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Die Freitags-Kolumne: Leise Soziallehre

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In einer Institution, die derart auf Symbole bedacht ist wie die katholische Kirche, wird doch wohl der Zeitpunkt, zu dem ein wesentliches Dokument veröffentlicht wird, nicht zufällig gewählt sein. Gerade erschien die päpstliche Sozialenzyklika Fratelli tutti. Über einen langen Zeitraum orientierten sich die Erscheinungstermine dieser päpstlichen Schreiben an der allerersten ihrer Art aus dem Jahr 1891. Also hätte man 2021 auf eine neue Sozialenzyklika tippen können: Nach 130 Jahren …

Doch mit dieser Tradition hat der Vatikan nun nachhaltig gebrochen. Und das nicht nur beim Erscheinungsjahr, sondern auch inhaltlich. Die Beschäftigung der Kirche mit der Wirtschaft und deren ganz eigenen Gesetzen hat große Tradition, tiefe Spuren in der bundesrepublikanischen Sozialen Marktwirtschaft hinterlassen und wesentliche Impulse für die vatikanische Position zur Ökonomie geliefert. Heute gilt die römische Lehrmeinung aber nicht erst in Fratelli tutti vielen als Pauschalkritik an der Wirtschaft: ifo-Chef Clemens Fuest wird mit scharfer Kritik an den päpstlichen Vorstellungen zur Markt und Globalisierung zitiert. Und Alessandra Smerilli, Ordensfrau und Wirtschaftswissenschaftlerin, beeilte sich zu interpretieren, dass die Kritik am Markt ja so pauschal gar nicht gemeint sei.

Man steht davor und wünschte sich einen tieferen Dialog zwischen Kirche und Wirtschaft. Denn auch viele – katholische – Unternehmer werden sich falsch verstanden fühlen. Doch die Stimme der katholischen Soziallehre in Deutschland ist leise geworden. Das mag man bedauern in einer Zeit, in der wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen nicht kleiner sind als in den frühen Jahren der Soziallehre. pm

Ursprünglich als Wirtschaftspolitisches Streiflicht, später in einer eigenen Rubrik „Streiflichter“: Glossen begleiten die Niedersächsische Wirtschaft von Anfang an und hatten schon in Vorgänger-Publikationen ihren Platz. An dieser Stelle finden Sie jeden Freitag eine Glosse in dieser Tradition.