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Zehn Jahre Offene Hochschule

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Studierende an der Universität Hildesheim. Foto: Daniel Kunzfeld
Vor zehn Jahren haben sich die niedersächsischen Hochschulen noch mehr als zuvor beruflich qualifizierten Menschen geöffnet. Durch die Änderung des Niedersächsischen Hochschulgesetzes wurden die Voraussetzungen der Offenen Hochschule Niedersachsen ausgebaut, zu denen nicht nur das Studieren ohne Abitur, sondern auch ein vermehrtes Angebot an berufsbegleitenden Studiengängen und die Anrechnung beruflich erworbener Kompetenzen auf die Inhalte eines Hochschulstudiums gehören.

 

Ähnlich wie in Niedersachsen wurden auch in den anderen Bundesländern die Bedingungen für die Offene Hochschule durch die Überarbeitung der jeweiligen Hochschulgesetze rund um das Jahr 2010 erweitert. Nach den aktuellen Berechnungen des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) hat die Anzahl der Studierenden ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung in ganz Deutschland im Jahr 2018 mit über 62 100 wieder einen neuen Höchststand erreicht. Im Jahr 2010 waren es erst 25 700. Trotzdem befindet sich die Zahl mit derzeit 2,2 Prozent aller Studierenden weiterhin auf niedrigem Niveau, wenn sich auch der Wert gegenüber 1,2 Prozent im Jahr 2010 leicht verbessert hat. In Niedersachsen lag der Anteil 2018 mit mehr als 3600 Studierenden bei 1,7 Prozent. Somit ist Niedersachsen im Bundesvergleich 2018 – wie im Vorjahr – wieder auf Platz 9 gelandet. 2010 waren es 2090 beruflich qualifizierte Studierende in Niedersachsen (1,4 %).
Der Anteil der Studienanfänger ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung an allen Studienanfängern lag 2018 deutschlandweit mit über 14 800 bei 2,9 Prozent. 2010 waren es 9240 beruflich qualifizierte Studienanfänger (2,1 %). In Niedersachsen lag die Zahl mit rund 730 bei 2 Prozent (2010 bei 446 bzw. 1,4 Prozent). Somit rutschte Niedersachsen im Bundesvergleich auf Platz 10 (Vorjahr Platz 9).
Mit über 8700 Personen gehörten deutschlandweit 2018 rund 1,8 Prozent der gesamten Hochschulabsolventen zu der Gruppe der Studierenden ohne Abitur oder Fachhochschulreife (2010: 2860 bzw. 0,8 Prozent). In Niedersachsen lag der Anteil sowohl 2010 mit 455 also auch 2018 mit 615 beruflich qualifizierten Absolventen bei 1,6 Prozent. Damit blieb Niedersachsen im Jahr 2018 im Bundesvergleich – wie im Vorjahr – auf Platz 8. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) sowie der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) sind beruflich qualifizierte Studierende ohne Abitur oder Fachhochschulreife ähnlich erfolgreich wie Studierende mit (Fach-) Hochschulreife. Die Abschlussnoten unterscheiden sich kaum von denen der Studierenden mit schulischer Hochschulreife. Allerdings belegt eine andere Untersuchung ein höheres Risiko des Studienabbruchs bei Studierenden ohne (Fach-)Hochschulreife. Das wird vor allem darauf zurückgeführt, dass diese Personengruppe häufig in Fernstudiengängen studiert.

Kompetenzen aus dem Beruf müssen angerechnet werden
Laut dem Bericht „Bildung in Deutschland 2018“ haben sich deutschlandweit die berufsbegleitenden Bachelorstudiengänge an allen Hochschulen – also ehemaligen Fachhochschulen und Universitäten – von 3,5 Prozent im Jahr 2013 auf 6 Prozent in 2018 erhöht. Extra ausgewiesen werden in dem Bericht außerdem die Bachelor-Fernstudiengänge mit 2,3 Prozent im Jahr 2013 und 3 Prozent in 2018. Hinzu kommt die Möglichkeit des Teilzeitstudiums, mit dem eine Berufstätigkeit auch weitergeführt werden könnte.
Die Anrechnung beruflich erworbener Kompetenzen ist bereits vor der Erweiterung der Öffnung der Hochschulen bundes-weit durch ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung thematisiert worden. Dabei handelt es sich um die Initiative „ANKOM – Anrechnung beruflicher Kompetenzen auf Hochschulstudiengänge sowie Übergänge von der beruflichen in die hochschulische Bildung“. Durch diese Initiative wurden Anrechnungsmöglichkeiten in verschiedenen Projekten bundesweit erprobt und implementiert.
Allerdings ist es auch heute noch so, dass pauschale Verfahren an den Hochschulen wesentlich seltener vorkommen als die individuelle Anrechnung beruflich erworbener Kompetenzen auf ein Hochschulstudium. Dabei haben pauschale Anrechnungsmöglichkeiten den Vorteil, dass sie den Absolventen entsprechender beruflicher Aus- und Fortbildungen verlässlich die Anrechnung ihrer erworbenen Kompetenzen auf einen entsprechenden Studiengang ermöglichen.
Die Industrie- und Handelskammern setzen sich seit Jahrzehnten dafür ein, dass beruflich qualifizierte Menschen Möglichkeiten erhalten, sich auch akademisch weiter zu qualifizieren. Mit dem Einsatz für die Offene Hochschule soll letztlich auch die Wertigkeit der beruflichen Qualifikationen untermauert werden. Durch die Ausweitung der berufsbegleitenden Studienangebote soll zudem verhindert werden, dass die Aufnahme eines Studiums dazu führt, dass der Arbeitnehmer seine berufliche Tätigkeit (zumindest vorübergehend) aufgibt.
Da die Weiterentwicklung der Offenen Hochschule Niedersachsen ein Anliegen der Industrie- und Handelskammern, aber auch des Niedersächsischen Wissenschaftsministeriums und anderer Institutionen ist, arbeiten diese Partner eng in einem Netzwerk-Rat zusammen. Der Netzwerk-Rat hat eine beratende Funktion und wirkt an den strategischen Planungen für die Gestaltung der Offenen Hochschule Niedersachsen mit, deren Gesamtkoordination über die Koordinierungsstelle für Studieninformation und – beratung in Niedersachsen (kfsn) erfolgt.

