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Götting: Die Problemlöser

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Die Götting KG baut für ihre Kunden Lkw, Schlepper und Radlader zu fahrerlosen Transportfahrzeugen um. Mithilfe der verbauten Sensoren können sich die Fahrzeuge autonom bewegen. Foto: Insa Hagemann

Die Götting KG aus Lehrte hat sich darauf spezialisiert, LKW, Gabelstapler und Radlader mithilfe von Sensoren und Laserscannern zu vollautomatisierten Fahrzeugen umzubauen. Die rund 90 Beschäftigten des Unternehmens bringen ihre Expertise regelmäßig in Forschungsprojekte ein, an denen andere scheitern.

Gefahr ist gut für das Geschäft. Denn überall, wo es für den Menschen gefährlich wird, können die vollautomatischen Fahrzeuge der Götting KG ihre Stärken ausspielen. So bringt das Unternehmen aus Lehrte aktuell ein Wissen in ein bundesweites Forschungsprojekt ein, das seriennahe Arbeitsfahrzeuge entwickelt, die ihre Arbeit praktisch allein oder ferngesteuert verrichten. So ist es gut möglich, dass bald Radlader und andere Fahrzeuge mit Sensoren und Steuerungstechnik von Götting beim Rückbau der Atomkraftwerke in Deutschland zum Einsatz kommen.

Die aus der Ferne zu steuernden Radlader mit Technik von Götting kommen zum Einsatz, wenn die
Fahrerin oder der Fahrer ansonsten einer Gefahr ausgesetzt würde. Foto: Götting KG.

Götting stattete Wartungsfahrzeuge für Eurotunnel aus
Seit dem Jahr 2000 bestimmt die Automatisierung von Seriennutzfahrzeugen wie LKW, Gabelstaplern, Radladern oder auch Traktoren zunehmend das Geschäft des Unternehmens, das die europäische Marktführerschaft im Bereich fahrerloser Transportsysteme im Außenbereich für sich in Anspruch nimmt. Erste Erfahrungen in dieser Nische hatte Götting bereits 1994 bei der Ausstattung von Wartungsfahrzeugen für den Eurotunnel gesammelt. Den Auftrag für den Bau der Fahrzeuge hatte ein großer deutscher Automobilkonzern gewonnen – und als es hakte, kamen die Lehrter ins Spiel. „Mithilfe unserer Leitdrahtführung konnten wir sicherstellen, dass sich zwei Fahrzeuge in der schmalen Wartungsröhre mit hundert Stundenkilometern und mit nur zehn Zentimetern Abstand begegnen konnten“, erinnert sich Geschäftsführer Hans-Heinrich Götting. Sein Mitarbeiter sei damals bestimmt drei Mal den 50 Kilometer langen Tunnel abgelaufen, um sicherzustellen, dass alles funktionierte. 1999 präsentierte Götting den ersten vollautomatisierten LKW, der sich bis zu 30 Stundenkilometer schnell bewegen und rückwärts mit Sattelanhänger einparken konnte. Und auch in den Folgejahren sorgten die rund 35 Ingenieure des Unternehmens mit ihren weiteren Entwicklungen immer wieder für Aufsehen. So stattete Götting unter anderem Radlader, die in Bergwerken Kalisalz abtransportieren so aus, dass sie ferngesteuert unter Tage bewegt werden konnten und entwickelte Fahrzeuge, mit denen die Tragflächen des Airbus A380 transportiert werden konnten – dank induktiver Spurführung auf festen Routen.

Marktführer bei fahrerlosen Transportsystemen
Seit 1965 gibt es das Unternehmen, das mit dem Bau von Amateurfunkgeräten startete und seine Funktechnik später auch in Baustellenampeln und in Fernbedienungen von Diaprojektoren einbaute. Hans-Heinrich Götting, der 1979 in das Unternehmen einstieg, verabschiedete sich aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nach und nach vom Geschäft mit Produkten für den Endverbraucher. Götting engagierte sich dafür zunehmend in Forschungsprojekten, bei denen man mit Universitäten und den verschiedenen Fraunhofer-Instituten zusammenarbeitete. „Wir möchten gern die Ersten sein“, sagt der Geschäftsführer, der aktuell von neun Projekten berichtet, bei denen die Lehrter ihr Knowhow einbringen. Vor gut einem Jahr war es die Götting KG, die das erste 5G-Campusnetz in Niedersachsen in Betrieb nahm, um darüber seine fahrerlosen Transportsysteme zu steuern. Im vergangenen Jahr besuchte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil das Unternehmen, das mit seiner Forschungsarbeit auch den Bereich Künstliche Intelligenz im Blick hat. So entwickelt Götting zusammen mit der hannoverschen Leibniz-Universität autonom navigierende Kleinstfahrzeuge, die heute in vielen Logistikzentren zum Einsatz kommen. Im Bereich der Automatisierung von sogenannten Flurförderzeugen für den Außenbereich zähle man zur Spitze im europäischen Markt, aber man spüre inzwischen auch einen enormen Wettbewerb vor allem aus Asien.

Hans-Heinrich Götting denkt mit 67
Jahren noch nicht ans Aufhören. Foto: Insa Hagemann

Zum Einsatz kommen die automatisierten Fahrzeuge von Götting fast ausschließlich auf Werksgeländen. Insbesondere dort, wo immer wieder die gleichen Strecken zurückgelegt werden müssen, um Güter oder Bauteile von A nach B zu transportieren. Für einen Automobilzulieferer baute Götting im Jahr 2008 einen autonom fahrenden Elektroschlepper. Es war damals das erste fahrerlose Transportfahrzeug in Europa, das auch im öffentlichen Verkehrsraum unterwegs war – und das ohne größere Probleme. „Der Schlepper hätte noch lange fahren können, aber die Firma hat vergangenen Sommer ein neues Werksgelände bezogen, sodass der Weg wegfällt“, erklärt Götting. Der Schlepper war fast 35.000 Stunden im Einsatz und hatte dabei 170.000 Kilometer Strecke zurückgelegt, gesteuert von Technik aus Lehrte. In den kommenden Jahren will Götting verstärkt die Automatisierung von LKW ausbauen. Über die Kooperation mit Fahrzeugherstellern erhalte man nun die Möglichkeit, die Fahrzeuge direkt anzusteuern. „Das erleichtert uns die Arbeit enorm, sodass wir pro Jahr deutlich mehr Fahrzeuge automatisieren können“, sagt Götting. Um das Wachstum zu stemmen, möchte der 67-Jährige in der nächsten Zeit auch einige Mitarbeiter neu einstellen.

Götting KG