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Nase vorn

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Die Bundesregierung hat das Thema Wasserstoff im Juni weit nach oben auf die Tagesordnung gesetzt. Die Südniedersachsenstiftung hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den Zuschlag in der Tasche, um das Konzept für ein regionales Wasserstoff-Projekt weiter auszuarbeiten.

 

Um Aufsteiger-Region zu werden, muss man wohl die Nase vorn haben. Wenige Tage, bevor das Institut der Deutschen Wirtschaft Südniedersachsen ein gutes Entwicklungspotenzial bescheinigte, gab es aus Berlin auch grünes Licht für die nächste Stufe des regionalen Wasserstoff-Projekts viridisH2. Damit haben ab September die Projektpartner in Südniedersachsen neun Monate Zeit, ihre Idee einer dezentralen Wasserstoffwirtschaft im Bereich der Mobilität weiterzuentwickeln. Auf den Punkt gebracht geht es dabei darum, Wasserstoff möglichst vor Ort und über ein innovatives Verfahren herzustellen und damit dann zum Beispiel Busse im ÖPNV anzutreiben. Die Südniedersachsenstiftung hatte sich Anfang des Jahres um die Förderung für das Projekt beworben. „Wir! – Wandel durch Innovation in der Region“ heißt das Programm des Bundesforschungsministeriums. Von deutschlandweit 130 Projekten wurden zunächst 44 ausgewählt, darunter viridisH2 Südniedersachsen. Von den in dieser ersten Runde ausgewählten schaffen 25 die nächste, ziemlich entscheidende Hürde: Sie werden dann sechs Jahre bei der Umsetzung ihrer Vorhaben gefördert. Die Entscheidung fällt im Herbst 2021.

Wichtig aus Sicht der Südniedersachsenstiftung ist die Vernetzung in der Region. Im Boot sind bei viridisH2 die Smart Mobility Research Group der Uni Göttingen und das Berliner Startup ELO Mobility GmbH, das eine Niederlassung in Hardegsen hat. ELO entwickelt Konzepte und Lösungen für emissionsfreie Fahrzeuge, zum Beispiel Wasserstoff-Busse. Das Netzwerk in der Region, das hinter dem Projekt steht, ist aber weit größer und landkreis- sowie branchenübergreifend, wie Dr. Martin Rudolph, Vorstandsvorsitzender der Südniedersachsenstiftung und Leiter der IHK-Geschäftsstelle in Göttingen, betont.

Wirtschaftliche und wissenschaftliche Kompetenz, außerdem kurze Wege, die den Aufbau einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft erleichtern: Die Region sei bestens geeignet für viridisH2, meint Dr. Jochen Kuhl, der im Vorstand der Südniedersachsen-Stiftung sitzt und das Projekt angestoßen hat. Ziel ist es, Wasserstoff vor Ort durch Plasmalyse zu gewinnen. Dabei soll das Gas mit Hilfe eines Plasmas aus Wasser, das bei Gärprozessen übrig bleibt, oder aus Methan gewonnen werden.

Viridis: Das kommt aus dem Lateinischen und bedeutet grün. Im Rahmen des südniedernächsischen Wasserstoff-Projekts hat das verschiedenene Aspekte. Zum einen soll der Wasserstoff dezentral produziert werden – damit entfallen Transportkosten, wie Dr. Peter Oswald erläutert. Der Chemiker ist als Technologieberater im Rahmen des SüdniedersachsenInnovationsCampus unterwegs – und bei viridisH2 als Vermittler und Koordinator. Außerdem, so Oswald, kann bei der Plasmalyse eben auch Gärrestwasser genutzt werden, um Wasserstoff zu gewinnen. Eine solch trübe Mischung funktioniert bei der Elektrolyse nicht. Grundsätzlich ist es auch das Ziel, für die Plasmalyse Strom aus nachhaltigen Quellen zu verwenden. Das entspricht dann der üblichen Vorstellung von grünem Wasserstoff.

Wasserstoffstrategie sorgt für weiteren Schub
Zeitlich hätte der Zuschlag für das südniedersächsische Vorhaben kaum besser passen können. Nur einen Monat später, Anfang Juni, rief die Bundesregierung das Ziel aus, Deutschland in der Wasserstofftechnologie, die als ein Schlüssel zur Klimaneutralität gilt, international ganz nach vorn zu bringen.
Das unter Normalbedingungen gasförmige Element kann aufgrund seiner vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten eine zentrale Rolle spielen, um Klimaschutzziele zu erreichen, heißt es auch beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Zum Beispiel die Nutzung als Energiespeicher: Power to Gas ist der Begriff dafür. Wasserstoff kann in Erdgasnetze eingespeist und damit für die Heizung von Gebäuden eingesetzt werden. Die Helmstedter Avacon AG will in einem bislang einmaligen Pilotprojekt in Sachsen-Anhalt noch in diesem Jahr testen, ob sich der Anteil auf 20 Prozent gegenüber dem aktuellen Grenzwert verdoppeln lässt. In der Stahlerzeugung verändert Wasserstoff den Produktionsprozess: Auch daran wird in Niedersachsen gearbeitet. Brennstoffzellen gewinnen aus Wasserstoff emissionsfrei Strom – und damit fahren nicht nur Autos oder Busse. Niedersachsen machte 2018 international Schlagzeilen mit einer Wasserstoff-Regionalbahn. Die Technik habe aber keine große Lobby, schrieb noch im April letzten Jahres die Süddeutsche Zeitung.

