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Seit gut drei Monaten sind Restaurants und Hotels zu, viele Einzelhandelsgeschäfte seit mehr als fünf Wochen zum Schließen, Liefern oder Abholen verdammt. Was bedeutet das für die jungen Menschen, die in diesen Corona-Zeiten eine Berufsausbildung absolvieren? Ein Streifzug durch die Region.

Einen Lockdown ohne Auswirkungen auf die Ausbildungssituation gibt es nicht. Die Situation ist wie so vieles in dieser Pandemie herausfordernd für die ausbildenden Unternehmen. Vielfach gibt es weniger zu tun, Ansprechpartner fehlen, weil gerade dort, wo alles zum Stillstand kommt, meist alle Beschäftigten außer den Azubis in Kurzarbeit sind. Bislang nur in Ausnahmefällen gibt es wirtschaftliche Probleme. Wo es besser läuft, sehen Unternehmen den Lockdown auch als Chance und versuchen, die gewonnene Zeit mit ihrem Fachkräftenachwuchs zu nutzen. „Wir haben hier wirklich inen enorme Spannbreite wie in den Betrieben mit der Lage umgegangen wird“, sagt Professor Dr. Günter Hirth, Leiter der Abteilung Berufsbildung der IHK Hannover. Auch wenn das Arbeiten am Gast in den Ausbildungsberufen der Hotellerie und Gastronomie selbstverständlich derzeit fehle, mache er sich aktuell noch keine Sorge um die Ausbildungsqualität. „Es ist belastend, so zu arbeiten, aber noch nicht katastrophal.“ Was Hoffnung macht: Der erste Lockdown im Frühjahr 2020 habe sich auf jeden Fall nicht signifikant auf die Leistungen der Jugendlichen in Abschlussprüfungen im Sommer ausgewirkt, sagt Hirth.

„Ich habe jetzt natürlich viel mehr Kontakt zu unseren Auszubildenden als sonst“, sagt Michael Schüttert. Aktuell ist der Chef mit seinen zwei Azubis, einer angehenden Buchhändlerin und einer baldigen Kauffrau im Einzelhandel jeden Tag allein im Laden. Denn die anderen 28 Beschäftigten der Schüttert Buchhandlung-Bürobedarf GmbH aus Syke sind seit Anfang Januar wieder in Kurzarbeit. Neben dem Stammhaus in Syke betreibt Schüttert auch Geschäfte in Diepholz und Weyhe. Im ersten Lockdown hatte der Buchhändler sogar einen Lieferservice ins Leben gerufen, aktuell bietet er die Möglichkeit, bestellte Bücher in einem der Läden abzuholen. Bereits seit dem Jahr 2000 betreibt er zudem über Libri einen eigenen Onlineshop, der im letzten Jahr seine Umsätze deutlich steigern konnte. „Viele Kunden haben bewusst dort gekauft und sind uns treu geblieben, auch nach dem ersten Lockdown.“

Keine Langeweile
Im Moment unterstützen seine Azubis bei der Bestellannahme per Mail, am Telefon oder auch bei WhatsApp und übergeben die Ware. Der 56-jährige Inhaber versucht der besonderen Situation etwas Positives abzugewinnen, zum Beispiel um Ausbildungsinhalte zu vertiefen, für die sonst nur wenig Zeit bleibt. „Wenn es nicht gerade etwas im Laden zu tun gibt, machen wir bis zum Umfallen Warenkunde“, berichtet Schüttert, der es bedauert, dass die Wissensvermittlung über die verschiedenen Produkte heute in den Berufsschulen nicht mehr auf den Lehrplänen steht. Seine angehende Buchhändlerin besucht normalerweise die Berufsschule in Osnabrück, allerdings gibt es schon seit längerem Onlineunterricht, was laut Schüttert sehr gut klappt, auch weil die Schule technisch sehr gut ausgestattet sei. An der Berufsschule in Syke sei es ähnlich, aber dort habe es seines Wissens zunächst etwas bei der Umsetzung gehakt. Seit Mitte Dezember sind alle Berufsschulen in Niedersachsen zum Distanzlernen verpflichtet. Nur für die Abschlussjahrgänge können die Berufsschulen Präsenzunterricht anbieten.

Neben der Zentrale in Syke betreibt Schüttert auch Buchgeschäfte in Weyhe und Diepholz. Foto: Schüttert.

Azubis fehlt der Austausch
Gerade für die Auszubildenden, die sich in den letzten Wochen auf die Abschlussprüfungen vorbereitet haben, war das keine leichte Situation. „Mein Sohn war am Ende ziemlich genervt davon, alles per WhatsApp abzustimmen und nicht direkt fragen zu können“, sagt etwa Roy Stache, der Chef des italienischen Restaurants Roy’s aus Hannover. „Es ist natürlich etwas anderes, wenn man als Klasse zusammen mit der Lehrerin in der Küche steht, als zu Hause allein“. Im Prinzip hat der Gastronom extra für den Abschluss von Jonas-Max sein Restaurant im Januar geöffnet. „So konnten wir gemeinsam sein Abschlussgericht kochen und üben.“ Das Roy’s bot in dieser Zeit auch einige Speisen zum Abholen an. Auch Roy Stache wollte mal wieder ein bisschen was machen. „Mir wurde langsam langweilig.“ Lohnen würde sich das Abholgeschäft für ihn aber nicht. Er habe viele Fisch- und Fleischgerichte im Angebot, die sich nicht für Take away eigneten.

