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Niedersachsen erholt sich etwas schneller als die deutsche Wirtschaft insgesamt. Das jedenfalls erwarten die Volkswirte der Nord/LB. Wesentlicher Treiber ist dabei die Industrie.

Nach der Mitte Januar veröffentlichten Prognose der Nord/LB wird die niedersächsische Wirtschaft in diesem Jahr um 3,9 Prozent wachsen. Für Deutschland erwarten die Volkswirte der Bank ein BIP-Wachstum von 3,5 Prozent. Wesentlicher Grund für das aus heutiger Sicht bessere Abschneiden Niedersachsens sei die vergleichsweise hohe Bedeutung der Industrie im Land, sagte Dr. Eberhard Brezski, der bei der Nord/LB die regionale Wirtschaft beobachtet.

Niedersachsen hat 2021 wohl über dem Bund

Auch das vergangene Jahr sieht aus niedersächsischer Sicht etwas besser aus als im Bund: Auf Basis der bis Oktober vorliegenden Zahlen erwartet die Nord/LB ein BIP-Plus von 3,6 Prozent für das Land und einen Zuwachs von 3 Prozent im für die gesamte deutsche Wirtschaft.

In den Startblöcken für eine Aufholjagd

Für die kommenden Monate sieht die Nord/LB-Prognose nicht nur in Niedersachsen eine gute Basis für die wirtschaftliche Erholung. Und das trotz der zuletzt eingetrübten Stimmung in der Wirtschaft. Zwar bremsen fehlende Rohstoffe und Vorprodukte verbunden mit Preissteigerungen sowie ein zunehmend wieder spürbarer Personalmangel die Entwicklung. Die Probleme in den Lieferketten haben andererseits zu einem massiven Produktionsstau geführt, der jetzt nach Möglichkeit abgearbeitet wird. Entsprechend sieht Chef-Volkswirt Christian Lips den Auftragsbestand der Industrie auf einem deutlich höheren Niveau als in den vergangenen Jahren. Die Auftragsreichweite liegt nach seinen Worten bei durchschnittlich über sieben Monaten: Ein Nachfrageproblem habe die Industrie jedenfalls nicht, stellte Lips bei der Vorstellung der Prognose fest. Er rechnet zwar weiterhin mit Knappheiten, die sich bei den unter anderem für die Automobilindustrie wichtigen Computerchips noch bis ins nächste Jahr ziehen könnten. Wenn sich die Lage bei den Vorprodukten entspannt und sich die Corona-Lage bessert, erwartet Lips kräftige Nachholeffekte und eine deutlich höhere Wachstumsdynamik.

Zugkraft der Bauwirtschaft lässt nach

Während die Nord/LB-Prognose auf die Industrie auf als Konjunkturlokomotive setzt, wird die Zugkraft der Bauindustrie in diesem Jahr eher abnehmen. Auch der Konsum ist noch durch ein zurückhaltendes Vertrauen der Verbraucher gekennzeichnet.

Positiv bislang die Lage auf dem Arbeitsmarkt: Der habe sich zuletzt robust gezeigt, wenn auch die Kurzarbeit wieder wichtiger wurde. Dass die Unternehmen Personal suchen, zeigt sich in längeren Vakanzzeiten: Bis eine Stelle besetzt sei, dauere es nach aktuellen Zahlen im Schnitt 176 Tage, so Eberhard Brezski.

Nicht allein die Pandemie …

Nord/LB-Vorstand Dr. Christoph Dieng.

Vielleicht mehr noch als in den Vorjahren sticht die Vielzahl für die Konjunktur relevanter Faktoren hervor. Dr. Christoph Dieng, im Vorstand der Nord/LB sowohl für die volkswirtschaftlichen Analysen als auch für das Risikomanagement zuständig, sieht ein „recht dynamisches“ Wachstum der Weltwirtschaft um 4,5 Prozent und eine Zunahme des Welthandels um 7 Prozent. Die Weltbank hatte zuletzt ein Plus von 4,1 Prozent für das weltweite BIP prognostiziert. Wenig überraschend allerdings: „Das größte Risiko bleibt die Pandemie“, so Dieng. Chef-Volkswirt Lips sprach von einer Art Zeitschleife, weil die Omikron-Variante dazu geführt habe, dass die Stimmung in der Wirtschaft wieder mit der Lage vor einem Jahr vergleichbar sei. Damit bleiben einige Bereiche der Wirtschaft im Feuer: Dienstleister, der stationäre Handel mit Bekleidung oder Möbeln beispielsweise sowie die Gastronomie. Hotels und andere Beherbergungsbetriebe verzeichneten bis Oktober ein Minus von über 13 Prozent, Restaurants und Gaststätten von über neun Prozent – und das gegenüber dem schon durch Corona geprägten Jahr 2020.

Risiken können sich auch an den geopolitischen Brennpunkten entwickeln, so Christioph Dieng. Er nannte aus aktueller Sicht die Situation an der ukranisch-russischen Grenze, die Entwicklung zwischen China und Taiwan oder im Atomstreit mit dem Iran. Neben der Entwicklung auf den Märkten für Rohstoffe und Vorprodukte und – natürlich – den Energiepreisen spielte auch die Inflation im Ausblick der Nord/LB eine wesentliche Rolle. Bei allen nachvollziehbaren Prognoseproblemen könne man bei der Europäischen Zentralbank höhere Inflationsraten nicht mehr allein als verfehlte Zielvorgaben einstufen, sagte Christian Lips. Aus Sicht der Nord/LB erwartet er, dass sich die Inflationsrate zunächst in einem Bereich über vier Prozent einpendelt. Für das Gesamtjahr werden gut drei Prozent erwartet. Lips sieht auch bereits Anzeichen für ein Umsteuern der EZB und erwartet erste Zinsschritte der Zentralbanker Anfang 2023: „Wer niedrige Zinsen sucht, sollte im Laufe dieses Jahres darüber nachdenken.“

Mehr als genug Einflussgrößen also für die wirtschaftliche Entwicklung 2022 also. Fast auffällig: Andere große Herausforderungen für die Unternehmen, allen voran die digitale und ökologische Transformation der Wirtschaft, tauchten in der Neujahrsprognose 2022 der Nord/LB kaum auf . Was nicht heißt, dass sie nicht mehr da wären – im Gegenteil.