Start Themen Im Fokus Anlass zu Optimismus – aber Lockdown drückt die Stimmung

Anlass zu Optimismus – aber Lockdown drückt die Stimmung

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Glaskugel? Die durchaus optmistische Sicht der Nord/LB-Volkswirte stützt sich auf positive Rahmenbegingungen. Aber natürlich ist der Blick auf 2021 nicht ungetrübt.
Wenn es mit dem Impfen klappt, ist der Rahmen für eine Aufholjagd der Wirtschaft da: So sehen es die Volkswirte der Nord/LB in ihrer aktuellen Prognose. Die nahezu gleichzeitig vorgelegten Umfrageergebnisse von NiedersachsenMetall zeigen aber einen Stimmungsrückschlag über den Jahreswechsel durch den zweiten Lockdown.

 

Aus Sicht der Nord/LB wird Niedersachsens Wirtschaft in diesem Jahr um 3,3 Prozent zulegen. Damit fiele das BIP-Wachstum im Land etwas geringer aus als im Bundesdurchschnitt, den die Volkswirte der Bank bei 3,5 Prozent sehen. Die nach und nach erwartete Erholung wird sich danach auch 2022 mit einem erwarteten Zuwachs des deutschen Bruttoinlandsprodukts um gut 4 Prozent fortsetzen.

Mit ihrer Prognose zu Jahresbeginn sendet die Nord/LB grundsätzlich optimistische Signale. Die deutsche Wirtschaft sei im europäischen Vergleich 2020 besser durch die Krise gekommen als die meisten der anderen großen Volkswirtschaften. Erst tags zuvor hatte das Statistische Bundesamt einen Rückgang des deutschen Bruttoinlandsprodukts um fünf Prozent gemeldet, während in Italien und Frankreich der Wirtschaftseinbruch auf über neun Prozent und in Spanien sogar auf mehr als zwölf Prozent geschätzt wurde. Neben guten Voraussetzungen – leistungsfähiges Gesundheitssystem, bessere Ausgangslage bei den öffentlichen Finanzen, stärkere Rolle der Industrie statt beispielsweise Tourismus – sei auch Glück dabei gewesen, weil die Pandemie zunächst insbesondere Italien getroffen habe und Deutschland sich dadurch vorbereiten konnte. Auch seien die coronabedingten Einschränkungen in Deutschland vergleichsweise weniger streng und kürzer gewesen – bislang.

Nord/LB-Vorstand Christoph Dieng verwies neben den im europäischen Vergleich weniger drastischen Auswirkungen für die Wirtschaft auf weltweite Entwicklungen und Prognosen. Das Wachstum des globalen BIP sieht er 2021 bei 5,5 Prozent, der Welthandel werde um 8,5 Prozent zulegen. Für Europa könnten sich die USA wieder zu einem verlässlicheren Partner entwickeln. Dagegen werde die Konkurrenz zwischen den Vereinigten Staaten und China unvermindert fortbestehen. Für die US-Wirtschaft sieht Dieng in diesem Jahr ein Plus von 3,5 Prozent, und die Chinesen sind sowieso schon wieder auf dem Wachstumspfad. Die Einigung beim Brexit sei ein weiteres positives Signal. Außerdem werde werde es bei einer expansiven Geldpolitik bleiben. Alles zusammen hat an den Aktienmärkten aus Diengs sich für „fast schon zuviel“ Euphorie gesorgt.

Corona schwebt als Damoklesschwert aber weiterhin über allem. Die Aufholjagd der kommenden Monate ist davon abhängig, dass das Virus keinen Strich durch die Rechnung macht. Aus Sicht von Chefvolkswirt Christian Lips heißt das zunächst, dass die Impfkampagne planmäßig weiterläuft – insbesondere ohne Rückschläge durch Mutationen oder fehlende Impfbereitschaft in der Bevölkerung.

Lips sieht durch die aktuellen Maßnahmen im vierten Quartal eher eine Pause in der wirtschaftlichen Erholung nach einer rasanten Erholung im Sommer. Für die zweite Welle der Pandemie – vergleichbar mit dem Verlauf der Spanischen Grippe vor rund 100 Jahren – seien die Unternehmen besser vorbereitet gewesen. Insbesondere hätten diesmal, anders als im Frühjahr, die Lieferketten weitgehend gehalten.

Gerade bei der Industrie zeigen die zeitgleich mit der Nord/LB-Prognose veröffentlichten Umfrageergebnisse von NiedersachsenMetall allerdings ein eingetrübtes Bild. In wenigen Wochen hat sich von Dezember auf Anfang Januar die Einschätzung in der niedersächsischen Industrie angesichts neuer Einschränkungen und Unsicherheiten zusehends verschlechtert. Hauptgeschäftsführer Dr. Volker Schmidt: “Nach dem Katastrophenjahr 2020 sind die positiven Erwartungen für Produktion und Umsatz über Weihnachten und den Jahreswechsel deutlich eingebrochen. Der für 2021 erhoffte Aufholprozess beginnt von Woche zu Woche wackeliger zu werden.“ Schmidt wies darauf hin, dass sich die niedersächsische Industrie ohnehin bereits seit rund zwei Jahren in einem „rezessiven Umfeld“ bewege. Er betonte einmal mehr, dass sich die für das Land so wichtige Automobilindustrie unabhängig von der Pandemie in einem grundlegenden Strukturwandel sei.

Drei Viertel der Unternehmen in der niedersächsischen Metall- und Elektroindustrie verzeichneten im vergangenen Jahr nach Schmidts Worten Produktionsrückgänge von 20 Prozent. Die Umsatzeinbußen fielen noch stärker aus, wobei die Automobilindustrie mit ihren vielen mittelständisch geprägten Zulieferern besonders heftig getroffen wurde. Mit den schärferen Corona-Maßnahmen verflog teilweise der Dezember-Optimismus. Gingen die Unternehmen für 2021 durchschnittlich von einem zehnprozentigen Produktionsplus aus, liegt dieser Wert aktuell bei sechs Prozent. Zur Beurteilung der Lage zog Schmidt vor allem die Investitionen heran. Die seien in der aktuellen Situation nicht nur vermehrt auf Eis gelegt: Ganz überwiegend würden ohnehin nur Rationalisierungs- und damit Ersatzinvestitionen geplant, keine zur Erweiterung: „Arbeitsplätze schafft das nicht.“ Besonders ausgeprägt sei das wiederum in der Automobilindustrie. Schmidt warnte vor diesem Hintergrund vor Alarmismus in der Corona-Debatte. Die entziehe jeder wirtschaftlichen Planung die Grundlage.

Gerade mit Blick auf die starke niedersächsische Industrie zeigte sich Dr. Eberhard Brezski, der bei der Nord/LB die regionale Wirtschaft beobachtet, für das Gesamtjahr optimistisch. Allerdings sieht er den wirtschaftlichen Einbruch im Land mit minus 5,4 Prozent etwas stärker als im Bundesdurchschnitt, die Erholung mit 3,3 Prozent dagegen leicht schwächer.