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Angesichts der vielen Risiken sind die Erwartungen der niedersächsischen Unternehmen für die kommenden Monate eingebrochen. Aktuell sorgt aber ein gutes Auftragspolster der Industrie für Stabilität. Das zeigt die IHK-Konjunkturumfrage.

+++ Aktualisiert am 26. April +++

Zwiespältiges Konjunkturbild: Derzeit ist die Wirtschaftslage in Niedersachsen noch zufriedenstellend – „besser, als man vielleicht denken könnte“, so Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der IHK Niedersachsen. Bei den Erwartungen allerdings sieht es düster aus: Jedes zweite Unternehmen befürchtet, dass es in den kommenden Monaten schlechter wird.

Skepsis in der Wirtschaft ist hoch

Der Anteil dieser skeptisch in die Zukunft blickender Unternehmen ist damit geradezu drastisch nach oben gesprungen: In der IHK-Umfrage spiegelt sich das Bild einer Wirtschaft, die auf eine Nach-Corona-Erholung hoffte, aber weiterhin von Lieferkettenproblemen und Preissteigerungen betroffen ist und jetzt mit den Auswirkungen des russischen Angriffs auf die Ukraine konfrontiert wird. Rund 1900 niedersächsische Unternehmen wurden von den Industrie- und Handelskammern von Ende März bis Anfang April befragt.

Indikator noch besser als bei anderen Krisen

Stand heute jedenfalls „fällt der erwartete kraftvolle Aufschwung mit dem Ende der Corona-Beschränkungen aus“, so IHK-Chefin Bielfeldt. „Die Lieferkettenprobleme und die Preissprünge bei Energie und Rohstoffen aufgrund des russischen Angriffskrieges bedrohen jede wirtschaftliche Erholung.“ Bielfeldt machte aber auch deutlich: Man kann zwar eine Rezession befürchten, derzeit  gibt es sie aber nicht. Der deutliche Rückgang des IHK-Konjunkturklimaindikators um 23 Punkte hat seine Ursache in Unsicherheit und Ängsten mit Blick auf die Zukunft, aber mit 83 Punkten liegt der Wert noch über den Tiefstständen der Corona-Frühphase Anfang mit 48 Punkte, der Wirtschafts- und Finanzkrise mit 69 und der Krise nach 2001 mit 71 Punkten.

Gute Auftragslage in der Industrie

Ein Grund für die im Vergleich noch bessere Situation ist aus Sicht von Maike Bielfeldt die gute Auftragslage in der Industrie. Rund 37 Prozent der von den Industrie- und Handelskammern befragten Unternehmen sprachen hier von einer positiven Entwicklung. Der Auftragsbestand ist zwar im ersten Quartal nicht weiter gewachsen, hält sich aber nach einem kontinuierlichen Anstieg während der vergangenen beiden Jahren auf einem überdurchschnittlichen hohen Plateau.

Allerdings haben Unternehmen zunehmend Schwierigkeiten, ihre Aufträge abzuarbeiten. Grund sind nicht nur die Versorgung mit Rohstoffen und Vorprodukten, sondern etwa auch Probleme bei der Verpackung, weil Papier und Pappe knapp geworden sind.

Es ist also eine Art Schwebezustand, in dem sich die Wirtschaft gerade befindet: Mehr als die akuten Probleme drücken die Risiken auf die Stimmung. Abhängig von der Entwicklung insbesondere des Krieges in der Ukraine werden erst kommenden Monate zeigen, ob der Konjunkturklimaindikator bereits jetzt eine Talsohle gefunden hat. Andererseits planen die Unternehmen auch angesichts dieser Ungewissheit noch mit einer vorsichtigen Zuversicht, hoffen also darauf, dass es besser kommt als befürchtet werden kann. Die Investitions- und die Beschäftigungspläne beispielsweise sind nach wie vor positiv.

Ganz weit oben auf der Sorgenliste rangiert allerdings die Gasversorgung: Sollte die nicht mehr gewährleistet sein, „steht und eine Rezession unbekannten Ausmaßes bevor“, so Maike Bielfeldt. In Interviews mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und dem NDR sprach sie von der Angst in Unternehmen vor einem Stop der Gaslieferungen zum jetzigen Zeitpunkt. Gleichzeitig forderte sie, alles für einen schnellen Umbau der Energieversorgung zu tun. Dazu gehörten der Bau von Flüssiggasterminals ebenso wie die Weiternutzung bisheriger Energieträger. Sie regte auch eine erneute Diskussion über das Fracking an.

Viele Unternehmen ächzen aber bereits jetzt unter den stark gestiegenen Energie- und Rohstoffpreisen. Insgesamt 83 Prozent sehen das Top-Risiko für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Zum Vergleich: Vor einem Jahr waren es noch 43 Prozent. Ebenfalls kritisch gesehen werden weiterhin die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und der Fachkräftemangel.

Dabei ist die Lage nach je Branche allerdings sehr unterschiedlich. Die Gastronomie sieht einen Aufwärtstrend, kommt aber von einem niedrigen Niveau. Die Hoffnung, so Maike Bielfeldt, richtet sich auf einen weiteren Stimmungsumschwung bei den Gästen: „Runter vom Sofa, rein in die Lokale.“ In der nach wie vor boomenden Baubranche dagegen machen die Preissprünge beim Material inzwischen jedes Angebot zu einem Risiko. Und nicht anders als die Industrie hängen auch Verkehr und Logistik an der Lebensader Energie.

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