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Niedersachsens Wirtschaft vor dem Sturm: Die Geschäftserwartungen der Unternehmen liegen in diesem Herbst noch deutlich unter dem Niveau der beiden Corona-Jahre.

 

Zwei Drittel der niedersächsischen Unternehmen erwarten in den kommenden Monaten, dass sich ihre Geschäftslage in den kommenden Monaten verschlechtert. Das lässt den IHKN-Konjunkturklimaindikator im dritten Quartal um weitere 18 auf jetzt 62 Punkte abstürzen. Ein nahezu historisch niedriger Wert: Nur zu Beginn der Pandemie lag er kurzzeitig noch niedriger. Selbst während der Finanz- und Wirtschaftskrise nach 2009 wurde dieses Niveau nicht erreicht.

Nur die Ruhe vor dem Sturm

Dass die Geschäftslage von etwas mehr als der Hälfte aller Unternehmen (53 %) noch als zufriedenstellend beurteilt wird, ist da eher die Ruhe vor dem Sturm. „Vor vielen Unternehmen liegt ein harter Winter. Ganz entscheidend wird sein, dass eine Gasmangellage vermieden werden kann“, sagte Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der IHK Niedersachsen, Mitte Oktober bei der Vorstellung der Zahlen. Befragt wurden rund 1800 Unternehmen in Niedersachsen.

Oft fehlt noch die Planungssicherheit

Vielen Unternehmen fehlt aber auch noch die Planungssicherheit, weil zum Beispiel wegen noch nicht abgeschlossener neuer Lieferverträge. „Die Vorschläge der Gaskommission geben hier Zuversicht. Jetzt ist wichtig, dass noch offene Fragen geklärt werden und dies dann schnell umgesetzt wird, damit die Unternehmen wissen, woran sie sind“, so Bielfeldt.

Indikatoren weiter auf Talfahrt

Alle Indikatoren haben im dritten Quartal ihre Talfahrt fortgesetzt. Das gilt für die Auftragseingänge der Industrie ebenso wie für den Auftragsbestand. Die Exporterwartungen der Unternehmen sind weiter gefallen und liegen jetzt nahezu auf dem Niveau während der Finanz- und Wirtschaftskrise. Auch die Investitions- und Beschäftigungsplanungen bewegen sich seit Monaten abwärts. Dass die Unternehmen weniger Jobs besetzen wollen, heißt aber keineswegs, dass der Fachkräftebedarf gedeckt wäre. Unter den Top-Konjunkturrisiken liegt der Mangel an gut ausgebildetem Personal nahezu auf dem Niveau des Vorjahres: 60 Prozent der Unternehmen sehen hier Probleme, drei Prozentpunkte weniger als im Herbst 2021.

Energiepreise und Inlandsnachfrage als Risiken

Bei den Risiken haben sich wenig überraschend die Energie- und Rohstoffpreise mit einem Sprung ganz nach vorne geschoben. 86 Prozent aller Unternehmen sehen das so. Im vergangenen Jahr waren es 63 Prozent. Ebenso deutlich der Anstieg bei einem weiteren Risikofaktor: Die Inlandsnachfrage ist jetzt für 59 Prozent eine Gefahr (Vorjahr: 40 %). Hier dürfte sich auch die inzwischen immer deutlichere Kaufzurückhaltung bemerkbar machen: Die Konsumneigung hat inzwischen ein 20-Jahres-Tief erreicht. Im Einzelhandel sind zwar knapp zwei Drittel der Unternehmen mit ihren Geschäften im dritten Quartal zufrieden. Aber ausnahmslos alle Bereiche rechnen mit rückläufigen Umsätze. Im Großhandel sieht das nicht anders aus.

Auch die von der Inflation erzwungene Zinswende macht sich in den Zahlen der Konjunkturumfrage bemerkbar. Unter den Risiken liegt die Finanzierung nach wie vor auf dem letzten Rang. Der Anteil der Unternehmen, die hier ein Risiko sehen, hat sich binnen Jahresfrist aber auf 15 Prozent mehr als verdoppelt.

Auch die Bauwirtschaft mit Fragezeichen

Der Zinsanstieg trifft aber auch eine Konjunktursäule der vergangenen Jahre: Zwar ist die Geschäftslage der Bauwirtschaft aufgrund des hohen Auftragsbestandes noch gut. Neben den steigenden Preisen für Baumaterial bremsen die höheren Zinsen insbesondere den Wohnungsbau.