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Einzelhandel, Gastronomie, Tourismus und die Veranstaltungswirtschaft sind aus wirtschaftlicher Sicht die größten Verlierer der Corona-Krise. Das Beispiel des Schuh- und Bekleidungsgeschäfts „Top Girl“ aus Hannover vergegenwärtigt, wo die Probleme liegen und was die Krise mit bislang intakten Firmen macht.

Für viele Unternehmerinnen und Unternehmer, die nun seit dem 17. Dezember ihre Geschäfte nicht mehr öffnen konnten, wird die Lage immer schwieriger. Es ist eine Mischung aus Ärger und Verzweiflung, die sich breit macht und die bei manchem auch das Verständnis für die Maßnahmen sinken lässt, wie Umfragen zuletzt belegten. Anfang März hatten viele aufgrund der bundesweit sinkenden Inzidenzen mit der Wiedereröffnung der Geschäfte gerechnet: „Die Stadt war in diesen Tagen voll. Immer wieder klopften Leute an die Tür und fragten, warum wir nicht öffnen“, berichtet Przemyslaw Majski. Der Inhaber
des Schuh- und Bekleidungsgeschäfts „Top Girl“ konnte selbst kaum verstehen, wie sich die Lage der Dinge entwickelte. Die Nachricht, dass es in der Region Hannover ab dem 8. März doch kein Shoppen nach Terminbuchung gibt, hatte viele Menschen offensichtlich nicht erreicht.

Angesichts der komplexen Verordnungen und drei verschiedener Inzidenzwerte, die das Niedersächsische Landesgesundheitsamt, das RKI und die Region Hannover täglich verkünden, fiel es tatsächlich vielen schwer, den Überblick zu behalten. Der hannoversche Einzelhändler hatte zusammen mit seiner Frau Kamila auf jeden Fall alles für die erwartete Wiederöffnung ihres Geschäfts vorbereitet. „Wir hatten sogar Werbung in den sozialen Medien geschaltet, um möglichst viele Kunden anzusprechen“. Viele standen dennoch vor ihrem Geschäft in der Niki-de-Saint-Phalle-Promenade in der City, das auch für Einzeltermine nicht öffnen durfte.


Aktuell nur click & collect möglich: Das Ladengeschäft in der Niki-de-Saint-Phalle-Promenade in Hannover. Foto: Insa Hagemann-

Inzwischen hat sich die Verärgerung bei dem 41-Jährigen wieder gelegt. Aber er versteht einfach nicht, wieso er in seinem gut 100 Quadratmeter großen Geschäft keine Kunden empfangen darf. Er fühlt sich ungerecht behandelt, wenn er an die großen Supermärkte denkt, die auch jetzt Schuhe und Kleidung verkaufen dürfen. „Man nimmt mir das Recht, meinem Geschäft nachzugehen“, sagt er. Mit dem Lockdown kurz vor Weihnachten seien sie bereits um die mit Abstand umsatzstärkste Zeit des Jahres gebracht worden.
In guten Jahren habe er mit den beiden Modegeschäften – der zweite ist in Wunstorf – genug Gewinn erwirtschaftet, um davon leben zu können. Vor sechs Jahren hatte der gebürtige Pole zusammen mit seiner Frau das Geschäft von seinen Schwiegereltern übernommen. Sie beschäftigen drei Teilzeitkräfte, haben eine Auszubildende und Aushilfen – normalerweise. Früher seien die Umsätze besser gewesen, aber auch zuletzt reichte es für das Paar und ihre zwei Kinder.

Die Corona-Krise hat ihr Leben auf den Kopf gestellt. Die beiden verstehen es, die richtigen Kleidungsstücke aus Kollektionen auszuwählen und zu verkaufen. Auch die Situation, Ware für mehrere tausend Euro im Geschäft liegen zu haben und nicht öffnen zu können, haben sie bislang durchgestanden. Allerdings hat es sie persönlich viel Geld gekostet: „Wir haben keine Reserven mehr“, sagt Majski.

Die gesamten Ersparnisse sind weg. Ein Aktienpaket, ihr Bausparvertrag und die Eigentumswohnung, die eigentlich die Altersvorsorge sein sollte, verkauft. Zwar haben auch sie Hilfen beantragt und bekommen – „aber das reicht nicht. Wenn wir 90 Prozent der Fixkosten erhalten, woher nehme ich dann die zehn Prozent“, fragt der Einzelhändler. Auch die Miete für die Läden müsse er ja bezahlen, selbst wenn sie aktuell gestundet werde. Die Lage erschien aussichtslos. Deswegen war Aufgeben sogar eine Option. Sogar einen Job als Paketzusteller hatte er sich bereits gesucht. „Aber sobald ich das Gewerbe abgemeldet hätte, hätte ich den Überbrückungskredit von der Nbank für den Laden sofort zurückzahlen müssen.“ So bleibt ihnen nur die Hoffnung, dass sie irgendwann doch wieder ihre Geschäfte öffnen dürfen. Und es bleibt das bisschen, das ihr Onlineshop einbringt, den sie schon im ersten Lockdown gestartet und nun wieder aktiviert haben. Von der Technik bis zu den Fotos haben sie alles selbst gemacht. Aktuell kämen sie so vielleicht auf fünf Prozent ihrer üblichen Umsätze. Aber sie wollen das weiter ausbauen. Was ihn aber massiv bei dem Thema störe, sagt Majski, sei immer wieder zu hören, er hätte doch schon früher auf einen Onlineshop setzen sollen. „Entweder mache ich Innenstadthandel oder Versandhandel“. Zum Pakete packen und als Lager sei die Miete für gute Geschäftsräume in der City auf Dauer einfach zu hoch.

Top Girl – Internetseite und Onlineshop

Corona geht an die Reserven. Und manche Folgen machen sich möglicherweise erst später bemerkbar. Stichwort Altersvorsorge: Bereits im letzten Sommer Jahr gab es Meldungen, dass insbesondere Gewerbetreibende sich in der aktuelle Krise auch von ihren Lebensversicherungen trennen. Immerhin: Bei der hannoverschen VGH lag die Stornoquote zuletzt auf dem niedrigen Niveau der Vorjahre, wie Sprecher Christian Worms auf Nachfrage berichtete. Auch die HDI Lebensversicherung registrierte keine vermehrten Kündigungen. Wie sehen Sie als Unternehmerin oder Unternehmer Ihre Perspektive? Sie erreichen die NW-Redaktion unter nw@hannover.ihk.de