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Bio-Säfte gehen koscher!

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Voelkel-Halle mit Apfelbaum. Foto: Voelkel.

Die Voelkel Naturkostsäfte GmbH ist seit einem Jahr in der IHK-Arbeitsgruppe Halal und Koscher aktiv. Die nach eigenen Angaben größte Naturkostsafterei Deutschlands aus Höhbeck (Landkreis Lüchow-Dannenberg) stellt mit rund 320 Mitarbeitern Obst- und Gemüsesäfte in Bio- und Demeter-Qualität her, die weltweit vertrieben werden. Künftig sollen einige Produkte auch in Koscher-Qualität angeboten werden. Über die ersten Schritte berichtet Benjamin Ebeling, Assistent im Bereich Qualitätsmanagement/-sicherung:

Herr Ebeling, was waren Ihre ersten Schritte in das Thema Koscher?
Beginnt man, sich mit dem Thema `Koscher´ zu beschäftigen, sind da unzählige Infos … Im Grunde sollte es nur eine Zertifizierung sein wie andere auch. Aber hier spielen auch religiöse Überzeugungen und kulturelle Einflüsse eine Rolle. Man kann sich selbst einlesen – aber richtig voran kommt man erst durch den Kontakt mit Praktikern! Hilfreich war ein IHK-Seminar und der Kontakt zur AG Halal und Koscher. Nach diesem ersten Input durch die Erfahrungen anderer Unternehmen und dem Kennenlernen der Ansprechpartner ging es auch bei uns los: mit eigenen Schritten auf dem Weg zur Produktion koscherer Produkte.

Und wie lief dann der Übergang von der Theorie in die Praxis? Gesagt – getan, und los ging´s?
Nein. Zunächst mussten wir uns am schier unüberschaubaren Markt der Zertifizierer orientieren. Es gibt große, weltweit tätige Organisationen. Vorteile sind deren langjährige Erfahrungen, die Professionalität als Dienstleister sowie eine hohe Akzeptanz des Siegels. Andererseits werden hier auch strengere Vorschriften angelegt und mit so manchem Rabbiner kann man sich nur in Englisch austauschen. Daneben gibt es Rabbiner, die räumlich näher vor Ort sind. Deren Zugangshürden sind insgesamt kleiner. Andererseits war hier die Frage, ob deren Zertifikat in einem weltweiten Markt Akzeptanz findet. Im Seminar der IHK hieß es dazu: Auf das Backup achten! Reaktionszeiten? Wie ist der Service? Gibt es Hilfstools für die Organisationsarbeit? Und wir mussten für uns die Frage klären: Was wollen wir mit einer Zertifizierung erreichen? Haben wir einen klaren Markt im Auge? Wie ist die Größe des Marktes, wo liegen die Währungskurse, gibt es bereits eigene Logistikwege in die Region, wie gestalten sich die Transportkosten? Was sagen unsere Vertriebspartner in der Region? Oder ist es eine strategische Entscheidung: Kann ich in einem ersten Markt besonders viel dazulernen? Ist der Testmarkt ein Trendsetter, und kann ich davon womöglich in anderen Märkten profitieren? All das hat Zeit in Anspruch genommen.

Nachdem Sie den für Sie richtigen Rabbiner gefunden haben – wie ging es weiter?
Der Austausch mit unserem Kontakt-Rabbiner war dann sehr freundlich und am Thema orientiert. Man lernte einander kennen und das Thema auf wesentliche Punkte einzugrenzen. Wir haben keine tierischen Produkte oder Zutaten auf unseren Anlagen: Das ist schon einmal gut! Koscherer Traubensaft ist für uns derzeit zu anspruchsvoll, denn die heilige Schrift der Tora sieht die Gefahr heidnischer Verwendung. Daher muss vom Anbau der Rebe bis in die Produktion die engmaschige Prüfung durch einen Rabbiner gewährleistet sein. Einfacher koscher herzustellen und damit für uns besser zu zertifizieren sind Säfte, wo wir alle Schritte der Rohwaren-Verarbeitung und Produktion selbst steuern und entsprechend kontrollieren. Das sind zum Beispiel Gemüsesäfte aus heimischer Rohware.

Wie sah Ihre To-Do-Liste aus und mussten Sie bereits interne Prozesse in den Blick nehmen?
Unsere ersten Aufgaben waren, Daten zu sammeln und aufzubereiten. Um schon in dieser frühen Phase den Überblick zu bewahren, helfen gute Datenbanken zum Management der Anforderungen. Welche Rohware entsaften wir gänzlich selbst? Wo bekommen wir einen Teil bereits als fertigen Saft geliefert? Wie steht es um die Koscher-Zertifizierung dieser Lieferanten? Und wie steht es auch um die von uns eingesetzten Milchsäurebakterien – sind sie bereits koscher? Und was machen wir, wenn das einmal nicht der Fall ist? Diese Fragen besprechen wir aktuell mit unserem Rabbiner und sondieren die dann neuen Arbeitspakete. `Produktionsschritte´ und `Anlagen-Koscherisierung´* gehen wir dann beim nächsten Mal an.

Gleichzeitig kam über die IHK noch ein Gesprächsangebot mit einer israelischen Supermarktkette herein, den Praktikern in der Vermarktung koscherer Produkte. Wieder neue Vorstellungen und Herausforderungen. Aber damit ist auch ein Hilfsangebot zur Realisierung der Koscher-Zertifizierung verbunden. Kommt damit noch einmal eine neue Dynamik und Richtung hinein? Es bleibt spannend.
Die Fragen stellte Beate Rausch.

* Koscherisierung/Kaschern mit Wasser bedeutet: komplette rituelle Reinigung der Anlage, Stillstand für 24 Stunden, visuelle Kontrolle durch anwesenden Rabbiner je nach Anlage, Eintauchen des zu koscherisierenden Gebindes in etwa 96 bis 98 Grad heißes Wasser oder Abspülen der Oberfläche, bis sie die Temperatur des Wassers erreicht, im Kreislauf spülen und Anlage komplett befüllen bis zum Rand.