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Lockerung heißt nicht Lockerheit. Das zeigt sich in diesen Tagen auch bei den Anbietern touristischer Busreisen. Sie dürfen zwar wieder fahren und Reisen anbieten, doch nur mit hohen Auflagen. Selbst wenn es gut läuft, ist die Hälfte der Saison bereits gelaufen.

Teil 2 – Schörnig Reisen
Bei Schörnig Reisen und allen Busunternehmen, die ein eigenes Reiseprogramm mit Tages- und Mehrtagesfahrten für Einzelreisende, Paare und Gruppen anbieten, ist das Geschäft in der Corona-Krise komplett zum Erliegen gekommen. Innerhalb weniger
Tage einfach wieder losfahren, ist auch für sie undenkbar. Obwohl sie seit 8. Juni wieder Reisen durchführen dürfen, sind einige der 13 türkisfarbenen Busse von Schörnig Reisen erst seit wenigen Tagen wieder unterwegs. „Wir brauchen die Zeit“, erklärt Willy Gräske, Vertriebsleiter des Familienunternehmens aus Hannover, das 15 Busfahrer beschäftigt.
Fast 200 Seiten stark ist der aktuelle Reisekatalog von Schörnig für Fahrten mit  Übernachtung, die zwischen zwei und zwölf Tagen dauern. Neben zahlreichen Städtereisen nach Hamburg, Dresden oder Berlin stehen auch Wales, Marokko und Griechenland im Programm, wo teils auch Flüge mit den Busfahrten kombiniert werden.

Was davon ist aktuell noch möglich und wie? Von der Unterkunft bis zum Programm mussten die zehn Beschäftigten in der Verwaltung alles abklären, wie die ersten Fahrten unter Corona-Schutz-Bedingungen wieder stattfinden können. „Das ist ein enormer  Aufwand und auch die unterschiedlichen Regeln schon innerhalb Deutschlands machen es uns nicht leichter.“ Einige Bundesländer waren bereits vor Wochen vorgeprescht und  hatten Busreisen erlaubt und bis heute gibt es teils große Unterschiede. Laut der im Juni vorgestellten Verordnung des Landes Niedersachsen müssen die Reisenden auch während der Busfahrt Masken tragen. „Nicht wenige haben deswegen ihre Reise storniert“, sagt Gräske, der zu dem Thema sogar eine Umfrage bei Facebook gestartet hat. „60 Prozent
unserer Kunden würden demnach mit Maske fahren.“ So ganz traut der 31-Jährige aber diesen Zahlen nicht. Viele der Stammgäste des Unternehmens sind älter als 70 Jahre.

Willy Gräske leitet den Vertrieb der hannoverschen Schörnig Reisen. Foto: Georg Thomas
Willy Gräske leitet den Vertrieb der hannoverschen
Schörnig Reisen. Foto: Georg Thomas

Zu den coronabedingten Auflagen gehörte es zunächst auch, in den Reisebussen immer eine Sitzreihe freizulassen, um den Abstand von 1,50 Metern zwischen den Reisenden einzuhalten. „Wirtschaftlich wäre das dann für uns nicht mehr“, sagt Gräske. Denn das 1923 in Görlitz gegründete Unternehmen setzt seit bereits Anfang der 1990er Jahre nur noch Reisebusse mit besonders viel Platz für die Reisenden ein. Ein Meter beträgt der
Abstand zwischen den Sitzreihen, „Königsklasse“ nennt man das bei Schörnig.
Zwölf der 13 Busse des Unternehmens haben deswegen nur 38 Plätze statt der oft
üblichen 54. Es ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal. „Soweit ich weiß, hat das kein anderes Busunternehmen in Europa“, sagt Gräske. Das Mehr an Platz und Abstand gehört bei Schörnig seit Jahrzehnten zum Geschäft. „Im Prinzip haben wir so schon immer eine Reihe frei gelassen.“ Die ab 22. Juni geltenden Regelungen haben für die  Busunternehmen Klarheit geschaffen: Einerseits müssen nun doch keine Sitzreihen freigelassen werden und es gelten die Regeln des Bundeslands, in dem eine Reise startet.

350 Reisen mussten abgesagt werden
Etwa 350 Reisen für das gesamte Jahr hat das Unternehmen zwischen Mitte März und Ende Juni abgesagt. Auch für Schörnig hieß das, alle Kunden informieren, umbuchen, Gutschein anbieten oder auszahlen. „Es ist eigentlich schon 7egal, wie die nächsten Monate werden – wirtschaftlich ist das ein katastrophales  Jahr“, sagt Gräske. Im Januar und Februar hatte es noch ausgesehen, als würde es ein Rekordjahr. Zwei bis drei Jahre
werde man wohl brauchen, bis man wieder auf dem Niveau vor der Corona-Krise angekommen sei. Eigentlich war dieses Jahr auch der Kauf eines neuen Busses geplant. Der Vertrag war zum Glück noch nicht unterschrieben. „Das Geld haben wir jetzt in die Bewältigung der Krise investiert.“ Sorge um die Zukunft des Unternehmens macht sich Willy Gräske allerdings nicht. Man habe immer solide gewirtschaftet und die Busse auch immer gekauft und nicht finanziert. Aber die Zeit sei natürlich herausfordernd, weil alles ungewiss ist. „Wir sind bereits in der Planung für 2021 und überlegen dann aufgrund der durch Corona veränderten Lage, noch mehr Reisen innerhalb Deutschlands anzubieten.“ Eine vergleichbare Situation hat es in fast 100 Jahren Firmengeschichte nicht gegeben.

Die besonderen Zeiten der Corona-Krise haben dem Unternehmen zuletzt aber auch neue Kunden eingebracht:„Wir haben die Zweitligafußballer von Hannover 96 zu drei Auswärtsspielen begleitet und auch die Mannschaft von Dynamo Dresden in Hannover gefahren. Die großen Abstände in unseren Königsklasse-Bussen haben sogar die Profifußballer beeindruckt“, berichtet Gräske.

Internetseite von Schörnig Reisen

Weiterlesen:
– Artal Reisen (Teil 1)
– Beckmann Reisen (Teil3)

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