Lockdown zum Lernen
Auch im Restaurant & Hotel Schulz Classic in Neustadt-Mariensee
spielen die Auszubildenden derzeit eine wichtige Rolle. Während des Lockdowns kümmern sich Iwona und Frank Thielking noch intensiver um ihre zehn Auszubildenden, mit denen sie das auch als „Hochzeitsmeisterei“ beworbene Hotel und Restaurant bewirtschaften. Sie bilden in den verschiedenen Hotel- und Gastronomieberufen aus, vom Hotelfachmann bis zum Koch. „Unsere Azubis kochen jeden Tag ein anderes Menü. Sie planen die Gerichte, kaufen selbst alle Zutaten ein und machen auch Videos von der Zubereitung“, sagt Frank Thielking. Manche nutzten die Zeit auch um ein Praktika in einer Weinhandlung
zu absolvieren. Bereits Anfang November haben sie sich dazu entschieden, ihre Auszubildenden in dieser Zeit besonders zu fördern. „Wenn das Geschäft irgendwann wieder losgeht, haben
wir topausgebildete Leute“. Die Inhaber fürchten, dass sich viele ihrer früheren Aushilfen und 450-Euro-Kräfte inzwischen andere Jobs außerhalb der Gastronomie gesucht haben. Die Familie hat das Schulz Classic in den vergangenen Jahren zu einer beliebten Hochzeitsadresse in der Region Hannover gemacht. Obwohl ein Großteil der Hochzeiten im vergangenen Jahr nicht stattfand und verschoben werden musste, überwiegt bei dem Paar die Zuversicht – auch da sie in der Vergangenheit nachhaltig gewirtschaftet haben. Für dieses Jahr haben sie bereits 80 Hochzeitsfeiern im Kalender stehen, bei denen sie den Paaren vielfach ein Komplettpaket bieten. Insgesamt rechnen sie mit gut 180 Familienfeiern, plus A-la-carte-Geschäft. Allein durch Hochzeiten und Familienfeiern erwirtschafteten sie einen Umsatz im siebenstelligen Bereich. „Dafür brauchen wir alle unsere Mitarbeiter und die Auszubildenden“, sagt er – auch, um weiter erfolgreich wachsen zu können und in Zukunft sichere Arbeitsplätze zu schaffen.

Genug zu tun – auch im Lockdown
Seit dem 16. Dezember ist auch der Einzelhandel wieder im Lockdown. Glücklich können sich jene schätzen, die bereits vor Corona ein etabliertes System zur Abholung von Waren hatten, wie der französische Sportartikelhändler Decathlon, der einen Markt in Laatzen bei Hannover betreibt. „Das System sorgt auf jeden Fall dafür, dass bei den Auszubildenden keine Langeweile aufkommt. Wir haben in unseren Läden auf der Fläche eigentlich immer genug zu tun“, sagt Daniela Meister, Ausbildungsleiterin des Decathlon-Standorts. Zum Beispiel Waren sortieren, Bereiche umbauen, Preise ändern, die Dekoration umstellen. Die Azubis
sichten die Bestellungen, packen die Ware und übergeben sie im Drive-In-Verfahren an die Kunden vor der Tür. Zudem standen im Januar die Jahresgespräche an, die dieses Jahr per Video geführt wurden. „Das etwas mehr an Ruhe konnten unsere Azubis gut zur Vorbereitung verwenden.“ Für den Fall, dass es doch einmal zu wenige Aufgaben für die jungen Leute gebe, wäre die Ausbilderin übrigens gerüstet. „Dann organisieren wir kleine Workshops.“ Die Azubis seien froh, dass sie etwas zu tun hätten. Der Großteil der 55 Beschäftigten allein in Laatzen – Vollzeitkräfte und Aushilfen – sei nämlich in Kurzarbeit.

Mobiles Arbeiten für Risikogruppe
Auch die Auszubildenden des Northeimer Verpackungsspezialisten
Thimm können ihre Ausbildung im Betrieb fortführen. „Anders als beispielsweise der stationäre Einzelhandel ist Thimm als Industrieunternehmen nicht von einer Lockdown-Schließung betroffen. Natürlich hat sich der Arbeitsalltag für die Auszubildenden durch Corona-Präventionsmaßnahmen auch verändert. Aber wir ermöglichen weitestgehend einen normalen Ausbildungsablauf“, berichtet Ausbildungsleiterin Doris Roddewig.
Außerdem organisiert das Unternehmen seit März 2020 für zwei Auszubildende, die zur Risikogruppe gehören, mobiles Arbeiten. „Es wäre anders natürlich schöner, aber die Wissensvermittlung funktioniert auch digital und die beiden durchlaufen trotzdem die verschiedenen Abteilungen“, erklärt die Ausbilderin. Ausgefallen seien jedoch gemeinsame Events wie eine Azubifahrt oder ein Teamtag. Homeoffice und Kurzarbeit theoretisch möglich Unternehmen können nur im Ausnahmefall, erst wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, für ihre Auszubildenden
Kurzarbeit beantragen. Weitere Informationen hierzu finden sich im A bis Z der Ausbildung auf der IHK-Internetseite.