Das sieht nach der – manche sagen: späten – Entscheidung der Bundesregierung anders aus. Ganz abgesehen davon, dass Wasserstoff jetzt mit 9 Mrd. Euro gefördert wird. Und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat ebenfalls im Juni mit den Energieministern des sogenannten Pentalateralen Forums, zu dem aber tatsächlich mit Deutschland, Frankreich, den Beneluxstaaten, Österreich und der Schweiz sieben Länder gehören, eine gemeinsame Erklärung zur Rolle von Wasserstoff bei der Kohlenstoffreduzierung der Energiesysteme und insbesondere des Gassektors vorgestellt. Unter anderem sprechen sich die Minister dafür aus, zügig einen Markt für Wasserstoff sowie die erforderliche Infrastruktur aufzubauen. Das deckt sich mit Forderungen aus der Wirtschaft.

Genauso vielfältig wie die Einsatzmöglichkeiten ist aber auch die Wasserstoff-Herstellung. Hier gibt es ein ganzes Farbenspektrum: Neben grünem, der aus Wasser und mit Öko-Strom erzeugt wird, auch blauen, grauen und türkisen Wasserstoff. Klar, das ist nur ein Etikett, das dem unabhängig von der Erzeugung immer farb- und geruchslosen Gas zugedacht wird. Entscheidend für die farbliche Einstufung sind Ausgangsstoff und Energiequelle für die Produktion, abhängig also unter anderem davon, ob bei der Produktion CO2 oder Kohlenstoff freigesetzt wird und was damit geschieht. Auf grünen Wasserstoff konzentriert sich die Bundesregierung in ihrer nationalen H2-Strategie. Aus Sicht der Wirtschaft sollte aber die Klimawirkung des Wasserstoffs nicht nach der Farbe des Etiketts beurteilt werden, sondern nach der tatsächlichen Klimabilanz. Und um Wasserstoff für Unternehmen nutzbar zu machen, gilt das, was für jeden anderen Energieträger gilt: Er muss in verlässlicher Qualität verfügbar, sein Einsatz wirtschaftlich sein.
Jede Menge Forschungsbedarf also. Die niedersächsische Landesregierung hat zeitgleich mit der Verkündung der nationalen Wasserstoffstrategie fünf Forschungsverbünde benannt, in denen ein halbes Dutzend niedersächsische Hochschulen, darunter die hannoversche Leibniz-Uni, mit weiteren Einrichtungen zusammenarbeiten. Dazu gehören Institute des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt oder das Institut für Solarenergieforschung in Emmerthal bei Hameln. Sie werden zunächst für zehn Monate mit insgesamt 500 000 Euro unterstützt, um ihre jeweiligen Forschungsansätze weiter auszuarbeiten. Dann werden die aus Sicht des Landes vielversprechendsten ausgewählt und in den folgenden drei Jahren mit jeweils bis zu 2 Mio. Euro unterstützt.

Ähnlich also wie beim viridisH2-Projekt in Südniedersachsen, wo man ab dem Spätsommer alles dafür tun wird, um das Ticket für die Weiterförderung zu bekommen: „An diesem Ziel werden wir nun gemeinsam mit den Projektpartnern hochmotiviert arbeiten“, so Dr. Tim Schneider aus der Geschäftsführung der Südniedersachsenstiftung und Koordinator des Projekts. Regional und verzahnt: Nicht nur Wasserstoff vor Ort herstellen und in der Region nutzen, sondern Nebenprodukte der Plasmalyse als Rohstoffe in der chemischen Industrie oder bei der Dünger-Herstellung zu nutzen: Bei der Plasmalyse entstehen Stickstoff und Stickstoffverbindungen.
Von einer solchen sektorenübergreifenden Wertschöpfungskette könnten zunächst die lokalen Energieerzeuger, Netzagenturen, Wasserstoffhersteller, Abwasserlieferanten wie Biogas- oder Kläranlagen, Chemieunternehmen, Logistiker, Busunternehmen und Düngemittelhersteller profitieren. Als Projektpartner haben die, so heißt es bei der Südniedersachsenstiftung, bereits ihr Interesse am Projekt viridisH2 angemeldet.

 

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Klaus Pohlmann

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