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Ideen für die Zukunft – Ottenstein: „Noch lange nicht fertig“

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Mit 77 Jahren ist noch lange nicht Schluss: Als Gemeindedirektor von Ottenstein hat sich Manfred Weiner in den vergangenen Jahrzehnten stets für die Zukunft seines Orts eingesetzt. Foto: Insa Hagemann

Als Gemeinde, die Grundstücke verschenkt hat es Ottenstein zu gewisser Bekanntheit gebracht. Der kleine Ort bei Bodenwerder im Landkreis Holzminden kämpft mit guten Ideen und großer Geschlossenheit für den Erhalt seiner Strukturen und für eine gute Zukunft.

Als der größte Arbeitgeber im Ort Abwanderungsgedanken hegte, schenkte ihm Manfred Weiner kurzerhand einen Wald, der an das Gelände des Frischkäseproduzenten angrenzte. Es war zumindest die Idee, von der er auch den Gemeinderat überzeugen konnte und die letztlich dazu beitrug, dass Petrella-Feinkost dem Ort erhalten blieb. Mit seinen rund 400 Beschäftigten ist es heute das mit Abstand größte Unternehmen in der Kommune, die gerade einmal 1200 Einwohner zählt. „Und wir haben hier noch alles: Arzt, Apotheke, Schlachter, Supermarkt, zwei Gaststätten“, zählt Weiner auf. Mit seinen 77 Jahren leitet er für eine kleine monatliche Aufwandsentschädigung die Gemeinde, die Teil der Samtgemeinde Bodenwerder-Polle im Landkreis Holzminden ist. Das Dorf auf der Ottensteiner Hochebene bringt nicht gerade die besten Standortbedingungen für die Wirtschaft mit sich, allein weil sich aller Verkehr über schmale Straßen auf die gut 300 Meter hohe Erhebung schlängeln muss. „Wir werden hier wahrscheinlich niemanden neu ansiedeln, deswegen müssen wir unsere Unternehmen hier halten“.

1000 Anfragen für verschenkte Grundstücke
Angefangen als Landwirt, hat Manfred Weiner viele Jahrzehnte die Raiffeisenbank im Dorf geleitet, die erst vor wenigen Wochen geschlossen wurde. Und das obwohl gerade die letzten Familien ihre Häuser fertigstellen, die auf den verschenkten Grundstücken entstehen, die Ottenstein vor gut zwei Jahren sogar weltweite Aufmerksamkeit bescherten. Ein Journalist hatte das Angebot so verstanden, dass die Gemeinde ihren Neubürgern sogar ein Begrüßungsgeld zahlen würde. Daraufhin meldeten sich rund 1000 Menschen aus aller Welt in der Verwaltung des Orts. Zum Zuge kamen letztlich junge Familien, deren Kinder die örtliche Grundschule besuchen werden, die einige Jahre zuvor noch kurz vor der Schließung stand. Und die Neubürger bescheren dem Dorf zudem zusätzliche Steuereinnahmen. Der Plan ist voll aufgegangen. „Wir prüfen gerade eine Erweiterung der KiTa-Plätze in unserem Kindergarten“.

Mitten im Ort, auf dem Gelände einer alten Schmiede entsteht gerade ein Seniorenquartier. Auch dieses Projekt und die Bewerbung um Fördermittel ist eng mit dem aktiven Gemeindedirektor verbunden. Foto: Insa Hagemann

Und der Ort sorgt auch für seine ältere Bevölkerung, die sich seit Jahren eine Einrichtung mit Pflege- und Betreuungsangeboten in ihrem Dorf gewünscht hat. Auf dem Gelände einer alten Schmiede hat die Gemeinde in diesen Tagen ein Seniorenquartier eröffnet. Neben einer Tagespflege gibt es dort ein Wohnhaus für altersgerechtes Wohnen und ein sogenanntes Multifunktionshaus, in dem therapeutische Angebote, ein Kiosk, ein Café und ein Pflegedienst eingezogen sind. Das am Ende knapp 5 Mio. Euro teure Bauvorhaben wurde mit mehreren hunderttausend Euro aus verschiedenen Förderprogrammen gefördert. „Die Steigerungen der Baukosten haben uns hier ganz schön zu schaffen gemacht“, gesteht der Gemeindedirektor.

Seit 45 Jahren engagiert für die Gemeinde
Manfred Weiner legt Wert darauf, dass er das alles nicht allein macht und die Vorhaben natürlich auch alle vom Gemeinderat abgesegnet werden müssen. Aber viele Ideen stammen von ihm. Seit mehr als 45 Jahren ist er ununterbrochen für die Gemeinde tätig. „Das Dorf und seine Struktur zu erhalten und ihm eine gute Zukunft zu sichern“, das treibt den Gemeindedirektor bis heute an. Dafür nimmt er es gern in Kauf, auch mal gefragt zu werden, ob er noch alle Tassen im Schrank habe, wenn er wieder mal eine neue Idee vorstellt. In den 1980er Jahren bewarb sich die Kommune erstmals erfolgreich für ein Dorferneuerungsprogramm. Alle vier Jahre reichte Weiner einen Folgeantrag ein, „weil wir noch nicht fertig waren“. Heute sei Ottenstein sicher die Gemeinde, die am längsten Teil des Programms gewesen ist. Bei den ersten Rundgängen im Rahmen des Wettbewerbs „Unser Dorf soll schöner werden“ hätten sich viele Menschen noch hinter ihren Vorhängen versteckt. Zuletzt seien dann fast 400 Bürger unterwegs gewesen. Vor Jahren habe eine Prognose eines bekannten Forschungsinstituts vorausgesagt, dass der Ort in einigen Jahren nur noch 600 Einwohner zählen würde. Darüber können sie heute in Ottenstein nur lachen. Man liege stabil bei rund 1200.

OTTENSTEIN
Einwohner: 1207
Fläche: 32,82 km2
Gewerbesteuer: 360

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Georg Thomas

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