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Mehr Fläche und schnellere Genehmigungen: Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung ist beim Thema Windenergie eindeutig. Und auch Niedersachsen will der Windkraft mehr Raum geben. Die Unternehmen, die in der Region Windkraftanlagen bauen, hoffen auf verbesserte Rahmenbedingungen. Eine Standortbestimmung mit Windwärts, Westwind und der deanGruppe.

Ganze 92 volle Aktenordner. Zugegeben ein Extremfall für ein  Genehmigungsverfahren. Knapp dreißig Ordner wären üblich, wenn sich die Windkraftanlagen nur auf das Gebiet eines Landkreises erstrecken würden –  und nicht auf drei. Doch hunderte Seiten Gutachten und Untersuchungen vorzulegen ist Realität für die Unternehmen, die in Deutschland neue  Windkraftanlagen errichten oder alte durch moderne ersetzen (repowern) möchten. Auf der Suche nach Gründen für den stockenden Ausbau der Windenergie nennen Fachleute als Hauptgrund den hohen administrativen Aufwand – vor möglichen Akzeptanzproblemen der immer größeren Anlagen.

2021 – So wenig Ausbau wie seit 20 Jahren nicht
Im vergangenen Jahr sind deutschlandweit knapp 2000 Megawatt (MW) Leistung durch neue Windkraftanlagen dazugekommen. Es waren exakt 460 Windkraftwerke – so wenige wie in den letzten 20 Jahren nicht. Davon  entstanden 104 in Niedersachsen, was im bundesweiten Vergleich dem Land den ersten Platz einbringt. Zur Einordnung ist zu bedenken, dass ein einzelnes Windrad heute auch erheblich mehr Strom erzeugt, was die Gesamtzahl auch etwas drückt. Im Rekordjahr 2017 wurden in Deutschland deutlich Anlagen mit einer Geamtleistung von 4700 MW gebaut.

Um die Ziele der Bundesregierung zu erreichen, müssten ab sofort jedes Jahr bis 2030 rund 8000 Megawatt aus Windkraftanlagen hinzugebaut werden, um die Marke von 100 Gigawatt zu erreichen. Rechnerisch muss der Ausbau also drei bis vier Mal so schnell gehen wie bislang. Das Ziel ist so ambitioniert, dass selbst die Windkraftprojektierer Windwärts,  deanGruppe und Westwind gewisse Zweifel anmelden, ob das realistisch ist. „Aber das Bekenntnis im Koalitionsvertrag  zur Windkraft ist sehr weitreichend“, sagt etwa Lothar Schulze, einst Mitgründer von Windwärts im Jahr 1994 und heute Leiter Politik bei dem hannoverschen Unternehmen und Vorstandsvorsitzender des Wirtschaftsverbands Windkraftwerke.

Lothar Schulze, Leiter Politik beim hannoverschen Unternehmen Windwärts und Vorstandsvorsitzender des Wirtschaftsverbands Windkraftwerke. Foto: Windwärts

Die drei Parteien haben sich in ihrer Übereinkunft zum Beispiel darauf  verständigt, dass in Zukunft zwei Prozent der Fläche in Deutschland für Windkraft genutzt werden sollen und auch für schnellere  Genehmigungsverfahren wollen sie sorgen. „Jetzt müssen diese Dinge aber auch vernünftig und wirksam umgesetzt werden“, hofft Schulze.

Mehr Tempo beim Windkraftanlagen-Bau ist dringend nötig, wenn der Anteil der in Deutschland erzeugten Windenergie nicht nur gehalten, sondern auch erhöht werden soll. Etwa die Hälfte der rund 30 000 Windenergieanlagen deutschlandweit könnte in den kommenden zehn Jahren vom Netz gehen, weil beispielsweise die EEG-Förderung abläuft oder technische Komponenten veraltet sind.

Windenergie an Land ist seit Jahren die wichtigste Quelle für erneuerbar erzeugten Strom in Deutschland. Im ersten Halbjahr 2019, also vor der Corona-Pandemie, erreichte die Stromerzeugung aus Wind rund 55 TWh. Damit war sie sogar zum ersten Mal die Nummer eins der Stromerzeugung knapp vor der Braunkohle (53 TWh). Allerdings zeigte sich im Jahr 2021, dass der Wind auch  einmal schwächer wehen kann und die Ausbeute dann entsprechend geringer ist.

Genehmigung dauert zu lang
Von der ersten Untersuchung bis zum Moment, in dem sich der Rotor eines Windrads das erste Mal dreht, vergehen heute im Schnitt sechs Jahre. Wenn eine Fläche geeignet erscheint, führen die Windkraftfirmen Gespräche mit  betroffenen Gemeinden, Landkreisen und Flächeneigentümern. Denn am Ende braucht es Nutzungsverträge für die Flächen und diese müssen auch als Vorranggebiete für Windkraft ausgewiesen sein. Wenn diese Hürden überwunden sind, folgen die Untersuchungen zum Artenschutz, bevor der  Antrag nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) gestellt werden kann. Für diesen sehr umfangreichen Antrag sind diverse Unterlagen zu  erarbeiten und Gutachten einzuholen.

