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Maschinen-Ethik

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Bewegung und Umgebung richtig erfassen: Auch das ein Aspekt künstlicher Intelligenz, gerade auch in der Mobilität. Foto: Continental AG
Kaum jemand bezweifelt, dass Künstliche Intelligenz eine der zentralen Zukunftstechnologien ist. Was dazu gehört, wozu man sie einsetzt: Das ist noch schillernd, ähnlich wie vor Jahren bei Industrie 4.0 Das Thema ist aber hoch sensibel – allein, weil Intelligenz eine zutiefst menschliche Eigenschaft ist.

 

Künstliche Intelligenz und Ethik: Das ist längst in der Realität angekommen. Wer bloß an den Schriftsteller Isaac Asimov und dessen mittlerweile rund 80 Jahre alten Robotergesetze denkt, kann getrost dies zur Kenntnis nehmen: Der Continental-Konzern hat sich im Juni einen Ethikleitfaden für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz, kurz: KI, gegeben. Damit sieht sich der Automobilzulieferer unter den Pionieren der Branche.
„Als Technologieunternehmen stehen wir in der Verantwortung, dass alle unsere Produktentwicklungen sowie internen Prozesse im Einklang mit ethischen Normen stehen“, so Dirk Abendroth, Chief Technology Officer Automotive bei Continental. Ein inhaltsschwerer Satz mit drei Kernpunkten: Künstliche Intelligenz steckt in den Produkten des Technologiekonzerns. Autonomes Fahren beispielsweise wird dadurch überhaupt erst möglich. Außerdem spielt Künstliche Intelligenz in Unternehmen selbst eine immer größere Rolle, nicht nur bei Continental. In beiden Bereichen aber gilt: Übergeordnet sind die Werte und Regeln, denen sich das Unternehmen verpflichtet fühlt. Stehen Arbeitsvorgänge, bei denen künstliche Intelligenz beispielsweise im Personalwesen eingesetzt wird, zum Einsatz kommt, etwa im Personalwesen, im Einklang mit anderen Regelwerken von Continental, etwa zur Gleichstellung?
KI darf kein Eigenleben entwickeln. Just, als der hannoversche Technologiekonzern seine Ethik-Regeln veröffentlichte, brach in den USA eine Diskussion über Software zur Gesichtserkennung auf. Es ging sowohl darum, wie und ob Programme, mit denen man Menschen identifiziert, eingesetzt werden, als auch um die Frage, ob sie ausreichend gut funktionieren. In diesem Zusammenhang erinnerte das Magazin Der Spiegel an ein fehlgeschlagenes Experiment vor einigen Jahren, bei dem ein als angenehme Gesprächspartnerin geplantes, lernfähiges Programm – neudeutsch: Chat-Bot – nach kürzester Zeit extremistische Positionen entwickelte, befeuert aus den sozialen Netzwerken.
Die Sorge, dass Künstliche Intelligenz systematisch und unfair verzerrte Ergebnisse liefert, ist in großen Unternehmen weltweit vorhanden und dabei in Deutschland noch etwas stärker ausgeprägt.Während international aber Sicherheitsbedenken an oberster Stelle stehen, sind für deutsche Manager die Top-Risiken mangelnde Erklärbarkeit und fehlende Transparenz bei Entscheidungen, die von „intelligenten“ Computer-Algorithmen getroffen werden. Continental liegt damit genau in der Spur, denn im Mittelpunkt der neuen Ethik-Regeln des hannoverschen Konzerns stehen sowohl Nachvollziehbarkeit von computerbasierten Entscheidungen sowie die Datensicherheit. Continental hebt dabei die Akzeptanz künstlicher Intelligenz hervor: Die sei nur gegeben, wenn der Mensch die Abläufe eines selbstlernenden Systems verstehen könne. Woher stammen die Daten? Welche Rechenschritte führen zu welchen Handlungen? Wie sind die Daten gesichert? Solche Fragen bezeichnet der Technologiekonzern als essenziell für die Gestaltung der Mobilität.

Mensch im Mittelpunkt
Fluchtpunkt in der Perspektive künftiger Mobilität ist immerhin das autonome Fahren. Künstliche Intelligenz ist dabei allgegenwärtig. Kamerabasierte Fahrerassistenzsysteme mit Objekterkennung, Abbiegeassistenten und die Gestenerkennung als Kommunikationsmittel zwischen Mensch und Fahrzeug: Solche Systeme mit KI-Funktionen seien in der Lage, gewaltige Datenmengen nahezu in Echtzeit zu verarbeiten und mithilfe jeder neuen Information bessere Ergebnisse zu liefern, heißt es bei Continental. Der Code of Ethics gelte für alle Standorte des Technologiekonzerns weltweit und diene als Orientierung für alle Kooperationspartner des Unternehmens. Und er korrespondiere mit internationalen Regeln. Dazu gehören etwa die einschlägige EU-Richtlinie unter der offiziellen Bezeichnung Ethics Guideline for Trustworthy AI.
Auch über die Europäische Union hinaus gibt es entsprechende Initiativen. So haben im Juni 15 Staaten, darunter Deutschland, die „Global Partnership on Artificial Intelligence“ (GPAI) geschlossen, eine weltweite Initiative zur, wie es heißt, Förderung einer verantwortungsvollen und menschenzentrierten Entwicklung und Nutzung von Künstlicher Intelligenz. Im Doppelpack stellten sich sowohl Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier als auch Arbeitsminister Hubertus Heil hinter die Vereinbarung: Künstliche Intelligenz könne zur Lösung vieler globaler Probleme beitragen – Pandemien und Klimawandel sind aktuell unvermeidliche Stichworte. Die GPAI soll dabei eine Plattform für die internationale Zusammenarbeit sein, und das mit einem Ziel eines verantwortungsvollen Einsatzes auf der Grundlage der Menschenrechte, den Grundfreiheiten, von Inklusion, Diversität, Innovation, Wirtschaftswachstum und Gemeinwohl als auch zur Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung: Der Katalog ist umfassend. Neben Deutschland, den Initiatoren Kanada und Frankreich sind die weiteren G7-Staaten Großbritannien, Italien, Japan und die USA dabei, außerdem Indien, Mexiko, Neuseeland, Singapur, Slowenien, Südkorea und die EU-Kommission.

