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Fachkräftemangel, Corona-Lockdowns, Inflation und nun auch noch die steigenden Energiepreise stellen Gastronomie und Hotellerie vor besondere Herausforderungen. Anhand von drei Betrieben blicken wir auf eine Branche, die mit Sorge in die Zukunft schaut.

Die Gastronomie, so wie wir sie kennen, wird es schwer haben“, sagt Ferdi Simsek. Der 42-jährige Chef dreier hannoverscher Restaurants blickt wenig optimistisch auf die  kommenden Monate. Die zwei Jahre Corona-Pandemie mit Lockdowns und Auflagen haben nicht nur auf dem Konto des Unternehmers Spuren hinterlassen. Simsek hat in dieser Zeit Schulden gemacht, um sein Geschäft am Leben zu erhalten. Im Sommer entschied er, eines seiner Restaurants zu schließen und es nur noch für gebuchte Veranstaltungen zu nutzen. Erst vor gut einem Jahr hatte er das „Lokal 4“ in einem hübsch renovierten  Hinterhofgebäude nicht weit von Steintor und Georgstraße am Rand der City eröffnet.  Unter hohen Decken, mit viel Design und Atmosphäre bot er mit einem Team von rund 40  Vollzeitkräften an sieben Tagen in der Woche ein hochwertiges gastronomisches Angebot, das trotz der Lage auch gut angenommen wurde. Wieso also dann die  Schließung? Für Simsek waren „die wenig gastrofreundliche Politik, Corona, der  Mindestlohn und die Energiepreise“ ausschlaggebend.

„Ich möchte auf die besondere Lage der Gastronomie aufmerksam machen“, sagt Ferdi Simsek. Er hat das „Lokal 4“ in Hannover geschlossen. Es öffnet nur noch für Firmenevents. Foto: Georg Thomas.

„Ich wollte mich nicht noch weiter verschulden“, sagt er. Und angesichts der unsicheren Zeiten habe er sich zu diesem Schritt gezwungen gesehen. Seit Anfang August öffnet er das „Lokal 4“ nun nur noch als Location für Firmenveranstaltungen. Wenn das Geschäft mit den gebuchten Events gut läuft, könne er so fast die Miete tragen. Aber an der düsteren Perspektive ändert das aus Sicht des Gastronomen wenig. „Sobald die Menschen Angst haben – vor Corona, vor ihrer Strom- oder Gasrechnung – spüren wir das in der Gastronomie.

Wienecke: Analyse im Januar
Die nächste Krise ist da, während die Branche noch immer mit den Nachwehen der ersten Wellen der Corona-Pandemie belastet ist. „Wir stecken eigentlich noch mitten in Corona“, sagt Andreas Wienecke, Geschäftsführer des Tagungs- und Kongresshotels Wienecke XI. Um während der Pandemie die Kosten zu senken, hat der Hotelier sein Haus im hannoverschen Stadtteil Wülfel anderthalb Jahre lang geschlossen und sich von der Gastronomie komplett verabschiedet. So habe er die laufenden Kosten von etwas mehr als einer halben Million Euro während der Pandemie deutlich senken können. Wienecke hat sich ganz auf seine Hotels – auch den Thüringer Hof in der City führt er – und das Geschäft mit Tagungen konzentriert. In den großen Sälen seines Hotels am südlichen Stadtrand sind Veranstaltungen mit bis zu 3500 Personen möglich. Zusammen mit seiner Frau hat er die frühere Brauereigaststätte vor 30 Jahren übernommen und kurz vor der Weltausstellung mit dem Designhotel mit seinen 140 Zimmern erweitert. Heute beschäftigen die Wieneckes 28 Vollzeitkräfte, mit denen sie in normalen Jahren Umsätze von 7,5 Mio. Euro netto erwirtschaftet haben.

