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Wie viele werden es am Jahresende? Das gehört zu den großen Fragen im Ausbildungsjahr 2020. Corona hat im Frühjahr dafür gesorgt, dass sich Bewerbungs- und Einstellungsphase um rund zwei Monate nach hinter verschoben haben. Die Zahlen Anfang August belegen den Rückstand. Seitdem läuft eine Aufholjagd.

 

Im Corona-Jahr unterscheidet sich die Ausgangslage in Niedersachsen vom Rest der Republik in einem Punkt. Wegen der Rolle rückwärts zum Abitur nach 13 Schuljahren fehlt 2020 etwa der halbe Abiturientenjahrgang. Das allein wirkt sich schon aus: Die IHK Hannover rechnete unabhängig von der Pandemie mit zehn Prozent weniger Ausbildungsverträgen gegenüber dem Vorjahr. In absoluten Zahlen bedeutet das bereits ein Minus von rund 1000 Ausbildungsverträgen im Bereich der IHK. Vor neun Jahren war beim Umstieg auf das Abitur nach zwölf Schuljahren eine etwa ebenso große Zunahme verzeichnet worden.

Ausbildung bei Kone.

Als in diesem Frühjahr dann die Pandemie und mit ihr der Lockdown Gesellschaft und Wirtschaft überrollten, bedeutete das bei den meisten der 6500 Ausbildungsbetriebe unter den IHK-Mitgliedsunternehmen zunächst einmal Kurzarbeit, Home Office, die Abriegelung von Firmengebäuden gegenüber Externen, und das für wenigsten zwei Monate. Kaum Möglichkeiten für Einstellungsgespräche, die aber aus Sicht der Unternehmen immer noch die wichtigste Entscheidungsgrundlage sind. Rückblickend hat das auch die Berufsorientierung getroffen. Genau in der Zeit, in der in anderen Jahren Berufsmessen oder Informationsveranstaltungen laufen, ging in diesem Frühjahr gar nichts. Auch Schulpraktika waren kaum möglich.

 


Lehrstellenbörse und Azubi-Übernahme
Über die IHK-Lehrstellenbörse können Unternehmen jetzt auch unmittelbar ihre Bereitschaft zeigen, Auszubildende aus anderen Firmen zu übernehmen. Darüber hinaus lädt die Plattform beispielsweise mit Berufe-Steckbriefen, News oder Videos zum Stöbern ein. Der Talente-Check der IHK-Lehrstellenbörse hilft Jugendlichen bei der Wahl der passenden Ausbildung. Die Nutzung der Lehrstellenbörse ist kostenfrei.


 

Manche Branchen sind noch immer massiv eingeschränkt. Das gilt insbesondere für die Messen und Veranstaltungen, für die Gastronomie, den Tourismus.
Und genau so stellte sich der Ausbildungsmarkt im Mai und Juni dieses Jahres auch dar: Die Zahl der bei der IHK eingereichten Ausbildungsverträge lag um 25 bis 30 Prozent unter den entsprechenden Vorjahreswerten. Noch in der IHK-Ausbildungs-umfrage Mitte Juni planten die befragten Unternehmen ein Minus von durchschnittlich 23 Prozent der Ausbildungsplätze gegenüber dem Vorjahr. Diese Planungen bildeten aber weniger ein abnehmendes Interesse an der Ausbildung ab als vielmehr eine realistische Einschätzung der deutlich geringeren Zahl an Bewerbungen und der coronabedingten Einschränkungen.

14 Auszubildende und neun Jahrespraktikanten sind Anfang August bei der Sparkasse Hildesheim Goslar Peine, na klar, unter den geltenden Abstands- und Hygieneregeln ins Arbeitsleben gestartet. Und teilweise gleich – statt des üblichen Einführungsseminars – per Skype und Telefonkonferenz von zu Hause aus. Außerdem haben die Sparkassen-Mitarbeiter für ihre neuen Kollegen Kennenlern-Videos aufgenommen, als Ersatz für den Firmenrundgang. Bewegte Bilder gab es für die Azubis des Jahrgangs 2020 auch vorab, mit Tipps zur Kleidung, wie sie in der Bank gefragt ist. Foto: Sparkasse HGP

