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Robotik in Hannover: Eine Region will nach oben

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Vorstellung von Regionsprojekten: Ulf-Birger Franz, Tobias Ortmaier, Jens Kotlarski.
Sie boten einen Einblick in die hannoversche Robotik-Szene: Regionsdezernet Ulf-Birger Franz, Professor Tobias Ortmaier und Entwickler Dr. Jens Kotlarski (v.l.).
Robotik fördern: Von Kindesbeinen an bis in die Hochschulen, in der Ausbildung und natürlich bei Unternehmen. Das hat sich die Region Hannover auf die Fahne geschrieben. Hehres Ziel: Ein Top-Standort werden, sogar europaweit.
 

Vielfache Verflechtung scheint irgendwie bezeichnend für die Vorzüge des Robotik-Standorts Hannover. Man muss das schon etwas aufdröseln. Ein Ausgangspunkt könnte zum Beispiel die 2012 in Hannover gegründete forwardttc GmbH sein. Die ist seit ein paar Wochen Teil der Avateramedical-Gruppe, die in Jena zu Hause ist. Forwardttc firmiert jetzt unter dem etwas lang geratenen Namen Avateramedical Digital Solutions GmbH. Dahinter stehen aber weiterhin am Standort Hannover rund 15 Beschäftigte und die Gründer Tobias Ortmaier, Matthias Dagen und Jens Kotlarski. Die drei wiederum kommen von der hannoverschen Leibniz-Universität, Ortmaier leitet dort nach wie vor das Institut für Mechatronische Systeme. Forwardttc war also ein Hochschul-Spinoff, das als Problemlöser und Entwickler zum Beispiel für Robotik-Unternehmen auftrat.

Yuanda: Cobot aus Hannover

Auf dieser Basis gründeten Ortmaier, Dagen und Kotlarski aber 2017 auch die yuanda robotics GmbH. „Braucht die Welt noch einen weiteren Roboter?“ Diese Frage hätten sich die drei damals gestellt, erzählt Kotlarski. Die Antwort: ja. Also entwickelt das Unternehmen in Hannover einen Cobot – einen dieser vielfältig einsetzbaren, lernfähigen, leicht zu programmierenden Roboterarme. Premiere feierte Yuanda auf der Hannover Messe 2018. Genau in dem Jahr, als Sami Haddadin nach München abwanderte: Der Robotik-Experte war, noch als Professor an der hannoverschen Leibniz-Uni, kurz zuvor mit seinem Franka-Emika-Cobot groß rausgekommen.

Viele Einsatzmöglichkeiten – niedriger Preis

Auch Yuanda hat das Ziel, Cobots in der Breite einsetzbar und erschwinglich zu machen: viele Einsatzmöglichkeiten, möglichst niedriger Preis. Gebaut wird der grün-graue Roboterarm in China – dort eine Produktion aufzubauen, ging einfach schneller, so Geschäftsführer Kotlarski. Rund 100 wurden bisher produziert, für eine Jahresproduktion von 1000 ist das Werk ausgelegt. Die kann auf 5000 erweitert werden, und 2025 will Yuanda auf eine Stückzahl von 40.000 kommen. Diese Erwartung spiegelt schlicht den weltweiten Trend zur Automatisierung wider. Yuanda Robotics beschäftigt heute in Hannover rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und bleibt selbstständig.

Forwardttc, die Yuanda-Keimzelle, ist jetzt jedoch die 100-Prozent-Tochter des Medizinrobotik-Spezialisten avateramedical  GmbH. Ein ebenfalls noch junges Unternehmen, 2011 vom Medizin-Professor Jens-Uwe Stolzenburg und vom ehemaligen Continental-Vorstandsvorsitzenden Hubertus von Grünberg gegründet. Geld kam auch von vielfach engagierten Investor Lars Windhorst, der vermutlich aber nie sein Etikett als westfälischer Jungunternehmer-Star der 90er Jahr loswerden wird.