Mit Blick auf das kommende Jahr fragt sich Wienecke, ob es möglich sein wird, die steigenden Energiekosten auf das Tagungsgeschäft umzulegen. Bereits die Auswirkungen der Pandemie hätten teilweise zu Preissteigerungen von bis zu 70 Prozent in dem Bereich geführt. „Und nun erwartet uns eine Verfünffachung der Gaskosten ab Januar. Allein für Wülfel sind das Mehrkosten von rund 400000 Euro“, beziffert der Unternehmer. Die Preise für eine Übernachtung in seinem Viersternehotel hätte er deswegen bereits im Sommer um 20 Euro erhöht. Wie es weitergeht, will Andreas Wienecke in Ruhe beurteilen: „Wir hatten uns schon lange vorgenommen, die Entscheidungen im Zuge der Pandemie im Januar zu analysieren.“ Wie sich die extrem gestiegenen Energiekosten auswirken, werde dann ebenfalls Thema sein. Im schlimmsten Fall müsse man wohl den Tagungsbereich vorübergehend schließen.

Sarstedt: Schließung nach 20 Jahren
Monica Santiago hat ihre Entscheidung bereits getroffen. Sie schließt ihr spanisches Restaurant in Sarstedt am 10. November. Vor zwanzig Jahren hatte sie das „La Espanola“ in der Stadt vor den Toren Hildesheims eröffnet. Und bis vor kurzem war Aufhören für die 47-Jährige kein meinen Vertrag nochmal um zehn Jahre verlängere.“ Denn eigentlich liebt sie die Gastronomie, Ihre Eltern kamen in den 1970ern mit ihr aus Andalusien nach Hannover. Ein Autounfall in ihrer Jugend durchkreuzte ihren Plan, Fremdsprachenkorrespondentin zu werden. So fing sie als 17-Jährige in einem spanischen Restaurant in Hannover. „Das waren damals im ,O Meson‘ noch ganz andere Zeiten“, erinnert sie sich. Die geänderten Rahmenbedingungen sind für Monica Santiago auch ein Mitgrund dafür, dass sie doch nicht weiter macht. „Ich möchte nun auch einmal Zeit für meine neun und 13 Jahre alten Söhne haben“, sagt sie. In den letzten Jahren seien immer mehr Aufgaben bei ihr hängen geblieben, weil sie mit immer weniger Personal zurechtkommen musste. Die 14-Stunden-Tage und Familie, das gehe auf Dauer nicht gut. Zuletzt stemmte sie das gut besuchte Restaurant mit zehn Leuten, davon zwei Fachkräften in der Küche, fünf Schülerinnen im Service und einer Reinigungskraft. Gerade in den Ferien gab es dann oft Engpässe, die die Chefin irgendwie aufzufangen versuchte. Ihren Mitarbeitern Urlaub verwehren könne sie ja auch nicht. Und so half sie eher in der Küche mit aus, als dass die Gäste länger auf ihre Tapas warten mussten.

Die gestiegenen Preise für Lebensmittel, Gemüse oder Öl hat Monica Santiago bislang auffangen können. „Aber ich glaube nicht, dass man das auch mit den Energiepreisen so machen kann“, sagt sie. Und es war ihr schon damals klar, dass die Kosten für Energie bis zum Winter weiter steigen würden. Als ihr Vermieter dann auch noch eine Erhöhung der Miete ankündigte, reifte in ihr die Idee, ihr Restaurant zu schließen. „Es ist mir lieber, jetzt das Ende mit Würde zu begehen, als irgendwann festzustellen, dass es doch nicht reicht. Die Menschen sollen das Espanola in guter Erinnerung behalten.“ Inzwischen sei sie ihrem Vermieter dankbar für die Ankündigung der Mieterhöhung. „Ich hätte die Entscheidung vielleicht sonst nicht getroffen.“ In nächster Zeit möchte Monica Santiago nun erstmal kürzertreten und im Restaurant ihres Manns, dem Bistro Classic in Sehnde, aushelfen. Die 47-Jährige gewinnt mit ihrer Entscheidung Freiraum. Die Stadt an der Innerste verliert ein etabliertes Restaurant, das auch viele Stammgäste aus einem größeren Umkreis angezogen hat.

Lindenblatt Hannover – eines der drei Restaurants von Ferdi Simsek