Der erste Stichtag für den Start in ein Ausbildungsjahr ist normalerweise der 1. August. Das ist 2020 nicht in gewohntem Ausmaß der Fall: Durch Corona und die damit verbundenen Einschränkungen verglichen mit anderen Jahren hängt der Ausbildungsmarkt rund zwei Monate hinterher. Das lässt sich in diesem Jahr vergleichsweise gut verkraften, weil aufgrund der späteren Ferientermine die Berufsschulen auch erst Ende August wieder starten. Die schulischen Versäumnisse werden sich bei späterem Ausbildungsstart also in Grenzen halten. Vielleicht ist unter den Corona geschuldeten Hygienestandards sogar zu begrüßen, dass diese zunächst in überschaubaren Klassenstärken einzuüben sind.
Denn seit Mitte Juli wurden Woche für Woche jeweils mehr Ausbildungsverträge eingereicht als in der gleichen Woche des Vorjahres. Die Lehre beginnt damit für viele Azubis am 1. September, dem inzwischen zweiten wichtigen Starttermin, oder sogar noch später.
Auch das ist kein Problem. Der spätere Start einer dualen Ausbildung, ob am 1. Oktober oder am 1. November oder am 1. Dezember, ist weitgehend unproblematisch. Schließlich gab es auch bislang im letzten Quartal ein lebhaftes Wechselgeschäft: Wenn es zwischen Nachwuchs und Unternehmen nicht passte, wurde ein anderer Ausbildungsbetrieb, ein anderer Ausbildungsberuf, oder – aus betrieblicher Sicht – wurden andere Azubis gesucht. Während der Probezeit sind Wechsel normal und geübte Praxis. Der Ausbildungserfolg wird in aller Regel davon nicht beeinträchtigt. Es ist also richtig, auch nach dem 1. September noch einen Ausbildungsplatz für das laufende Ausbildungsjahr oder auch Auszubildende zu suchen und einzustellen. Bei technischen Detailfragen helfen die Ausbildungsberaterinnen und Ausbildungsberater der IHK weiter.

Wasila Yassin gehört zu den 79 Nachwuchskräften, die in diesem Jahr bei der Göttinger Sartorius AG ihre Ausbildung begonnen haben. Die angehende Maschinen- und Anlagenführerin aus Syrien hat zunächst ein Jahrespraktikum gemacht. Sartorius engagiert sich seit 2015 für die Integration Geflüchteter. Insgesamt hat der Göttinger Laborausrüster in diesem Jahr 21 Lehrstellen mehr besetzt als 2019. Foto: Sartorius

Mit Blick auf die Ausbildungsbilanz zum Ende dieses Jahres sind einige Tendenzen schon sichtbar und nicht überraschend: Branchen, die einen echten Lockdown hatten und zum Teil ja noch haben wie beispielsweise Hotellerie und Gastronomie sowie die Veranstaltungs- und Freizeitbranche haben vergleichsweise deutlich weniger Ausbildungsverträge gemeldet als im Vorjahr. Das liegt zum einen an der langen Schließung der Betriebe und zum anderen an zum Teil immer noch unklaren Zukunftsaussichten. In diesen Branchen und den damit verbundenen Ausbildungsberufen ist in diesem Jahr weiterhin mit gegenüber den Vorjahren rückläufigen Ausbildungsverhältnissen zu rechnen.
Branchen, die sich in tiefgreifendem Strukturwandel befinden, stellen ihre Ausbildung um: Nach mehreren Jahren stabilen Wachstums sieht es für die Metallberufe so aus, dass dort voraussichtlich weniger intensiv ausgebildet wird. In den Elektro-Berufen hingegen wird weiterhin auf dem Niveau des Vorjahres ausgebildet. So finden sich die Mega-Trends der Digitalisierung und der E-Mobilität auch im Ausbildungsmarkt wieder.