Da für die Genehmigung die einzelnen Landkreise zuständig sind, gibt es natürlich auch unterschiedliche Erfahrungen, von denen die  Windkraftunternehmen berichten. Aber es komme leider immer wieder vor, dass Behörden nach dem Einreichen aller Unterlagen auf die Bestätigung der Vollständigkeit, die das Gesetz eigentlich vorsieht verzichten. „Ohne diese  Bestätigung können immer wieder neue Nachweise verlangt werden, was das Verfahren natürlich in die Länge zieht“, erklärt Schulze. Je länger so ein  Verfahren dauert, desto größer ist die Gefahr, dass sich etwas an den Voraussetzungen ändert. Oder dass es den geplanten Anlagentyp inzwischen auf dem Markt gar nicht mehr gibt. Auch dann muss die Genehmigung neu beantragt werden.

Für die Unternehmen gibt es in dieser Phase keine Planungssicherheit. Und was das bedeuten kann, hat Windwärts selbst in den Jahren 2013/14 erlebt. „Wir haben damals nicht ein einziges Projekt durchgebracht. Es waren sowohl  artenschutzrechtliche Hindernisse und auch Einwände der Flugsicherung, die dazu führten, dass es keine Genehmigung gab“, erinnert sich Schulze. Letztlich führte das dazu, dass sich das hannoversche Unternehmen einen Partner  suchen musste und heute ein eigenständiges Tochterunternehmen der Mannheimer MVV-Gruppe ist.

Wie können die Genehmigungen schneller werden?
Windwärts fordert mehr klare Vorgaben, was im Rahmen einer Genehmigung untersucht werden muss und was nicht. Zudem braucht es zeitliche Fristen.  Beispielsweise, wenn die Behörde bis zum Zeitpunkt X nicht die Vollständigkeit der Antragsunterlagen bestätigt, sollte die Vollständigkeit als erfüllt gelten und verbindliche Bearbeitungsfristen greifen“, fordert Schulze. „Und auch beim Artenschutz etwa müsse am Anfang eines Verfahrens klar sein, welche Tierarten betroffen sind oder sein könnten.“ In einem vor kurzem in Betrieb gegangenen Windpark seien die vereinbarten Untersuchungen zum Artenschutz bereits abgeschlossen gewesen, als der Meldung eines brütenden Mäusebussards nachgegangen werden musste. Und bis so ein Gutachten vorliege und ausgewertet sei, vergehe schnell ein Jahr. Aber Lothar Schulze hat auch Verständnis für die Behörden, die wissen, dass ihre Entscheidungen nicht selten von Gerichten überprüft werden. „Niemand möchte einen Fehler machen und dann wird lieber nochmal genauer untersucht, als dass am Ende eine Schlappe vor Gericht herauskommt.“ Die geplante Unterstützung der  Genehmigungsbehörden durch Beratungsteams sei daher richtig. Für wichtig hält Schulze auch die Möglichkeit der finanziellen Beteiligung von Kommunen an den Erlösen von Windparks, gerade im Hinblick auf die Akzeptanz. „Wir als Windwärts haben schon vor Jahren entsprechende Vorschläge gemacht und setzen auch andere Formen der Bürgerbeteiligung um.“

Hindernis Funkfeuer
Die deanGruppe aus Neustadt in der Region Hannover konnte in den vergangenen Jahren nur wenige neue Windkraftanlagen vor der eigenen Haustür errichten, weil sich die Deutsche Flugsicherung gegen die Errichtung neuer Anlagen aussprach. Sie befürchtete Beeinträchtigungen der mittlerweile veralteten Technik, die Flugzeuge bei der Navigation unterstützt. In einem Radius von 15 Kilometern rings um ein sogenanntes Drehfunkfeuer im Landkreis Nienburg können deswegen seit Jahren keine neuen Windenergieprojekte realisiert werden. „Die Region Hannover würde gern mehr Windkraftanlagen genehmigen, sie ist aber an die Entscheidung gebunden“, erklärt Dr. Alexander Jäger-Bloh, der zusammen mit seiner Frau vor dreißig Jahren das erste Windrad in der Region Hannover errichtete. 1998 gründete er die Unternehmensgruppe Dezentrale Energie (deanGruppe) und realisierte in der Folge auch Projekte in Frankreich oder anderen Teilen Deutschlands. Gerade erst hat dean erfolgreich ein Repowering-Projekt bei Stade  abgeschlossen.

Dr. Alexander Jger-Bloh, Geschäftsführer und Gründer der deanGruppe aus Neustadt am Rübenberge. Foto: dean

Der Geschäftsführer des Unternehmens hat in den vergangenen Jahren als Sprecher einer Planer-Allianz betroffener Unternehmen immer wieder den Kontakt zur Landes- und Bundespolitik gesucht, um eine Lösung für das  Problem der Funkfeuer zu finden. In den Landkreisen Nienburg, Heidekreis und der Region Hannover erhalten aufgrund der Problematik 110 geplante  Windkraftanlagen keine Genehmigung. „Dabei könnte das Funkfeuer Nienburg einfach auf moderne Technik umgerüstet werden. Dann müsste nur ein Umkreis von drei Kilometern frei von Windkraft bleiben.“ Die Umrüstung der Anlage bei Nienburg ist für das Jahr 2023 angekündigt. „Wir hoffen, dass die bis dahin blockierten Projekte dann auch zügig realisiert werden können“, sagt Dr. Jäger-Bloh.

