte Orientierung gibt und wies auf die historische Bedingtheit der Gegenwart hin: Was für Menschen gilt, die ihre persönliche Geschichte pflegen, lasse sich auf Organisationen übertragen. Erinnerungskultur ist auch in Unternehmen sinnvoll. Anders gesagt: Tradition hat nur, wer sie kennt. Oder mit den Worten von Ingo Köhler: „Zukunft braucht Herkunft.“

Andere Aspekte, warum es sinnvoll ist, sich mit Unternehmensgeschichte zu beschäftigten, sind noch handfester. Immer wieder geht es um Rechts- und Haftungsfragen: Wie lassen sich Ansprüche bis hin zu Urheberrechten untermauern, wenn nicht durch den Rückgriff auf historisches Material? Das gilt genauso, wenn es darum geht, in der Öffentlichkeit erhobene Vorwürfe zu entkräften, die heutzutage vorzugsweise als Shitstorm über Unternehmen hereinbrechen können.

Auch für den Unternehmenshistoriker Berghoff sind aber Marketing und Imagepflege wesentlich. Neben der Tradition, mit der viele Unternehmen punkten, lassen sich Qualität, Einzigartigkeit oder Glaubwürdigkeit aus der Geschichte ableiten: „Helden haben immer eine Kindheit“, so Berghoff. Unternehmen wie Tesla, die auch ohne Geschichte ihr Image aufgebaut haben, dürften eher eine Ausnahme sein. Auch Werte, die für die Attraktivität als Arbeitgeber wichtig sind, wie Zuverlässigkeit, Sicherheit und das Festhalten an einem sinnvollen Unternehmensziel – heute oft als Purpose bezeichnet – werden in der Unternehmensgeschichte sichtbar.

Zehn Wirtschaftsarchive bundesweit

Für das alles ist unverzichtbar, dass es überhaupt noch historisches Material gibt, entweder in unternehmenseigenen Archiven oder in öffentlichen. Die regional ausgerichteten Wirtschaftsarchive, von denen es bundesweit insgesamt zehn gibt, sind dabei so etwas wie eine deutsche Spezialität, so Dr Karl-Peter Ellerbrock vom Westfälischen Wirtschaftsarchiv in Dortmund. Das verfügt über rund zehn Regalkilometer an Material, etwa 900 Bestände, von denen einige bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen. Gegründet wurde das Archiv 1941, zehn Jahre später die Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte, die – neben anderen Veranstaltungen und Initiativen – aus das Projekt Archiv & Schule angeschoben hat: Geschichte erleben, Wirtschaft verstehen.

Nordrhein-Westfalen ist dabei mit gleich zwei Wirtschaftsarchiven wohl besonders gut aufgestellt. Neben dem in Dortmund gibt es das noch ältere Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsarchiv in Köln. Gegründet 1906 und damit ziemlich genau, als in Hannover das Handels- und Industriemuseum entstand: Mag sein, dass auch nach einem guten halben Jahrhundert der Industrialisierung das Bedürfnis wuchs, die Zeit der Umwälzung zu dokumentieren. Das hannoversche Museum war allerdings kein Archiv, es wurde im 2. Weltkrieg zerstört.

Das Niedersächsische Wirtschaftsarchiv in Wolfenbüttel ist weit jünger als die Institutionen im Westfalen und im Rheinland. Gegründet wurde es 2005, ebenso mit dem Ziel, so etwas wie das Gedächtnis der regionalen Wirtschaft zu sein. Das zu erreichen, wird nicht unbedingt einfacher, wenn auch die Unternehmen immer jünger werden. Deren Lebenserwartung sinkt ständig, erklärte in Hannover Dr. Brage. Bei der Wieden, der Leiter des Archivs. Sie liegt nach seinen Worten heute bei acht bis zehn Jahren.

Übergabe historischer Dokumente an die Müllabfuhr

Material fürs Archiv? Eher Fehlanzeige. „Viel ist es nicht, was von der niedersächsischen Wirtschaft übrig bleibt“, so die Befürchtung von Bei der Wieden. Allerdings wird auch an anderen Orten historisches Material aus der Wirtschaft gesammelt, sagte der Archivleiter und wies auf die Rolle der Stadtarchive hin. Zudem wissen manche Unternehmen gar nicht, was sie noch in den Kellern haben: Karl-Peter Ellerbrock nannte als Beispiel einen Münsteraner Verlag, der erst durch die Zusammenarbeit mit den Archivfachleuten die Bedeutung alter Daguerreotypie erkannte. Beim Aufräumen der Keller kommt es aber immer wieder zu einem Schauspiel, das Hartmut Berghoff als „übliche Tragödie der Übergabe historischer Dokumente an die Müllabfuhr“ beschrieb. Ein Unternehmen, das um die Bedeutung seiner Geschichte weiß, ist VW: Mit zehn Kilometern historischer Akten hat der Konzern allein genauso viel wie das Dortmunder Wirtschaftsarchiv. Daraus werden jährlich rund 10.000 Anfragen aus aller Welt beantwortet, sagte Dr. Dieter Lindenberger bei der hannoverschen Tagung. Er leitet innerhalb der Konzernkommunikation den Bereich Heritage, was sich sowohl mit Kulturgut als auch Erbe übersetzen lässt: wie passend.