 


 

Was bedeutet „Offene Hochschule?“

Absolventen einer anerkannten mindestens dreijährigen dualen Berufsausbildung und anschließend mindestens drei Jahren einschlägiger Berufserfahrung haben die Möglichkeit, fachgebunden an einer Hochschule in Niedersachsen zu studieren – auch ohne Abitur oder Fachhochschulreife. Die Zulassung wird von der jeweiligen Hochschule geprüft.

Neben dem Meister und staatlich geprüften Techniker oder staatlich geprüften Betriebswirt dürfen auch Absolventen anderer IHK-Fortbildungen, die auf Lehrgängen mit mindestens 400 Stunden basieren – wie Betriebswirte, Fachwirte oder Fachkaufleute – ein Studium in jeder Fachrichtung an einer Hochschule (egal ob ehemalige Fachhochschule oder Universität) aufnehmen.

Informationen zur Offenen Hochschule Niedersachsen:
www.offene-hochschule-niedersachsen.de

Bundesweite Informationen und Zahlen zur Offenen Hochschule: www.studieren-ohne-abitur.de


 

Erst Ausbildung, dann Studium

Oliver Matzat hat nach seinem Abitur eine Ausbildung zum Kaufmann im Gesundheitswesen absolviert. Heute arbeitet der 26-Jährige bei der Klinik Niedersachsen Erwin Röver GmbH & Co. KG in Bad Nenndorf und studiert berufsbegleitend Business Administration mit Vertiefung Health Management im vierten Semester an der Leibniz-Fachhochschule in Hannover.

Viele Abiturienten wollen direkt nach dem Abi studieren – warum haben Sie sich anders entschieden?
Oliver Matzat: Das ist nicht ganz richtig. Ich habe mich aber mit der Entscheidung sehr schwergetan und mich letztlich direkt für ein Vollzeitstudium Wirtschaftswissenschaften an der Uni angemeldet. Ich habe dort relativ schnell gemerkt, dass das nicht das richtige für mich war – zu theoretisch! Das Studium habe ich unterbrochen und 2013 ein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht. Die Praxis des Arbeitsalltags tat mir gut. Deswegen habe ich die Ausbildung begonnen, um später entweder das Studium fortzusetzen oder etwas Neues zu beginnen.

Wie fiel die Wahl auf genau diesen Studiengang?
Matzat: Der Wirtschaftsbereich vor allem im Zusammenhang mit dem Gesundheitswesen hat mich schon immer gereizt, vielleicht auch, weil viele aus meiner Familie auch in diesem Bereich arbeiten. Die Ausbildung hat mein Interesse zusätzlich gestärkt. Außerdem hatte ich das Gefühl, noch nicht am Ende meiner „Ausbildung“
zu sein. Natürlich spielten auch finanzielle Gedanken eine Rolle. Mit einem Studium lassen sich später höhere Löhne einfacher rechtfertigen.

Warum das berufsbegleitende Studienangebot?
Matzat: Mir gefällt mein Beruf. Und ich fühle mich sehr wohl bei meinem Arbeitgeber. Ich wollte den Betrieb daher nicht unbedingt verlassen. Daher suchte ich nach einer Möglichkeit, die Tätigkeit in der Klinik mit einem Studium zu verbinden. Mit einem Jahr im Beruf fühlte ich mich dann bereit, das Studium in Form des Abendstudiums zu beginnen. Stand heute auch eine richtige Entscheidung.

Wurden Inhalte Ihrer Ausbildung auf das Studium angerechnet?
Matzat: Einige Module wurden mir für das erste und zweite Semester angerechnet. Zu diesen Themenbereichen musste ich dann weder eine Vorlesung besuchen, noch eine Klausur schreiben. Dadurch hatte ich in den beiden Semestern auf jeden Fall einen Zeitgewinn und konnte mich auch auf die anderen Inhalte besser konzentrieren.

Unterstützt Ihr Unternehmen Sie bei dem Studium?
Matzat: Ja. Ich habe vor Aufnahme des Studiums mit meinem Arbeitgeber eine Vereinbarung getroffen. Die Klinik übernimmt einen Teil der Kosten: Die Studiengebühren werden so jeweils etwa zu einem Drittel von meinem Arbeitgeber, von der Förderung durch mein Weiterbildungsstipendium und durch mich getragen. Dank meines guten Ausbildungsabschlusses wurde ich von der IHK auf das Stipendium hingewiesen, das ich nun vom Bundesministerium für Bildung und Forschung erhalte – das hilft natürlich.

Die Fragen stellte Nicole Pfrimmer.

 

Kontakt zum Autor

Nicole Pfrimmer

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