TEILEN

Endlich den Berufsschulen die Aufmerksamkeit geben, die sie verdienen: Das steht unter dem Strich in einem gemeinsamen Papier der IHK Niedersachsen und des Verbandes der Berufsschullehrerinnen und –lehrer. Dem Titel nach geht es um die Weiterentwicklung der beruflichen Schulen. Gemeint ist aber eigentlich: Bislang Versäumtes dringend aufholen.

 

Eine Unterrichtsversorgung in den Berufsschulen, die seit Jahren nur 90 Prozent erreicht. Ein Nachholbedarf bei der Digitalisierung, sowohl bei der technischen Ausstattung als auch bei den Unterrichtskonzepten, der durch Corona noch deutlicher geworden ist. Beides wiegt schon schwer, aber die IHK Niedersachsen (IHKN) und der niedersächsische Verband der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen (VLWN) zählen in einem jetzt vorgelegten Papier noch ganze Reihe weiterer Punkte auf, an denen gearbeitet werden muss, damit die 132 Berufsschulen des Landes für die aktuellen und künftigen Herausforderungen gerüstet sind. Da hat sich einiges aufgestaut: „Viele Themen sind seit Jahren bekannt, werden aber nicht angefasst“, so der VLWN-Landesvorsitzende Joachim Maiß.

Gemeinsam mit mehr Nachdruck

Grund genug, zusammen mit IHKN-Hauptgeschäftsführerin Maike Bielfeldt zusammen an die Öffentlichkeit zu gehen, um den Anliegen der Berufsschulen und damit der beruflichen Bildung insgesamt mehr Nachdruck zu geben. Denn in letzter Konsequenz, das machte Maiß deutlich, geht es darum: Die akademische Bildung dürfe nicht länger als Königsweg und die berufliche Ausbildung dagegen allenfalls als zweiter Königsweg gesehen werden.

Berufsschulen mit Vorrang digitalisieren

Die Berufsschulen und ihre Möglichkeiten haben dabei eine Schlüsselstellung. Beispiel Digitalisierung: Maike Bielfeldt stellte diesen Punkt nach ganz oben und betonte die Notwendigkeit digitaler Bildungsangebote. „Auch berufliche Bildungsangebote müssen in Zukunft noch moderner, flexibler und digitaler werden“, heißt es im gemeinsamen Papier der IHKN und des Lehrendenverbandes mit Blick auf die im Schulsystem insgesamt während der Pandemie deutlich geworden Probleme. Und weiter: „Dass die Schulen über eine zeitgemäße IT-Ausstattung und Netzanbindung verfügen, wird hier als selbstverständlich vorausgesetzt.“ Ein etwas überraschender Satz, den man auch falsch lesen könnten, denn selbstverständlich ist die eine ausreichende IT-Infrastruktur an den niedersächsischen Berufsschulen zurzeit noch keineswegs. Joachim Maiß, der in Hannover die Multimedia-BBS leitet, forderte für die Schulen die Möglichkeit, IT-Administratoren einzustellen. Die Wirklichkeit beschrieb er dagegen so, dass heute Lehrkräfte „unter den Tischen liegen, um sich um die Kabel zu kümmern.“ Er wies auch darauf hin, dass die Anforderungen an die Informationstechnik in den Berufsschulen sogar noch etwas höher seien als in den allgemein bildenden Schulen, weil sie sich auf Augenhöhe mit den Unternehmen bewegen müssten. Umso mehr: Die Betreuung der IT-Infrastruktur dürfe keine Nebenaufgabe für Lehrerinnen und Lehrer sein, pflichtete IHKN-Hauptgeschäftsführerin Bielfeldt bei.

Defizit bei der Unterrichtsversorgung inakzeptabel

Wie sehr sich die Berufsschulen im Hintertreffen sehen, wird wohl besonders deutlich bei der Unterrichtsversorgung. Maike Bielfeldt nannte das Minus von zehn Prozent nicht akzeptabel, Joachim Maiß wies auf die deutlich höherer Quote bei den Gymnasien hin. In ihrem gemeinsamen Papier nennen IHKN und VLWN gleich eine ganze Reihe von Vorschlägen, um hier zu einer Entlastung zu kommen. Beispielsweise könnten Quer- und Seiteneinsteiger, Studenten oder auch aus dem Ruhestand reaktivierte Lehrkräfte helfen. Insbesondere sei mehr Flexibilität nötig: Als Schulleiter, so Joachim Maiß, könne er aktuell eine hoch qualifizierte Fachfrau nur deshalb nicht als Lehrerin einstellen, weil ein einziges formales Kriterium nicht erfüllt sei.

Empfehlung für ein Fortbildungsinstitut

Auch die Qualifizierung der Lehrkräfte in der beruflichen Bildung ist aus Sicht der Wirtschaft und des Lehrendenverbandes ein wesentliches Thema. IHKN-Chefin Maike Bielfeldt sprach ein eigenes Fortbildungsinstitut für diesen Bereich an, das im gemeinsamen Papier ausdrücklich empfohlen wird. Lehrerinnen und Lehrer müssten in die Lage versetzt werden, die neuen digitalen Möglichkeiten auch zu nutzen: Nicht nur, um Distanzunterricht – wie von Corona erzwungen – bestmöglich umzusetzen. Sondern auch, um neue Formen wie Blended Learning, virtuelle oder digital unterstützte Realität oder individualisierte Unterrichtskonzepte einsetzen zu können.

Azubi-Ticket für Gleichwertigkeit

Es ist ein großes Gebiet, das in der gemeinsamen Initiative abgesteckt wird. Gefordert wird unter anderem auch mehr Transparenz bei Schülerzahlen und Bildungsgängen, um in den Regionen passgenaue Angebote machen zu können. Auf die Unterrichtszeiten abgestimmte ÖPNV-Verbindungen können die Berufsschulen in der Fläche unterstützen. Und ein Azubi-Ticket wäre das „lang geforderte Bekenntnis des Landes zur Gleichwertigkeit zwischen dualer Ausbildung und Studium“, betonen Bielfeldt und Maiß – Stichwort Königsweg. Denn das ist aus Sicht der Wirtschaft die berufliche Bildung für die Sicherung des Fachkräftenachwuchses. Im Schulterschluss wollen IHKN und VLWN erklärtermaßen dafür sorgen, dass die Berufsschulen in Zukunft dazu beitragen können. Denn der Fachkräftemangel droht weiter, und zwar inbesondere in dual ausgebildeten Berufen. Umso wichtiger ist die Berufsorientierung. Hier gibt es auch Sicht des VWLN und der Industrie- und Handelskammern auch noch ungenutzte Möglichkeiten: In ihrem gemeinsamen Papier fordern beide, hier die Zusammenarbeit zwischen Berufsschulen und allgemein bildenden Schulen zu intensivieren.

Gemeinsames Papier von IHKN und VLNW