Der Geschäftsführer und sein Team hoffen, dass die Bundesregierung sich auch für neue Grundsätze beim Artenschutz stark macht. „Selbstverständlich ist es uns sehr wichtig, gefährdete Tierarten zu schützen. Aber wenn wir die Klimaziele erreichen wollen, sollten wir uns vielleicht fragen, ob der Schutz eines einzelnen Tieres an einem Standort auch in Zukunft ein  Ausschlusskriterium sein darf.

„Wenn wir den Klimaschutz nicht voranbringen, wird es die Vögel vielleicht bald nicht mehr geben“, sagt Andre Meyer, der als Projektleiter bei der Westwind Energy GmbH arbeitet. Der 45-Jährige ist seit der ersten Stunde für  das 1998 gegründete Unternehmen tätig, das seit einigen Jahren über ein Tochterunternehmen auch in Australien im großen Stil Windparks errichtet.

Andre Meyer, Projektleiter bei
Westwind Energy Foto: Westwind

In Kirchdorf beschäftigt Westwind etwa 35 Menschen. Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren auch einige positive Erfahrungen mit dem Naturschutz gemacht. „Wenn man ganz früh den Kontakt zu den Verbänden sucht, kann man oft gemeinsam Lösungswege finden“, erklärt Meyer. Westwind hat vor wenigen Monaten vierzehn Windkraftanlagen bei Steyerberg im Landkreis Nienburg in Betrieb genommen, ein Projekt für insgesamt 84 Mio. Euro. Die ersten Überlegungen liegen mehr als zehn Jahre zurück und dennoch spricht der Projektleiter von einem erfolgreichen Verfahren, auch weil es nur zwei Einwände gab, die aber ausgeräumt werden konnten. An dem Windpark Bruchhagen-Nendorf zwischen Uchte und Steyerberg konnten sich auch die Menschen aus der Region finanziell beteiligen. Zusammen mit der Sparkasse Diepholz hat Westwind dafür einen Sparbrief mit vier Prozent Zinsen entwickelt. Insgesamt sollten so 1,5 Mio. Euro eingeworben werden. Erwerben konnte ihn nur, wer in einem Umkreis von rund zwei Kilometern um die Anlagen wohnt. Am Ende war die Anlage dreifach überzeichnet. Andre Meyer ist sich sicher, dass es ähnliche Beteiligungsmöglichkeiten in Zukunft häufiger geben wird.

Ähnlich wie Windwärts und dean entwickelt auch Westwind in der Regel Windparks, um sie später auch selbst zu betreiben. An den Gesellschaften werden in der Regel die Besitzer der Flächen beteiligt, auf denen die Windräder stehen. Und auch die Kommunen selbst werden aktiv. So erwirbt die Gemeinde Steyerberg für rund 1 Mio. Euro die Beteiligung an einer Anlage, von der ihr auch die Gewinne zufließen. Für die Kommunen kann das ein äußerst attraktives Geschäft sein. In Steyerberg zum Beispiel, könne die Gemeinde in 20 Jahren voraussichtlich einen Gewinn von mehr als 2 Mio. Euro erzielen. Auch bei dean gibt es solche und ähnliche Modelle der Beteiligung. So hat eine Bürgerenergiegenossenschaft an einem Windpark in Stade eine von 5 Windkraftanlagen erworben. Hinter der Investition von rund 1,9 Mio. Euro stehen dort rund 600 Personen.

Branche braucht weiterhin Geduld
Alle drei Unternehmen blicken gespannt nach Berlin wie und wie schnell die Pläne der Ampelkoalition Realität werden. Andre Meyer hat nicht ganz so große Erwartungen wie seine Mitbewerber. „Es dauert meist eine Zeit lang, bis die Entscheidungen aus Bund und Land in den Kreisen und den Kommunen ankommen“. Diese Erfahrung kann auch Dr. Alexander Jäger-Bloh, Geschäftsführer der deanGruppe, bestätigen: „Selbst wenn die neuen Gesetze jetzt zügig kommen, dauert es noch einmal, bis die entsprechenden Ausführungsbestimmungen vorliegen“, sagt er. Dennoch vermittle ihm die Regierung auf jeden Fall ein positives Signal, das auch auf andere Ebenen ausstrahle. Wenn sich allerdings tatsächlich ein neuer Aufwind für die Branche entwickle, bleibt zu hoffen, dass sich bis dahin auch die Probleme in den weltweiten Lieferketten gelöst haben. Denn dagegen hilft auch kein frischer Wind.

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Georg Thomas

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