Operationsroboter weiterentwickeln

In Hannover soll die neue Tochtergesellschaft von Avateramedical künftig genau das machen, was sie bisher schon tat: Robotik-Software weiterentwickeln. Jetzt allerdings konzentriert auf den medizinischen Bereich. Die Jenaer bauen das erste in Deutschland entwickelte System für roboterassistierte, hochpräzise und minimalinvasive Chirurgie. Das Ziel ist auch hier, ähnlich wie bei den Cobots, die Operationsroboter zu verbessern und damit weniger exklusiv zu machen: „Raus aus den Uni-Kliniken.“ Hin zu einem breiten Einsatz in Krankenhäusern. Bis es soweit ist, dürfte in Hannover unter anderem die Medizinische Hochschule ein dankbarer Sparringspartner bei der Weiterentwicklung der OP-Automaten sein.

Vernetzung auf allen Ebenen

Spätestens jetzt kommt die Vernetzung in der Region ins Spiel. Das gilt nicht nur für den medizinischen Bereich, sondern für die Robotik allgemein. Ulf-Birger Franz, Wirtschaftsdezernent der Region Hannover, weist vor allem auf die Nachwuchsförderung hin: das Roberta-RegioZentrum, das sich an Schülerinnen und Schüler ab Klasse 4 richtet. Die Roboterfabrik mit einem durchgängigen Ausbildungsangebot, das bis ins Studium an der Leibniz-Uni reichen kann. Die BBS Neustadt, als Berufsschule seit Jahren stark beim Thema Robotik. Seit Ende 2019 läuft das Stiftungsprojekt Robonatives Initiative der Robokind Stiftung. Ganz abgesehen davon gibt es auf dem Messegelände dann auch die Robotation Academy, die sich mit einem eigenen Netzwerk an Unternehmen richtet. Eigentlich müsste man auch diese verschiedenen Ausbildungseinrichtungen mit ihren unterschiedlichen Programmen, allerdings ähnlich klingenden Namen aufdröseln – aber das ist ein anderes Thema.

Möglichst früh für das Thema Robotik begeistern

Professor Tobias Ortmaier sieht aber den frühen Kontakt von Kindern und Jugendlichen, der dann durchgängig bis in die Berufsausbildung oder ins Studium weitergeführt werden kann, als Vorteil des Standorts Hannover. Je früher, desto besser, sagt Ortmaier. Und sieht das als Chance, gerade auch Mädchen für Robotik zu begeistern, bevor sich noch irgendeine Art von Rollenverhalten entwickelt.

Zahlt sich dieses Engagement für Robotik – „vom Schülerprojekt bis zum Startup“, so Ulf-Birger Franz – bereits aus? Immerhin: Vier von fünf Mitarbeitern bei Yuanda Robotics kommen von der Uni Hannover, sagt Geschäftsführer Jens Kotlarski.

„Wir möchten die Region Hannover zu einem der Top-Standorte für Robotik in Europa machen.“ Wirtschaftsdezernent Franz greift bei den Zielen ganz nach oben im Regal. Als Stütze sieht er das bislang aufgebaute Netzwerk und will Projekte auch weiterhin fördern. Seit 2016 flossen insgesamt rund 2,3 Mio. Euro aus dem Regionsetat in die Förderung von Robotik-Projekten.

Förderung sorgt für Schwung

Auch Forwardttc profitierte davon. Das habe dem neuen Unternehmen damals erst richtig Schwung gegeben, sagt Mitgründer Kotlarski heute. Auch jetzt, als Teil der Avateramedical-Gruppe, bleibt das Know-how am Standort Hannover, der auch noch wachsen soll: Medizin-Robotik gilt als zukunftsträchtiger Markt. Die Hannoveraner fühlen sich offenbar wohl in der neuen Verbindung. Als erstes sei man durchaus stolz gewesen, als die Jenaer Interesse an ihrem Startup anmeldeten, sagen die Gründer von Forwardttc: „Man sieht uns!“ Der zweite Blick ergab dann Sympathie für das Konzept von Avateramedical. 200 Mitarbeiter, mit Jena und Illmenau zwei Standorte, bodenständig, ein langsamer Markteintritt – das passt aus Sicht von Tobias Ortmaier: „Die Übernahme ermöglicht es uns, eine faszinierende Robotertechnologie entscheidend mitzugestalten.“ Und das von Hannover aus.