Algorithmen zum TÜV?
Auch der TÜV Nord beteiligt sich an der Diskussion um Sicherheit und Akzeptanz Künstlicher Intelligenz: Vorstandschef Dirk Stenkamp hat wiederholt den Vorschlag eines Algorithmen-TÜVs gemacht. Die Unternehmensberatung Deloitte kommt übrigens in einer Umfrage zu dem Ergebnis, dass in deutschen Unternehmen KI-Risiken und ethische Fragen nicht höher bewertet werden als im Ausland, sondern höchstens anders gewichtet. Was bedeutet: Das deutsche Risikobewusstsein ist nicht so ausgeprägt, dass es die Entwicklung von KI hemmen würde.
Deloitte hatte die Studie fast zeitgleich mit der Veröffentlichung der Continental-Ethik-Leitlinien vorgelegt. Zum dritten Mal wurden KI-Expertinnen und Experten großer Unternehmen befragt, diesmal rund 2700 aus neun Ländern: Australien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Japan, Kanada, Niederlande, USA. Rund 200 der Befragten kamen aus Deutschland, und durch die Brille großer Unternehmen betrachtet ist das Fazit auch gar nicht so schlecht: „Deutsche Unternehmen sind global gesehen auf Augenhöhe und in vielen Bereichen sehr aktiv“, schreibt Deloitte. KI sei keine Zukunftstechnologie mehr, sondern vor allem für deutsche Unternehmen zum Gegenwartsthema geworden.

In vier von fünf Großunternehmen werde Künstliche Intelligenz bereits als wesentlicher Faktor für einen nachhaltigen Geschäftserfolg gesehen. Welche Technologien jetzt oder in unmittelbarer Zukunft genutzt werden, unterscheidet sich international auch nicht wesentlich: Maschinelles Lernen, maschinelles Sehen und Sprachanwendungen.

Etwas skeptischer als Deloitte sieht es der Bitkom als Verband der IT-Unternehmen. Grundlage ist eine Umfrage unter rund 600 Unternehmen Anfang des Jahres, die ebenfalls im Juni veröffentlicht wurde. Zentrales Ergebnis: Zwar sprechen die Unternehmen der Künstlichen Intelligenz eine herausragende Bedeutung zu. Gleichzeitig tun sie sich aber schwer damit, die Technologie praktisch einzusetzen. So sind etwa drei Viertel (73 %) der Unternehmen mit 20 oder mehr Mitarbeitern in Deutschland der Meinung, KI sei die wichtigste Zukunftstechnologie. Aber gerade einmal sechs Prozent setzen KI selbst ein, lediglich jedes Fünfte (22 %) plant die KI-Nutzung oder diskutiert darüber.

 

 

 

 

Bitkom sieht Umsetzungsproblem
Immerhin erkennt der Bitkom einen Auftwärtstrend. Vor einem Jahr fiel der Anteil mit zwei Prozent KI-Nutzern und 9 Prozent, die planen oder diskutieren, noch deutlich niedriger aus. „Wir haben bei Künstlicher Intelligenz kein Erkenntnis-, sondern ein massives Umsetzungsproblem“, sagte Bitkom-Präsident Achim Berg bei der Vorstellung der Studie. „In den Unternehmen gibt es einen breiten Konsens über die herausragende Bedeutung der Technologie für die Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft. Aber die Mehrheit tut sich schwer damit, dieses Wissen für das eigene Geschäft zu nutzen.“
Bei einem wesentlichen Hemmnis, Künstliche Intelligenz in Unternehmen einzusetzen, sind sich aber Deloitte und der Bitkom einig: zu wenig Fachkräfte.

Künstliche Intelligenz: Momentaufnahme
Wie wollen Unternehmen in Deutschland KI einsetzen? In welchen Zeiträumen wird geplant? Der Bitkom, Verband der IT-Industrie hat dazu vor wenigen Wochen Umfrageergebnisse veröffentlicht. Und die Unternehmensberatung Deloitte hat bereits zum dritten Mal weltweit Experten in der Wirtschaft befragt. Die Ergebnisse bieten ein Momentaufnahme zur Perspektive einer vielschichtigen Technologie, der die Zukunft gehört.

Quelle für alle Grafiken und Daten, wenn nicht anders ausgewiesen: Künstliche Intelligenz: Einsatz und Forschung in Deutschland (Bitkom Research 2020)

 

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Klaus Pohlmann

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