Sieben Auszubildende und drei dual Studierende sind in der Expert-Zentrale gestartet: Ausbildungsquote konstant, heißt es beim Unternehmen. Insgesamt lernen in Langenhagen jetzt 23 Azubis, sechs Jugendliche absolvieren ein duales Studium. Sie können unter anderem auf Weiterbildungs- und
Entwicklungsmöglichkeiten bauen, so Dr. Stefan Müller, Vorstandsvorsitzender
der Expert SE. Foto: expert

In der Summe wird der Ausbildungsmarkt am Jahresende schon wegen der fehlenden Abiturienten auf der Nachfrageseite und wegen der Unsicherheiten und der Strukturwandels bei einzelnen Branchen schrumpfen. In Niedersachsen und auch im Bereich der IHK Hannover wird das Minus aufgrund der geringeren Anzahl an Bewerbern etwas höher ausfallen als in anderen Bundesländern oder auch in Nicht-IHK-Ausbildungsberufen. Die gut 200 IHK-Ausbildungsberufe haben immerhin eine Abiturientenquote von rund 37 Prozent. Mit wieder anlaufender Konjunktur erscheint es auch im Bereich der IHK Hannover möglich, das Minus dieses Jahres in die Richtung zehn Prozent zu begrenzen. Das würde dem entsprechen, was die IHK allein durch die Rückkehr zur verkürzten Schulzeit bis zum Abitur erwartet hatte und ist ein Beleg für die anhaltende Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen. Fachkräfte werden auch während und vor allem nach Corona gebraucht. Vielen Entscheidern in Unternehmen steht klar vor Augen: Die Generation der Baby-Boomer geht jetzt in Ruhestand und muss ersetzt werden. Wie groß in diesem Jahr die Schwierigkeiten der Unternehmen waren, Lehrstellen zu besetzen, wird sich erst bei der Aus- und Weiterbildungsumfrage 2021 zeigen. Den noch suchenden Jugendlichen Schulabgängern muss Mut gemacht werden, sich weiterhin zu bewerben: Die Chancen, noch in diesem Jahr einen passenden Ausbildungsplatz zu finden, sind sehr gut.

Die Lenze SE aus Aerzen bei Hameln suchte wie viele andere Unternehmen bereits Azubis für das kommende Jahr, als Vorstandschef Christian Wendler (r.) die Neuen noch begrüßte. Zwischen Juli und September starten bei Lenze europaweit 40 Azubis und Studierende in den Beruf. Foto: Lenze

Nicht zu vernachlässigen sind die Azubis, die sich jetzt im zweiten und dritten Lehrjahr befinden und noch ein oder zwei Ausbildungsjahre vor sich haben: Das vergangenen Schul-Halbjahr konnte in den Berufsschulen ja nur als Rumpf-Halbjahr stattfinden. In einigen Unternehmen haben die betrieblichen Ausbilder diese Zeit genutzt, um Fachpraxis und teils auch Fachtheorie zu vermitteln. Das ist aber sicher nicht flächendeckend zu unterstellen. Es wird jetzt darauf ankommen, die Rückstände in den für die berufliche Handlungsfähigkeit besonders wichtigen Aspekten und Bereichen nachzuholen. Allen Beteiligten ist daran gelegen, dass dies gut gelingt.

 

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Auch Sie haben neue Auszubildende begrüßt? Im Webmagazin der Niedersächsischen Wirtschaft veröffentlichen wir das in Bild und Text: Senden Sie uns Ihre Information an nw@hannover.ihk.de.

 

 


So gibt es die Bundesförderung
Seit Anfang August ist die erste Förderrichtlinie des Bundesprogramms zur Förderung neuer Ausbildungsverträge in Kraft. Kernpunkt: Für kleine und mittlere Unternehmen bis zu 249 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist eine Prämie möglich, wenn die Zahl der Ausbildungsplätze dem Niveau der vergangenen drei Jahre entspricht (2000 Euro je Azubi) oder darüber liegt (3000 je Azubi). Voraussetzung ist, dass der Ausbildungsbetrieb in erheblichem Umfang von der Corona-Krise betroffen sein muss: im ersten Halbjahr 2020 wenigstens ein Monat Kurzarbeit oder Umsatzeinbruch im April und Mai 2020 um durchschnittlich mindestens 60 Prozent gegenüber April und Mai 2019 Anträge müssen bei der Agentur für Arbeit gestellt werden. Für die Ausbildungsprämie wird eine Bescheinigung der Industrie- und Handelskammer benötigt. Die Vorlage erhalten Sie ebenfalls bei der Bundesagentur für Arbeit. Bitte senden Sie zur Überprüfung das ausgefüllte Formular per E-Mail an: berufsbildung@hannover.ihk.de.

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Kontakt zum Autor

Prof. Dr. Günter Hirth

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