Natürlich geht es oft um Auto, Motor und Technik – und damit um VW als Kultmarke. Aber über das Archiv werden auch Fragen beantwortet, die aus dem Unternehmen selbst kommen, zum Beispiel aus der Rechtsabteilung. Ebenso können Landenberger und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Krisenkommunikation unterstützen, wenn es nötig wird. Hinzu kommt etwas, das bei VW inzwischen lange Tradition hat: Erinnerungskultur. Das Gedenken an Auschwitz hat dabei eine besondere Rolle. Seit über 30 Jahren besuchen VW-Auszubildende den Ort des ehemaligen Vernichtungslagers und engagieren sich in Projekten des Internationalen Auschwitz-Komitees, oft gemeinsam mit polnischen Jugendlichen. Und auf dem Werksgelände in Wolfsburg gibt es eine Erinnerungsstätte an die Zwangsarbeit bei VW, die einzige dieser Art, so Lindenberger. Der Konzern hatte diesen Teil seiner Geschichte bereits Mitte der 90er Jahre umfassend untersuchen lassen.

Deutungshoheit gewinnen und sprechfähig sein

Verantwortung für die eigene Geschichte übernehmen: Das betonte auch Dr. Andrea Schneider-Braunberger von der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte. Sie beobachtet auch eine steigende Bereitschaft, genau das auch zu tun. Sprechfähig sein, die Deutungshoheit über die eigene Geschichte gewinnen – Authentizität und Vertrauen sind dabei die Stichworte. Im Bereich der IHK Hannover haben zum Beispiel die Versicherungsgruppe VGH, der Laborausrüster Sartorius, die Verlagsgesellschaft Madsack und zuletzt Continental ihre Geschichte während des Nationalsozialismus untersuchen lassen, und zur IHK Hannover läuft aktuell ein Promotionsprojekt. Auf jeden Fall gilt, so Schneider-Braunberger: „Professioneller Umgang mit der Geschichte lohnt sich.“ Wobei daraus, das betont sie ebenfalls, auch Konflikte entstehen können. Dazu gehört auch, dass überliefertes, lieb gewonnenes Wissen sich bei genauer Betrachtung als nicht haltbar erweist.

Und die Zukunft der Geschichte in den Archiven? Ist natürlich digital. Achim Korres ist bei der Freudenberg-Gruppe mit Sitz im hessischen Weinheim für das Enterprise Content Management zuständig, was sich nur halbwegs richtig mit Dokumentenmanagement übersetzen lässt. Korres sieht viele Unternehmen in einem sensiblen Übergang in die digitale Welt, denn: „Das Wissen um Registratur und Ablage ist verloren gegangen.“ Explorer-Strukturen statt Leitz-Ordner: Übersicht und Kontext von Dokumenten drohen bei diesem Übergang zu verschwinden. Es geht also darum, den kompletten Prozess – ein Dokument erstellen, es tatsächlich nutzen, eine Aufbewahrungsfrist festlegen, danach über eine Archivierung entscheiden und einen kleinen Teil dann auch dauerhaft aufzubewahren – digital abzuwickeln.

Wenn solche Dokumente dann in ein öffentliches Wirtschaftsarchiv übergehen, sind jedenfalls die Schritte nicht mehr erforderlich, die Brage Bei der Wieden in Hannover mit einem ganzen Beutel Bürometall anschaulich machte: Papier, das erhalten bleiben soll, muss zunächst von so etwas vollständig befreit werden.

Spaß macht das eher nicht. Es ist aber nur ein Randaspekt, denn die Beschäftigung mit Geschichte kann ja auch Freude machen. „Jenseits allen Nutzenbezugs“, so Professor Hartmut Berghoff, „ist Geschichte spannend an sich.“ Auch, wenn diese Sicht bei einem Historiker nicht überrascht: Das breite Interesse am Riesenthema Geschichte zeigt, dass das von vielen Menschen jedenfalls in Deutschland ähnlich gesehen wird.

Schauplätze der Wirtschaftsgeschichte

Viele spannende Unternehmensgeschichten und eine rege Landschaft mit firmenhistorischen Projekten in Niedersachsen: So sieht es Professor Hartmut Berghoff. Im kommenden Jahr wird die IHK Hannover in loser Folge Veranstaltungen unter dem Titel „Schauplätze der Wirtschaftsgeschichte“ anbieten. Sie haben daran Interesse? Sie kennen einen solchen Schauplatz? Oder suchen Kontakt zu den Referenten der Tagung in Hannover? Nehmen Sie Kontakt auf mit Klaus Pohlmann, IHK Hannover, Tel. 0511 3107-269, klaus.pohlmann@hannover.ihk.de